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Enthüllungsbuch über Japan Das kriminellste Unternehmen der Welt

Wer sich für Japan interessiert, muss dieses Buch lesen: "Tokio Vice" von Jake Adelstein ist aber auch für jeden anderen Leser höchst empfehlenswert. Es gibt einen intimen Einblick in die Gesellschaft des Landes und zeigt nicht geahnte Zusammenhänge zwischen Unternehmenswelt, Polizei und Kriminalität. Adelstein ist Top-Enthüllungsjournalist und erzählt seine spannende Lebensgeschichte, die so unglaublich klingt, dass man sie am liebsten gar nicht glauben würde.

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Der Cover von Jake Adelsteins Buch

Eine Szene wie im Hollywood-Thriller: Der Journalist sitzt nervös an seiner Zigarette ziehend auf einem klapprigen Stuhl und schaut nervös auf den Gangster vor ihm. Der macht keinen Hehl aus seiner Entschlossenheit: "Vergessen Sie die Story oder wir machen Sie fertig. Aber zuerst Ihre Familie, damit sie ihre Lektion lernen, bevor Sie sterben." Doch diese Szene ist keine Fiktion, sie soll so stattgefunden haben.

Es ist die Geschichte von Jake Adelstein. Der US-Amerikaner ist früh nach Japan ausgewandert und startete mit 23 eine Karriere bei der großen Zeitung Yomiuri Shimbum. Er ist der einzige westliche Journalist, der jemals in Japan als Polizeireporter arbeiten durfte. Und als solcher schaffte er es nach ganz oben. Adelstein wurde zu einem der wichtigsten Enthüllungs-Journalisten des Landes und hat zahlreiche Fälle aufgedeckt. Bis zu diesem ganz großen.

Japan, wie fiele es nicht kennen wollen

Der gewöhnungsbedürftige Titel "Tokio Vice. Eine gefährliche Reise durch die japanische Unterwelt" täuscht ein wenig über die Klasse des Buches hinweg. Es ist eine höchst gelungene Mischung aus Autobiografie, Krimi und Enthüllungsroman, spannend zu lesen und verständlich. Adelstein entführt den Leser in Massagesalons, in denen so ziemlich alles außer Nacken und Rücken massiert werden, Strip-Clubs und sonstige Horte der Unterwelt. Das Buch zeigt Japan, wie es viele nicht kennen und vermutlich auch gar nicht kennen wollen. So ganz nebenbei lernt der Leser sehr interessante Dinge über die japanische Kultur und Geschäftswelt, vom Visitenkartenaustauschen bis zum Sexualleben.

Adelstein hebt sich selbst nicht in den Vordergrund und stilisiert sich nicht als heroischen Idealisten des Enthüllungs-Journalismus. Im Gegenteil. Es wirkt zufällig, wie der junge Mann zu diesem Beruf kommt und sich in einer Gesellschaft durchsetzt, die Ausländer nicht besonders gut behandelt. Überredungskunst, Schmeichelei und Bestechung werden zum unverzichtbaren Handwerk. Plötzlich sitzt Adelstein bei der Familie eines Polizisten zu Hause, als der nach Hause kommt - und das ganze ist vollkommen normal. Schließlich kommt man nur so an die wichtigen Informationen.

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    Permanente Müdigkeit, viel Alkohol und Zigaretten, aber vor allem die regelmäßigen Momente tiefer Traurigkeit kennzeichnen den Alltag des Journalisten: "Nimm dir Dinge nicht zu sehr zu Herzen! Ich nahm sie mir zu sehr zu Herzen." Schließlich werden immer wieder Informanten und befreundete Polizisten ermordet. Recherchen dauern manchmal Monate. Verprügelt und bedroht worden ist Adelstein häufig. Am Ende musste er sogar um sein Leben fürchten und um das seiner Frau, einer Japanerin. Die hat er übrigens in der Mittagspause geheiratet.

    Der US-Journalist Jake Adelstein.

    Tradition zwischen Kiomono und Quelle: REUTERS

    Das Familienleben von Jake Adelstein leidet, wenig überraschend, massiv unter seiner Arbeit. Vermutlich hätte sich eine westliche Frau längst von ihm geschieden, aber im japanischen Kulturkreis bleibt man eben auch zusammen, wenn der Mann praktisch kaum noch zuhause ist, viel Geld für Alkohol ausgibt, im Hinterzimmer übernachtet und sexuell alles andere als monogam lebt: "Natürlich hätte ich mit meiner Frau reden sollen, aber ich tat es nicht. Wann auch, ich war ja kaum zu Hause." Adelstein muss sich irgendwann so sehr um die Sicherheit seiner Frau und des Kindes sorgen, dass er am Ende seiner Karriere mit ihnen in die USA zieht.

    Enge Verflechtungen mit ausländischen Banken

    Adelstein kämpft vor allem gegen die Yakuza. Man könnte diese Organisation auch Mafia nennen oder eine Verbrecherorganisation, aber das würde es nur zum Teil treffen. Yakuza ist ein Geflecht aus über 1000 Firmen. Sie verdient ihr Geld mit illegalen Geschäften, häufig Immobilienbetrügereien, Firmenplünderungen - aber auch Drogenverkauf. Die Verflechtungen mit ausländischen Banken sind eng. "Die Credit Suisse ist nicht die erste ausländische Bank, bei der sie Geld gewaschen hat", schreibt Adelstein. Zehntausende "Mitarbeiter" stehen in den Diensten der Yakuza. Sie hat Parteien mitgegründet und kontrolliert weite Teile der Behörden.

    Die Macht der Yakuza geht weit: Die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung ist in Japan immer noch nicht strafbar. Was die Polizei in Ländern wie Italien gegen die Mafia als Mittel einsetzen darf, ist in Japan nicht denkbar. Nicht einmal Telefone dürfen überwacht werden. Geständige bekommen kaum mildernde Umstände. Da wundert es nicht, dass Journalisten viel zur Aufklärung von Delikten beitragen können wie Polizisten. Das Zusammenspiel zwischen ihnen und Journalisten ist enger als in jedem anderen Land. Die Yakuza finanziert wichtige Filmstudios - und sorgt so für eine ihr passende öffentliche Meinung.

    Adelstein kommt einem der obersten Gangster der Yakuza auf die Schliche. Der brauchte eine Lebertransplantation in den USA (Alkohol spielt bei den Kriminellen eine genauso große Rolle wie bei Polizisten und Journalisten) und macht dafür einen Deal mit dem FBI: Er bekommt ein Visum und darf sich seine neue Leber einsetzen lassen, wenn er dem FBI alle Deckfirmen der Yakuza in den USA nennt. Die Millionensumme für das Krankenhaus stammt aus kriminellen Geschäften, piekfeine Geldwäscherei also.

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      Zuerst drohte die Yakuza Adelstein Gewalt an. Doch der wand sich geschickt heraus, wartete ein wenig. So so musste die Organisation auf andere Mittel zurückgreifen, wie Adelstein berichtet: Sie bot ihm 500 000 Dollar an, doch er lehnte ab. Stattdessen veröffentliche er dieses Buch. Gut so für uns Leser. Denn Adelstein hat wirklich viel zu erzählen.

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