WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Einwanderung Schicksalsfrage für Amerika

US-Präsident Obama schützt mit präsidialen Dekreten illegale Einwanderer vor Abschiebung. Dabei geht es um mehr als Steuern, Sicherheit und familiäre Schicksale.

Der Zerfall Amerikas in Bildern
2011 begann Seph Lawless damit, sich mit dem urbanen Zerfall zu beschäftigen. Er fotografiert verlassene Fabriken, Kirchen, Krankenhäuser - und Shopping Malls. Von dem einstigen Konsumtempel der Ohio’s Randall Park Mall sind nur noch Ruinen übrig.
Nachdem er gut 3000 Fotos geschossen hatte, begann Lawless den Zerfall der Shopping Malls in seinem ersten Buch, " The Autopsy of America" zu dokumentieren.
Sein neues Buch " Black Friday: The Collapse of the Modern Mall" beschäftigt sich mit den einstigen Symbolen für Konsum und Kapitalismus. Von vielen sind nur noch traurige Ruinen übrig, wie hier in der Ohio's Randall Park Mall, früher eine der größten Malls in ganz Amerika.
Wo früher gut gelaunte Shopping-Liebhaber ihren Kaffee tranken, finden sich heute nur noch Scherben.
"Ich hoffe, dass die Leute meine Bilder sehen und das Ende der größten Wirtschaftsmaschine der Welt erkennen - die Vereinigten Staaten von Amerika", so Lawless.
Hier blüht nichts mehr. Nirgendwo werde der Zerfall Amerikas so deutlich wie an den Shopping Malls, meint Seph Lawless.
Auch die Rolling Acres Mall in Akron, Ohio, hat ihren früheren Glanz verloren.

Freitagmorgen im Frühstücksraum des Capitol Hill Hotels in Washington D.C. Auf dem Bildschirm an der Wand laufen Ausschnitte aus der TV-Ansprache von US-Präsident Barack Obama vom Vorabend. Darin hat der Präsident erklärt, dass er Millionen von illegal in den USA lebenden Ausländern mittels präsidialer Dekrete vor Abschiebung schützen wird. „Nun können meine ganzen mexikanischen Freunde das Land überfluten“, raunzt ein Hotelgast wütend seinem Nachbar zu. „Wo ist das Problem?“, meint der Angesprochene sarkastisch, „Du hast doch einen riesigen Garten, da kannst Du die prima einsetzen.“ Der ganze Tisch lacht.
Die Dame, die im Frühstücksraum bedient, ihre Kolleginnen, die ein Stockwerk höher die Betten machen und in der Küche das Mittagessen vorbereiten, hätten wahrscheinlich nicht gelacht, hätten sie die Unterhaltung gehört. Denn sie kommen fast alle aus Lateinamerika und sind entweder selbst von Abschiebung bedroht oder ihre Familienangehörigen und Freude wachen jeden Tag mit der Angst auf, dass es ihr letzter Tag in den USA sein könnte.
Rund 40 Millionen Immigranten leben in den USA, 11 Millionen – die meisten davon Latinos – haben keine gültigen Aufenthaltsgenehmigungen. Während die Zahl der Immigranten ständig wächst, geht die Zahl der „Illegalen“ seit einigen Jahren zurück. Ohne die Latinos, die legalen wie die illegalen, ginge in Amerikas Niedriglohn-Sektor nicht viel. Etliche Branchen sind dringend auf sie angewiesen, ebenso Millionen von Privatleuten, bei denen “Carlos” den Garten macht oder “Maria” sich um die Kinder kümmert.

Worüber die Amerikaner am 4. November abstimmen

Viele Amerikaner wissen vor allem die illegalen Immigranten als Arbeitskräfte zu schätzen. Denn sie wagen meist noch nicht einmal, den Mindestlohn von 7,25 Dollar zu fordern. Und sie sind auch sonst sehr gefügig, denn sie haben keine Gewerkschaft im Rücken – und die pure Erwähnung der Ausländerbehörde reicht, um jede Kritik im Keim zu ersticken.
Dennoch ist den meisten Amerikanern, auch den weißen, nicht verborgen geblieben, dass das Einwanderungssystem der USA reformiert werden muss. Jeden Tag werden etwa 1000 Ausländer abgeschoben – was Kosten von rund 30.000 Dollar pro Person verursacht. Viele von ihnen sind fleißig arbeitende und konsumierende Menschen, die seit etlichen Jahren oder Jahrzehnten im Land leben, dabei keinerlei staatliche Hilfe bekommen und häufig sogar Steuern und Rentenbeiträge zahlen. Auch müssen junge Talente gehen, die in den USA ein Studium absolviert haben und die Amerikas Unternehmen liebend gern einstellen würden, deren Herkunft ihnen aber eine Arbeitserlaubnis verbaut.

Die größten Gläubiger der USA

Ganz zu schweigen von den familiären Tragödien: Es werden jeden Tag Familien auseinandergerissen, in denen die Eltern „Illegale“ sind, die Kinder dagegen einen amerikanischen Pass haben, weil sie in den USA geboren wurden. Und an Amerikas Grenze zu Mexiko, die immer mehr zur Festung ausgebaut wird, sitzen in Auffanglagern tausende von Kindern fest, die allein die Grenze überqueren wollten. Amerikas Einwanderungsgesetze haben auch für diese Situation keine Lösung. „Unser Einwanderungssystem ist kaputt“, hieß es nach Obamas Rede einhellig im linken wie im rechten politischen Lager. Leider endet der Konsens da auch schon. Wie, wann und von wem das System repariert werden soll, darüber tobt in den USA seit Jahren ein erbitterter Streit, den Obama mit seiner Ankündigung, nun im Alleingang zu handeln, weiter eskalieren ließ. Die Republikaner schäumen und wollen aus Rache Obamas Gesundheitsreform erneut vor Gericht zerren.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%