WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Erdbeben in China Zehntausende Chinesen trauen sich nicht in ihre Häuser zurück

Nach dem schweren Erdbeben von gestern stehen die Menschen in der chinesischen Millionenstadt Mianyang noch immer unter Schock. Die Lage ist dramatisch: Verletzte werden auf ausgehängten Türen in die Krankenhäuser getragen. Und aus Angst vor Nachbeben campieren Zehntausende auf der Straße, berichtet WirtschaftsWoche-Korrespondent Matthias Kamp aus der am schlimmsten betroffenen Region.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Zerstörte Gebäude in Quelle: AP

Auf der sonst dicht befahrenen Einfallstraße nach Mianyang ist an diesem Dienstag kaum ein Pkw zu sehen. Links und rechts haben ein paar Armeelastwagen geparkt. Sie warten auf das Kommando, um mit ihren Hilfsgütern ins rund 40 Kilometer entfernte Beichuan fahren zu können. Dahinter stehen sieben Busse. Sie sollen zusätzliche Rettungstrupps in die Stadt bringen, die das Beben dem Erdboden gleich gemacht hat. Bis zu 5000 Menschen sollen in Beichuan bei den Erdstößen ums Leben gekommen sein.

In Mianyang, rund 100 Kilometer nordöstlich von Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan, gibt es nach offiziellen Angaben  bislang 53 Todesopfer. Die Bewohner der Drei-Millionen-Stadt stehen noch immer unter Schock, keiner geht zurück in sein Haus. Überall in der Stadt campieren Menschen auf offener Straße. Mit ein paar Holzleisten und alten Plastikplanen haben sie sich notdürftig Zelte gebaut.

„Ich war zuhause, als gestern die Erde zu Beben begann“, sagt Li Jun, während Dauerregen auf die Zeltsiedlungen niederprasselt. Der 27-jaehrige Lehrer aus Mianyang sitzt unter einen gelben Plastikplane. Hinter ihm haben sich einige Jugendliche in Decken eingerollt. „Ich bekam einen wahnsinnigen Schrecken“, erzaehlt Li, „plötzlich bekamen die Wände Risse und die Möbel kippten um.“ Dann ist er nach draußen gerannt und hat bei der Evakuierung der nah gelegenen Schule geholfen, in der er normalerweise unterrichtet. Glücklicherweise sei niemand verletzt worden.

Jetzt wird Li, so wie Zehntausende anderer Menschen in Mianyang, eine zweite Nacht auf der Straße verbringen. Denn zurück nach Hause wollen sie nicht. „Es kommen immer noch Nachbeben“, sagt Li. In der vergangenen Nacht seien es drei gewesen, geschlafen habe er nicht.

Kaum ein Geschäft in Mianyang hat an diesem Tag geöffnet, Strom und Wasser gibt es in den meisten Stadtteilen auch noch nicht. Und die wenigen Geschäfte, die geöffnet haben, haben gleich die Preise für Lebensmittel verdoppelt. „Eine Sauerei ist das“, sagt Li.

Die Menschen versuchen sich irgendwie zu behelfen. Manche haben sich Decken aus ihren Häusern in die selbstgebauten Zelte geholt. Auf einem provisorischen Tisch stehen einige Blechtöpfe. „Daraus haben wir gestern Abend ein paar kalte Nudeln gegessen“, sagt Li. Hilfe von der Regierung haben die meisten Menschen in Mianyang noch nicht bekommen. Doch viele haben Verständnis. „Die Menschen in Beichuan sind viel schlimmer dran“, sagt Tan Ye, waehrend immer wieder Krankenwagen mit Verletzten aus der nah gelegenen Stadt die Straße entlangrasen. „Die brauchen jetzt erstmal Hilfe.“

Zehntausende Bewohner der Quelle: REUTERS

Im Minutenabstand fahren die Notarztwagen vor dem Zentralkrankenhaus in Mianyang vor. Wild gestikulierende Helfer drängen Schaulustige zur Seite waehrend Ärzte und Krankenschwestern hektisch die Schwerverletzten aus den Krankenwagen tragen. Mehr als 1000 Verletzte aus Beichuan haben sie bereits in dem Krankanhaus in Mianyang untergebracht. Doch die Kapazitaeten reichen bei weitem nicht. Viele der Kranken haben die Krankenschwestern auf Decken in die Empfangshalle gelegt. Die regulären Patienten wurden ausquartiert und in Zelten auf dem Vorplatz untergebracht.

Doch es fehlt in der Krisenregion nicht nur an Krankenhausbetten.  Weil es viel zu wenig Krankenwagen gibt, fahren die Retter die Schwererletzten in Gemüselastern ins Krankenhaus nach Mianyang, auf ausgehängten Holztüren tragen die Ärzte die mit Blut und Erde verschmierten Menschen in die Einganshalle. Es sind dramatische Szenen, die sich vor dem Zentralhospital abspielen. Ein klappriger Linienbus fährt vor. Auch er bringt Verletzte aus Beichuan. Die Helfer schreien durcheinander, drei der Patienten in dem Bus sollen auf der Fahrt gestorben sein. Drei Krankenschwestern tragen eine alte Tür herbei, um eine schwer verletzte Frau abzutransportieren. Andere Patienten, darunter auch Kinder, tragen die Retter Huckepack aus dem Bus.

„Ich war vor meiner Schule bei einer Theateraufführung“, sagt die Schülerin Wang, die gerade aus Beichuan gekommen ist, „da stürzte das ganze Gebäude ein.“ Die erste Etage wurde durch die Wucht des Bebens komplett in die Erde gedrückt. Etwa 500 Kinder und Jugendliche sollen sich zur Zeit des Einsturzes in der Schule aufgehalten haben. „Die Stadt existiert praktisch nicht mehr“, sagt Wang, die immer noch das traditionelle chinesische Kostüm ihrer Theateraufführung trägt. Von internationaler Hilfe ist in der Region Beichuan bislang kaum etwas zu sehen. Es ist vor allem die chinesische Armee, die derzeit mit immer mehr Lkw in die Krisenregion vorrückt. Weil die Lage in Beichuan offenbar so dramatisch ist, hat die Stadtverwaltung Mianyang nun alle öffentlichen Angestellten, die jünger als 50 sind nach Beichuan abgeordnet, um die Rettungsarbeiten zu unterstützen. Außerdem wurden sämtliche Baufahrzeuge der Stadt in die Krisenstadt verlegt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%