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Ein Streitgespräch Allez les deux!

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Guez: Die Hartz-Reformen sind doch vergleichsweise geräuschlos über die Bühne gegangen. Man schaue sich dagegen die Aufstände an, die es in Frankreich wegen der Erhöhung des Rentenalters gab. In Deutschland setzen sich Gewerkschaften und Unternehmer an einen Tisch, wenn es Probleme gibt. In Frankreich ist so etwas kaum denkbar.

Tichy: So heil und harmonisch ist Deutschland nun auch wieder nicht. In Stuttgart demonstrieren die Leute seit Monaten gegen einen Bahnhof. Für jede Verlegung einer Strom- oder Gasleitung, jede Flughafenerweiterung muss jahrelang prozessiert werden. Auch dann ist das Projekt noch lange nicht gesichert. Wenn es um große staatliche Infrastruktur und Industrieprojekte geht, ist uns Frankreich weit voraus. Die Raumfahrtprojekte oder Airbus wären in Deutschland doch ohne die französischen Partner nie möglich gewesen.

Guez: Wir übersehen gern die Schwächen der Deutschen und unterschätzen unsere eigenen Stärken.

Tichy: Die Franzosen vergessen gern, dass Frankreich seit 1990 meist ein dynamischeres Wachstum hatte als Deutschland. Das Land hat weit weniger unter dem Internet-Crash gelitten, und auch im Flautejahr 2009 war der Rückgang geringer als bei uns.

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    Guez: Die sanfteren Einbrüche in Krisenzeiten verdanken wir der Stärke des staatlichen Sektors. Der ist nun mal weniger konjunkturanfällig. Aber hier tut sich gleich ein weiteres deutsch-französisches Problem auf: Die Franzosen glauben an den Staat und gestehen ihm auch wirtschaftliche Kompetenz zu. Sie wehren sich entschieden gegen das Ende des Bahn-, des Post- und des Stromversorgungsmonopols.

    Tichy: Mit Erfolg! Französische Züge fahren auf deutschen Gleisen. Bis vor wenigen Monaten war die staatliche Elektrizitätsgesellschaft EDF an einem großen deutschen Stromversorger beteiligt. Deutsche Züge dürfen aber nicht auf französischen Gleisen nach London fahren. Und kein deutscher Energieversorger könnte Teile der EDF erwerben. Das nenne ich unfair.

    Guez: Vielleicht tröstet es Sie: Die Franzosen verehren die deutsche Qualität und die technische Kompetenz der deutschen Industrie.

    Tichy: Aber Sie vergessen dabei, dass -unsere technische Kompetenz sich vornehmlich auf Techniken aus dem 19. Jahrhundert bezieht wie Maschinen- oder -Automobilbau. In den High-Tech-Industrien wie Flugzeugbau, Raumfahrt, Verteidigung oder Atomkraft sind die Franzosen uns voraus.

    Guez: Stimmt, aber Deutschland hat das Siegel „Made in Germany“ und lässt es sich teuer bezahlen, oft zu teuer.

    Tichy: Mag sein, aber für diesen Ruf haben wir 200 Jahre lang gearbeitet.

    Aufgezeichnet von Nadia Abdallah

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