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Energiemacht Russland Was uns ein neuer Kalter Krieg kostet

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Ölfeld Kalinigrad Quelle: Laif

Was das für Deutschland bedeutet, ist klar. Die mögliche Vervierfachung des Gaspreises, von der Gazprom-Chef Alexej Miller vor ein paar Wochen redete, würde jedenfalls kaum noch daran scheitern, dass westeuropäische Kunden auf irgendwelche Konkurrenten der Russen ausweichen könnten. Vom Nordsee-Erdgas der Briten und der Niederländer ist nicht mehr viel da, vor Geschäftsabschlüssen mit dem Iran steht wahrscheinlich noch lange die große Krise um die Nuklearpläne der Mullahs, und Erdgas aus Quellen von Katar bis Argentinien ließe sich in Deutschland nur nach riesigen Investitionen in die Verflüssigung des Rohstoffs nutzen.

Und dabei geht es nicht nur um den Preis des Energieträgers. Noch nicht einmal nur um die Zuverlässigkeit des Lieferanten Gazprom, der in den vergangenen Jahren aus Verärgerung bisweilen die Energielieferungen an die Ukrainer drosselte.

Denn wenn sich die internationale Lage weiter verschärft, wird Putins Russland seine Ressourcen immer mehr in Aufrüstung und ins Militär stecken. Nach Meinung westlicher wie russischer Militärfachleute hat sich die russische Armee im Krieg gegen das kleine Georgien nicht mit Ruhm bekleckert. Die T-72-Panzer, gebaut wie in den Siebzigerjahren, wären gegen moderne Abwehrwaffen ungeschützt gewesen, konstatierte das „Wall Street Journal“. Und über den Köpfen der Panzersoldaten flogen Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi Su-25, die schon zu sowjetischen Zeiten den Nato-Modellen unterlegen waren. Wenn sich das ändern soll, müsste der russische Staat seinen in den acht Putin-Jahren von sieben auf 35 Milliarden Dollar pro Jahr gewachsenen Verteidigungshaushalt noch einmal aufblähen – das aber ginge nur auf Kosten der Gas- und Erdölindustrie.

Die jedoch arbeitet jetzt schon mit zum großen Teil veralteten Anlagen und altersschwachen Pipelines. Das ist die einzige Erklärung für den Rückgang der russischen Erdgas-Jahresförderung von 2006 und 2007 um immerhin 0,7 Prozent – in diesem Jahr, meinen Experten, wird sich das fortsetzen. Ein hoch gerüstetes, von ausländischen Investoren und Experten abgeschiedenes Russland könnte irgendwann seine Kunden auch dann nicht mehr ausreichend mit Gas und Öl beliefern, wenn es das wollte.

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    Finstere Aussichten, im Grunde auch für Medwedew, Putin und ihre Berater, die vor Jahren die Verdoppelung des russischen Lebensstandards von 2000 bis 2015 proklamiert haben. „Für seine wirtschaftlichen Ziele braucht Russland gerade heute die Kooperation mit dem Westen“, meint der deutsche Sicherheitsexperte Horst Teltschik, zur Zeit der Wiedervereinigung Bundeskanzler Helmut Kohls außenpolitischer Berater und Mann für die Verhandlungen mit Moskau.

    Jetzt dagegen scheint Konfrontation angesagt. Dafür herrscht im Inneren Russlands Stabilität – und in den vergangenen acht Jahren unter Präsident Putin profitierten davon auch deutsche Unternehmen. Sie verkauften und investierten, ihre Zahl wuchs bisher beständig.

