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Energie Duell um die Ostseepipeline

E.On Ruhrgas und Gazprom ringen um das Gas aus der Ostsee-Pipeline Nord Stream. Der Chef des Ökostromanbieters Lichtblick mischt sich mit einer Konkurrenzröhre ein.

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Lager für die Gaspipeline Quelle: AP

Wie David gegen Goliath zu kämpfen, daran ist Heiko von Tschischwitz gewöhnt. Der 40-jährige Chef des Hamburger Ökostrom-Unternehmens Lichtblick hat in jahrelangen Mühen mächtigen Energieriesen wie RWE und E.On Marktanteile abgetrotzt. Heute ist Lichtblick mit mehr als 400.000 Kunden der größte unabhängige Stromanbieter Deutschlands. Jetzt tritt der Ökomanager des Jahres 2006, dem die besten Einfälle, wie er sagt, beim Joggen um die Alster kommen, zum nächsten Duell an: Von Tschischwitz macht E.On und Wingas die Herrschaft über die deutsche Gasversorgung streitig.

Die Lichtblick-Tochter Concord Power bereitet den Bau einer 220 Kilometer langen Pipeline namens Nordal vor, die von 2012 an sibirisches Gas aus der geplanten Untersee-Leitung Nord Stream zu deutschen Abnehmern transportieren soll. Die Brisanz liegt darin, dass es in dem vorgesehenen Gebiet nur eine Anschlussleitung geben kann. Und die will unter dem Namen Opal bisher ein Konsortium aus E.On, Gazprom und BASF bauen.

Unstrittig ist, dass das Gas weiter zu seinen Abnehmern transportiert werden muss, falls der Bypass durch die Ostsee Wirklichkeit wird. Von wem und auf welchem Wege – darum fechten zwei ungleiche Gegner: auf der einen Seite das Konsortium Opal NEL Transport. Es besteht aus E.On Ruhrgas und Wingas, einem Joint Venture des russischen Erdgasriesen Gazprom und der BASF-Tochter Wintershall – also jenen Konzernen, die auch das Nord-Stream-Konsortium bilden. Auf der anderen Seite steht die kleine Gesellschaft Concord Power.

Die Idee von Concord- und Lichtblick-Chef von Tschischwitz scheint aberwitzig: Frech will der Ökostrom-Marketier Opal NEL Transport und damit Gazprom, dem Herrn über das Nord-Stream-Gas, eine Konkurrenzröhre vor die Nase legen. Von Tschischwitz, hinter dem der Hamburger Energie-Unternehmer Michael Saalfeld mit seinem Vermögen steht, glaubt allen Ernstes, die Russen würden sich von ihm vorführen lassen und ihm dann auch noch seine Pipeline füllen.

Die liberale Konkurrenzpipeline ist deutlich billiger

Ein Hirngespinst? Vielleicht nicht: Während Opal sich noch durch langwierige Planfeststellungsverfahren, in Brandenburg sogar noch durch das vorgelagerte Raumordnungsverfahren und den zähen Widerstand von Bürgerinitiativen windet, hat von Tschischwitz schon alle Baugenehmigungen in der Tasche. Nordal soll, nur 220 Kilometer lang, von Lubmin zu einem Verteilerknoten bei Berlin führen und mit 600 Millionen Euro außerdem wesentlich billiger werden als Opal. Die Nordal-Planer glauben, ihre Leitung könnte das Projekt des Opal-Konsortiums überflüssig machen, das voraussichtlich mehr als eine Milliarde Euro teuer sein werde.

Zwar kann niemand Gazprom zwingen, sein Gas in die Nordal-Röhre einzuspeisen. Sollte allerdings Opal nicht genehmigt werden, dann säßen die Russen in der Zwickmühle: Wahrscheinlich müssten sie ihr Gas in diesem Fall notgedrungen in die Nordal-Pipeline leiten, um es überhaupt an den Mann bringen zu können. Im Gegensatz zur Röhre der drei Großen soll Nordal allen interessierten Gasabnehmern zur Verfügung stehen, die den Rohstoff dann direkt am Anlandepunkt Lubmin kaufen würden. Der Kunde würde an Nord Stream, vermutlich sogar direkt an Gazprom zahlen, Concord Power wäre lediglich Spediteur und würde für den Transport entlohnt.

Damit entspricht Concord Power den Energiemarkt-Grundsätzen der EU, der Bundesregierung und der Bundesnetzagentur, die den Gashandel in Deutschland überwacht. Politiker und Regulierer wollen ein liberalisiertes, offenes europäisches Gasvertriebsnetz. Das soll den Preiswettbewerb der Anbieter fördern und transparent machen und die Energiekosten der Verbraucher so niedrig halten wie möglich.

„Wir sind sicher, dass wir uns am Ende durchsetzen werden“, sagt Concord-Chef von Tschischwitz. Mit der Pipeline seiner Konkurrenten würden auf die Verbraucher ein „unreguliertes Liefermonopol“ und höhere Preise zukommen. Gemeint ist: E.On und Wingas wollen mit Opal das Gas bis zum Kunden leiten und es ihm dort verkaufen. So müssten sie ihre Transportkosten nicht offenlegen. Das Ergebnis wären vermutlich höhere Gewinnmargen.

