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Energiemacht Russland Was uns ein neuer Kalter Krieg kostet

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Auch umgekehrt steht einiges auf dem Spiel. So war eine Reihe russischer Unternehmen und Oligarchen drauf und dran, dem aus besseren Zeiten stammenden Aufruf Putins zu folgen und im Westen zu investieren. So interessierte sich der Milliardär Alexander Lebedew für den Hamburger Reiseveranstalter Öger Tours. Würde das Projekt scheitern, wäre das auch ärgerlich für Öger. Denn der Spezialist für Türkei-Reisen hätte mit Lebedews Hilfe exzellente Chancen auf dem russischen Markt.

Die wachsende Reiselust seiner Landsleute hatte auch der Stahlbaron Alexej Mordaschow im Sinn, der seinen Anteil am Touristikkonzern TUI auf 15,3 Prozent aufgestockt hat. Lebedew und Mordaschow sind typisch für viele russische Investoren in Deutschland. Sie wollen das Know-how und die Marken ihrer deutschen Erwerbungen auf dem russischen Heimatmarkt nutzen. Läuft das glatt, profitiert auch die deutsche Seite.

Das wird in Branchen, die auch im weitesten Sinn keine strategische Bedeutung haben, auch in Zukunft sicher so sein. Wie bei Dr. Scheller Cosmetics: Das schwäbische Unternehmen schrieb rote Zahlen, als der Jekaterinburger Kosmetikkonzern Kalina neuer Besitzer wurde. Jetzt setzt Kalina auf dem jährlich um mindestens 15 Prozent wachsenden russischen Kosmetikmarkt gezielt die Scheller-Marken und das Attribut „made in Germany“ ein. Scheller-Chef Reinhold Schlensok meint, vor Eignern aus dem Osten müsse man keine Angst haben: „Die russischen Manager lassen uns viele Freiheiten“, sagt der Alleinvorstand.

Gesichtscreme nach schwäbischem Rezept als Verkaufsschlager im Ural – das ist auch dann harmlos, wenn in Georgien oder anderswo an Russlands Grenzen geschossen wird. Andere russische Investitionen sind jetzt aber kaum noch realistisch: Die Bundesregierung, die vor zwei Jahren bereits dem russischen Mischkonzern Sistema den Zugriff auf die Deutsche Telekom verwehrte, dürfte nun auch die Idee von Hartmut Mehdorn abwegig finden, die Deutsche Bahn durch eine Überkreuz-Beteiligung an die staatliche russische Bahngesellschaft RZD anzukoppeln.

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    Bahnlinien, Flugzeuge, finanzielle Verflechtungen: Schwer vorstellbar, dass eine neue politische Eiszeit ohne schlimme wirtschaftliche Frostschäden zu überstehen ist. Da passt ins Bild, dass das Bundeskabinett just diese Woche eine Änderung des Außenwirtschaftsgesetzes beschloss. Die Möglichkeit, ausländische Beteiligungen von mehr als 25 Prozent an bestimmten deutschen Unternehmen zu verbieten, zielt unausgesprochen auch gegen Russland und Gazprom. Umso nötiger sei es, die politische Krise durch unermüdlichen Dialog mit Russland zu überwinden oder wenigstens einzudämmen, meint Teltschik – so schwer das auch sein mag.

    Potenzielle Konflikte nach georgischem Muster, nur noch näher vor Deutschlands Haustür, gibt es genug. Ähnlich wie in Georgien brachte auch in der Ukraine eine von den USA unterstützte demokratische Revolution erklärte Gegner des Kremls an die Macht. Auch dort lebt eine russisch sprechende Minderheit, deren politische Vertreter eifrig am Sturz von Präsident Juschtschenko arbeiten, dessen Gesicht noch immer von einem politischen Giftmordanschlag gezeichnet ist. Die Urheber wurden nie gefasst.

    Als Provokation müssen die Russen empfinden, dass Juschtschenko persönlich dieses Jahr in Kiew eine große Ausstellung über Josef Stalins Massenmorde eröffnet hat. Was in seriösen historischen Untersuchungen als monströses Verbrechen der Kommunisten aus ideologischen Motiven analysiert wird, erscheint in der ukrainischen Ausstellung jetzt als Völkermord russischer Nationalisten an sieben Millionen Ukrainern. So wächst der Hass, und potenzielle Grenzkonflikte werden zur Kriegsgefahr.

    Sollbruchstelle an Russlands Grenzen

    Kein Zufall darum, dass Juschtschenko jetzt der russischen Kriegsflotte das vertragliche Recht nehmen will, Hafenanlagen auf der Krim nach Belieben zu nutzen. Auf der ukrainischen Halbinsel leben fast nur Russen. Sie gehört nur darum heute nicht zu Russland, weil der sowjetische Parteichef, mit einer Ukrainerin verheiratet, die Krim 1954 der damaligen ukrainischen Sowjetrepublik zum Geschenk machte.

    Nicht die einzige Sollbruchstelle an Russlands Grenzen: Seit dem Ende der Sowjetunion klagt Russland über die schlechte Behandlung der russischen Volksgruppen in den drei baltischen Staaten, die heute allesamt zur Nato und zur EU gehören. In der estnischen Hauptstadt Tallinn wurde vorigen Sommer ein sowjetisches Mahnmal entfernt, worauf Randalierer aus der russischen Minderheit (ein Viertel der Bevölkerung) für eine internationale Minikrise sorgten. Im Nachbarland Lettland mit fast 30 Prozent russischen Einwohnern rächt sich die Bevölkerungsmehrheit für die Zeit der Sowjetherrschaft mit systematischer Diskriminierung der Minderheit – die meisten Russen haben bis heute keine lettischen Pässe erhalten, Schulunterricht in russischer Sprache ist für die gymnasiale Oberstufe verboten.

    Aus solchen banalen Dingen wächst das Gespenst eines neuen Kalten Krieges. Kaum überraschend, dass das staatliche Okkupationsmuseum in der lettischen Hauptstadt Riga gerade in diesem Monat die fragwürdige ukrainische Ausstellung über den angeblichen russischen Völkermord übernommen hat. Die russischen Politiker und ihre Widersacher in Tiflis und Kiew, Tallinn und Riga gehen auf Konfliktkurs.

    Nur ihre Bürger machen da erfreulich oft nicht mit. Wie die Olympia-Sportschützinnen Natalia Paderina aus Russland und Nino Salukwadse aus Georgien, die sich auf dem Pekinger Siegertreppchen demonstrativ küssten, als ihre Landsleute Krieg spielten. Wie die 600.000 Russen in Lettland, die bisher resistent gegen alle nationalistischen Verführungen geblieben sind. Die Aussicht auf wirtschaftliches Wohlergehen im jungen EU-Staat Lettland macht sie offenbar gegen patriotische Appelle aus dem Kreml immun.

    Wenn so eine Einstellung auch in Russland um sich greifen würde, könnte der Kalte Krieg 2.0 aufhören, bevor er richtig begonnen hat.

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