    Die jetzt heraufdräuende politische Krise kommt der Wirtschaft denkbar ungelegen. Josef Ackermann etwa, Chef der Deutschen Bank, könnte eine Erfolgsmeldung aus Russland sehr gut gebrauchen. Der Aktienkurs der Deutschen Bank ist mal wieder auf Talfahrt, und in kleineren osteuropäischen Ländern hat sich der Finanzkonzern von der Konkurrenz abhängen lassen. Stiege Ackermann nun, wie es Premier Putin ihm im Juni bei einem vertraulichen Treffen vorgeschlagen hat, auf dem rasch wachsenden russischen Privatkundenmarkt groß und spektakulär ein, könnte er seinen Aktionären endlich wieder Laune machen: Die Deutsche Bank, gab Putin zu verstehen, könnte Partner der Nummer eins auf dem russischen Finanzmarkt werden, der staatlich kontrollierten Sberbank mit ihren über 20.000 Filialen – ein schwerfälliger, aber von der internationalen Finanzkrise unberührter Riese.

    Doch der schöne Plan könnte jetzt zum ersten spektakulären Opfer der politischen Krise im Reich der Unternehmen werden. Putins ehemaliger Wirtschaftsminister Herman Gref, heute Vorstandschef der Sberbank, dürfte in der neu angebrochenen Eiszeit andere Prioritäten haben, als Ackermann den Weg nach Russland zu ebnen. Aus Frankfurt heißt es derzeit nur, seit Juni gebe es keine neuen Entwicklungen.

    Daimler in die Bredouille

    Auch der Traum von E.On-Chef Wulf Bernotat, endlich wie sein Konkurrent Wintershall selbst aus den russischen Energiequellen zu schöpfen, droht zu platzen. Seit Jahren hält Gazprom den deutschen Energieversorger in Verhandlungen um eine Beteiligung an dem sibirischen Gasfeld Juschno Russkoje hin. Eine härtere Energiepolitik des Kreml könnte nun das Aus bedeuten.

    Der Krieg im Kaukasus hat auch Daimler in die Bredouille gebracht: Der Automobilhersteller hatte sich gerade zu einem neuen Anlauf in Russland durchgerungen, denn im Lastwagengeschäft ist den Deutschen die Konkurrenz davongefahren, während andere Lkw-Hersteller ihren Absatz in Russland Jahr für Jahr verdoppelten. Mit Kamaz, dem russischen Marktführer, könnte sich Lkw-Vorstand Andreas Renschler ein landesweites Vertriebsnetz erschließen und den verlorenen Boden gutmachen. Doch die Kamaz-Muttergesellschaft Rostechnologij, geführt von Putins altem KGB-Kumpel Sergej Tschemesow, ist ein undurchsichtiger Staats- und vor allem auch Rüstungskonzern. Wie dieser Partner während einer neuen Eiszeit zwischen Ost und West agiert, weiß in Stuttgart niemand.

    Ähnliche Sorgen kann sich auch EADS machen. Der europäische Rüstungskonzern hat noch in friedlichen Zeiten seinen zehnprozentigen Anteil an dem russischen Kampfflugzeugbauer Irkut verkauft, um sich später am derzeit entstehenden OAK-Konzern zu beteiligen, in dem nach Putins Vorstellung alle wichtigen russischen Flugzeughersteller ihre Kräfte bündeln sollen. Ob die Russen die Europäer jetzt noch in dem von rüstungstypischer Geheimnistuerei durchdrungenen neuen Konzern einsteigen lassen, steht in den Sternen.

    Sollten sie es schließlich doch tun, dann vor allem wegen ihrer typischen Schwächen. Außer Bodenschätzen und Waffen hat das riesige Russland fast nichts Konkurrenzfähiges auf dem Weltmarkt zu präsentieren. OAK braucht Kooperation, wenn es im Ausland Flugzeuge verkaufen will. Kamaz kann mit seinen robusten Retro-Lastern gerade noch in Russland, aber kaum auf fremden Märkten reüssieren.

    Gleiches gilt für den russischen Finanzsektor. Die Sberbank soll für ihre Kunden moderne Finanzprodukte entwickeln und über Russland hinaus expandieren. Dabei, so hat es sich Putin überlegt, sollte ihr die Deutsche Bank helfen und darüber hinaus weitere russische Unternehmen an westliche Börsen bringen, um frisches Kapital ins Land zu bringen. Das war zumindest der Plan, bevor die Georgier das Bergstädtchen Zchinwali beschossen und die Russen den Ölhafen Poti bombardierten.

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