Opal NEL Transport schafft bereits Fakten: Entlang der Trasse hat das Konsortium in der Nachbarschaft verschlafener mecklenburg-vorpommerscher und brandenburgischer Städtchen Hunderte von Stahlröhren für Opal stapeln lassen. Die Opal-Teilhaber bestehen darauf, ihre Pipeline exklusiv nutzen zu dürfen. Ihr Argument: Ohne volle Kontrolle über die Leitung gebe es keine Profit- und damit keine Investitionssicherheit. Um die teure Röhre mit niemandem teilen zu müssen, kämpft Opal NEL Transport gegenwärtig bei der Bundesnetzagentur um die Ausnahme vom Energiewirtschaftsgesetz, das Pipelinebetreibern auferlegt, anderen Marktteilnehmern „diskriminierungsfreien Netzzugang“ zu gewähren. Das Gesetz erlaubt Ausnahmen – etwa dann, wenn das Investitionsrisiko anderenfalls so hoch wäre, dass die Pipeline gar nicht erst gebaut würde.

Dieses Szenario hat Wingas-Chef Rainer Seele den Regulierern und der Bundesregierung schon angedeutet: Wegen des regulierten Netzzugangsmodells und der Entflechtungsvorgaben der Bundesregierung müsse Wingas „seine Strategie überdenken“, sagte er auf einem Energiekongress in Köln – und beschwor im selben Vortrag die Gefahr einer Unterversorgung Deutschlands mit Gas herauf.

grafik_pipelines

Der zum Jahreswechsel wieder aufgeflammte russisch-ukrainische Zwist um Gaslieferungen verschärft das Duell der Pipeline-Planer. Vergangene Woche drehte Russland Europa den Gashahn ab: Über die Pipelines durch die Ukraine kam nichts mehr an. Mit Nord Stream ließe sich das Konfliktgebiet Ukraine einfach umgehen.

Für E.On Ruhrgas und Wingas ist die mindestens sieben Milliarden Euro teure Ostsee-Pipeline nur dann sinnvoll, wenn sie auch ihre Anschlussröhren Opal und Norddeutsche Erdgasleitung (NEL) verlegen und kontrollieren. Durch Opal ließe sich nicht nur Ostdeutschland beliefern. Die Leitung soll südwärts bis zur tschechischen Grenze verlaufen, könnte somit auch Tschechien versorgen und von dort aus über die geplante Transitleitung Gazelle Süddeutschland und Teile Frankreichs.

Die Pipeline wäre ein ideales Werkzeug für die russische Energie-Außenpolitik: Ukrainische Transitleitungen zu ersetzen sei Russlands Hauptmotiv für den Bau von Opal und Nord Stream, sagen Brancheninsider. So könnte Gazprom auch südliche Gebiete versorgen, falls Russland durch die Ukraine weniger oder gar kein Gas mehr dorthin leitet.

Käme Opal nicht, bliebe den Nord-Stream-Investoren – neben der nicht von ihnen kontrollierten Nordal – nur die nach Westen führende NEL. Mit dieser allein aber ginge Gazproms Strategie, die Ukraine zu umgehen und in Westeuropa weiträumig direkt an die Endkunden zu verkaufen, nicht auf. Im Westen verdient Gazprom gutes Geld, das es während der globalen Wirtschaftskrise, die auch den Gasabsatz beeinträchtigt, dringend brauchen wird.

Aufnahmeantrag für Opal scheiterte bereits

Die Ostsee-Pipeline hat in Moskau, Berlin und bei den Gas-Monopolisten höchste Priorität. Kenner des Gasmarktes halten verklausulierte Drohungen, Nord Stream nicht zu bauen, deshalb für wenig glaubwürdig. Die Entscheidung, welche Anschlusspipeline am Ende gebaut wird, liegt bei den Genehmigungsbehörden, vor allem bei der Bundesnetzagentur in Bonn. Dort werden voraussichtlich in diesem Jahr Sieger und Verlierer bestimmt.

Ein Ausnahmeantrag für Opal bei der Bundesnetzagentur scheiterte bereits. Denn die Regulierer wollen die Kontrolle über neue deutsche Gaspipelines gerade nicht in den Händen der großen Gaslieferanten sehen, sondern bei unabhängigen Betreibergesellschaften. Also schufen E.On Ruhrgas und Wingas die formal selbstständige und heute als Hauptakteur auftretende Konsortialgesellschaft Opal NEL Transport. Allerdings wird auch dieses Vehikel von der Wingas-Gruppe beherrscht. Sie gehört zu 50 Prozent minus einer Aktie dem staatlich kontrollierten Gaslieferanten und Exportmonopolisten Gazprom und entspricht somit kaum Chefregulierer Matthias Kurths Vorstellungen von einem liberalisierten Gasmarkt.

Concord-Chef von Tschischwitz hat mit den Konsortialpartnern noch eine Rechnung zu begleichen: Die erste Runde verlor der David nämlich gegen die Goliaths. Einst plante Concord Power ein eigenes 1200-Megawatt-Gaskraftwerk am Ostseestrand. Die Hamburger erwarben ein ideal gelegenes Grundstück bei Lubmin und erwirkten die nötigen Baugenehmigungen. Verfeuern wollte von Tschischwitz Gas aus dem deutschen Netz – dazu war ursprünglich Nordal gedacht – und aus der Nord-Stream-Pipeline.

Doch das Vorhaben scheiterte am Widerstand des erhofften Lieferanten Gazprom. Offenbar wollten die Russen das Geschäft lieber selbst machen: Auf die Absage folgte sogleich ein Angebot, Concord das Grundstück abzukaufen. Bittere Ironie für von Tschischwitz: E.On Ruhrgas und Gazprom werden das Kraftwerk nun bauen – das sieht ihre im März 2008 unterzeichnete Absichtserklärung vor.

Geht ihr Plan auf, bleibt also alles hübsch in der Familie: die Gaslagerstätten, der Transport durch die Ostsee, der Weitertransport durch Opal und NEL und nun auch noch die Stromerzeugung in Lubmin. Alles könnte so einfach sein – wäre da nicht der lästige kleine Widersacher aus Hamburg mit seiner unverschämt liberalen und dazu noch genehmigten Leitung.

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