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Energieexperte Yergin „Es werden mit Sicherheit einige Unternehmen bankrottgehen“

Daniel Yergin ist Vice Chairman IHS Markit und einer der anerkanntesten Energieexperten der USA. Quelle: ddp images

Der renommierte US-Energiemarktexperte Daniel Yergin erklärt, wie sich der heftige Ölpreisverfall auf die Fracking-Revolution in den USA auswirkt – und warum er Pleiten in der Branche erwartet.

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Daniel Yergin ist Vice Chairman IHS Markit und einer der anerkanntesten Energieexperten der USA. Er diente im Advisory Board des amerikanischen Energieministeriums unter den Präsidenten Clinton, Bush, Obama und Trump und ist Autor mehrerer Publikationen über den Energiesektor und den Ölmarkt. Im September erscheint sein neues Buch: „The Map: Energy, Climate and the Clash of Nations“. 

WirtschaftsWoche: Fracking hat den Energiesektor in den Vereinigten Staaten grundsätzlich revolutioniert. Bedeutet der aktuelle heftige Ölpreisverfall das Ende dieser Ära?
Daniel Yergin: Nein, Schieferöl wird auch weiterhin seinen Platz haben. Aber das Wachstum dürfte künftig weniger spektakulär ausfallen. Seit der OPEC+-Vereinbarung ist die amerikanische Ölproduktion um 60 Prozent angestiegen. Die Förderung lag im vergangenen Monat über 13 Millionen Barrel am Tag – weit mehr als Russland und Saudi-Arabien an die Oberfläche gebracht haben. Wir hatten ohnehin erwartet, dass dieser Trend abflachen würde. Das wird sich nun beschleunigen. Trotzdem werden die USA auch in einem Jahr noch der größte Ölproduzent der Welt sein.

Was bedeutet die Entwicklung für die Schiefergas-Produktion?
Für die amerikanischen Gasproduzenten sind die Aussichten gar nicht so schlecht. Wenn die Ölproduktion sinkt, geht auch die Gasförderung zurück – und der amerikanische Markt war zuletzt völlig übersättigt, weswegen die Preise extrem niedrig lagen. Jetzt könnten sie wieder steigen. Verglichen mit den Ölförderern stehen die Gasproduzenten also ganz passabel da.

Welche Auswirkungen hat der Absturz der Preise auf die US-Wirtschaft?
Die USA sind vom größten Importeur der Welt zum größten Produzenten von Öl und Naturgas geworden. Damit ist der Energiesektor zu einem sehr wichtigen Bereich der Wirtschaft aufgestiegen. Die Lieferketten reichen mittlerweile durchs ganze Land und ziehen extrem viele Investitionen an. Deshalb hat ein niedriger Ölpreis jetzt äußerst komplexe Auswirkungen auf die US-Wirtschaft. Vor der Fracking-Revolution war das übersichtlicher. Da wurden niedrige Preise gefeiert, da sie das Benzin für Autofahrer billiger machten.

Präsident Donald Trump hat bereits getwittert, der niedrige Preis sei gut für Konsumenten. Stimmt das nicht?
Wenn Sie tanken müssen, ist es natürlich gut. Da wirken die niedrigeren Kosten wie eine kleine Steuersenkung. Allerdings findet der Preisverfall im Kontext der Coronavirus-Epidemie statt. Und billige Benzinpreise bringen nicht viel, wenn Schulen geschlossen sind, Flüge abgesagt werden und man von zu Hause arbeitet.

Was können die Energieproduzenten jetzt tun?
Im Moment wird alles getan, um Kosten zu senken. In den vergangenen Tagen haben viele Förderer bereits ihre Budgets gekürzt, Bohrungen reduziert und Investitionen abgesagt. Das dürfte sich über die nächsten Quartale hinziehen. Viele Fracking-Unternehmen wird es dennoch hart treffen, da sie hohe Schulden haben. Und die Nachfrage hatte sich durch die schlechtere wirtschaftliche Lage sowieso schon verringert. Wir haben berechnet, dass der weltweite Bedarf im ersten Quartal dieses Jahres um rund vier Millionen Barrel pro Tag niedriger liegen wird, als im vierten Quartal 2019. Das Coronavirus trifft die Industrie damit deutlich heftiger als es die Handelsstreitigkeiten des vergangenen Jahres getan haben.

Angesichts der sinkenden Nachfrage können die Produzenten den Preisverfall auch nicht durch mehr Produktion ausgleichen.
Das ist richtig. Außerdem müssen die Unternehmen Geld in die Hand nehmen, um Öl und Gas zu fördern. Fracking bedarf hoher Investitionen. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Förderung sich deutlich verlangsamen wird.

Erwarten Sie Pleiten?
Es werden mit Sicherheit einige Unternehmen bankrottgehen. Das war schon nach dem Preisverfall des Jahres 2014 so. Auch damals hatten viele Fracker hohe Schulden aufgenommen und konnten diese dann nicht mehr abbezahlen.

Kann die Regierung etwas tun, um die Industrie zu schützen?
Präsident Trump hat bereits beim saudischen Kronprinzen angerufen. Und ich gehe davon aus, dass dies nicht das letzte Gespräch bleiben wird. Da könnte es sogar Fortschritte geben, schließlich ist Saudi-Arabien in vielerlei Hinsicht auf die Vereinigten Staaten angewiesen. Das kann man über Russland nicht sagen. 

Wie sehen Sie Russlands Rolle in der Auseinandersetzung?
Anders als die Saudis haben die Russen nie anerkannt, dass amerikanisches Fracking-Öl und -Gas jetzt Teil des Marktes ist. In Moskau stellt man sich die Frage: Warum halten wir unsere Produktion zurück, um mehr Raum für einen strategischen Konkurrenten zu lassen? Ich denke auch, dass hier unterschätzt wird, wie die Sanktionen gegen Nord Stream 2 in Russland aufgenommen worden sind. Das Projekt ist für russische Interessen sehr wichtig. Meiner Einschätzung nach sehen wir gerade die Revanche. 

Das lassen sich die Russen Einiges kosten. Die aktuellen Preise treffen ja nicht nur die Amerikaner...
Vor allem die Saudis werden zu kämpfen haben. Der aktuelle Ölpreis ist sicher nicht gut für Russland, aber das Land kann dies für eine Weile abfedern. Sie haben Reserven und eine diversifiziertere Wirtschaft. Russlands Haushaltsziel für den Ölpreis ist 42 Dollar. Laut Internationalem Währungsfonds braucht Saudi-Arabien 75 bis 80 Dollar, um seine Haushaltsziele zu erfüllen. Angesichts dieser Zahlen wird der Kampf um Marktanteile zwar noch eine Weile weitergehen, doch irgendwann müssen sich die Akteure auf einen Deal verständigen. Sonst wird es zu schmerzhaft für alle Beteiligten.

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