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Ermordung Nemzows Zehntausende bei Trauermarsch für ermordeten Kremlkritiker

Die Opposition in Russland trauert um den ermordeten Regierungskritiker Boris Nemzow. Zu einem Marsch an den Tatort in der Nähe des Moskauer Kreml wurden am Sonntag Tausende Menschen erwartet.

Die Länder mit den größten Goldreserven
Platz 10: Indien Quelle: REUTERS
Platz 9: Die Niederlande Quelle: REUTERS
Platz 8: Japan Quelle: REUTERS
Platz 6: Schweiz Quelle: AP
Platz 7: Russland Quelle: dpa-tmn
Platz 5: China Quelle: dapd
Platz 4: Frankreich Quelle: dapd

Die Stadtverwaltung genehmigte einen Marsch mit bis zum 50.000 Teilnehmern. Die Organisatoren gingen davon aus, dass es auch mehr werden könnten. Unzählige Menschen hatten am Samstag Blumen auf der Brücke abgelegt, auf der Nemzow am Abend zuvor in Sichtweite des Präsidentenpalasts mutmaßlich durch Schüsse aus einem vorbeifahrenden Wagen getötet worden war. Die Ermordung des 55-jährigen Kritikers des russischen Präsidenten Wladimir Putin löste international Bestürzung aus.

Ursprünglich war für den Sonntag eine Groß-Demonstration gegen die russische Ukraine-Politik geplant, an der auch Nemzow teilnehmen sollte. Russland wird vorgeworfen, die Separatisten im Osten der Ukraine zu unterstützen und das Nachbarland damit zu destabilisieren. Dagegen wollte Nemzow demonstrieren. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sagte, Nemzow habe ihm vor zwei Wochen gesagt, er werde Beweise für die russische Verstrickung in den Konflikt veröffentlichen. "Jemand hatte deswegen Angst. Sie haben ihn umgebracht", so Poroschenko. Die Regierung in Moskau hat die Vorwürfe zur Ukraine zurückgewiesen.

Putins Folterwerkzeuge im Sanktionskrieg

Russische Nationalisten wandten sich gegen Mutmaßungen in einigen russischen Medien, sie seien in den Anschlag verstrickt. Er weise jede Beteiligung von Nationalisten an den Vorkommnissen zurück, sagte einer ihrer Wortführer, Dmitri Djomuschkin. Eine an Putin berichtende Ermittlergruppe der Polizei erklärte, sie verfolge verschiedene Ansätze. Dazu gehöre auch die Möglichkeit, dass Nemzow wegen seiner jüdischen Herkunft von radikalen Islamisten getötet worden sein könnte, oder dass die Opposition einen der ihren umgebracht habe, um dies Putin anzulasten. Oppositionspolitiker wiesen dies als zynisch zurück.

Nemzow ist der prominenteste Oppositionspolitiker, der in der 15-jährigen Regierungszeit Putins als Präsident und zwischenzeitlich Ministerpräsident Opfer eines Anschlags wurde. Ein Sprecher Putins verurteilte die Tat als brutalen Mord. Putin sagte der Mutter Nemzows in einem Beileidstelegramm zu, dass alles getan werde, damit die Auftraggeber und Täter des "niederträchtigen und brutalen Mordes" bestraft würden. Nemzow habe seinen Standpunkt immer aufrichtig verteidigt, attestierte Putin dem Oppositionspolitiker nach Angaben des Präsidialamtes. Nach US-Präsident Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel verurteilte auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon den "brutalen Mord". Die Täter müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Münchner Sicherheitskonferenz

Der Kreml-Kritiker Michail Kasjanow sagte Reportern, es könne nur eine Deutung der Tat geben: "Er wurde erschossen, weil er die Wahrheit gesagt hat." Kasjanow war unter Putin einst Ministerpräsident. Der Oppositionelle und Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow warf Putin über Twitter vor, "ein Klima des Hasses und der Gewalt" im In- und Ausland geschaffen zu haben. "Blutvergießen ist die Voraussetzung, um Loyalität zu beweisen", erklärte er weiter. "Dann gehört man dazu." Dagegen warnte der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. "Gewisse Kräfte werden die Tötung zu ihrem eigenen Vorteil nutzen", erklärte er. "Sie überlegen, wie sie Putin loswerden können."

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Regierungskritiker erinnerten daran, dass Nemzow immer wieder Drohungen erhalten, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen aber abgelehnt habe. Nemzow war Ende der 90er Jahre kurzzeitig Vize-Ministerpräsident unter Putins Vorgänger Boris Jelzin. Er machte sich auch im Kampf gegen die Korruption im Land einen Namen. Zuletzt wurden von ihm die hohen Ausgaben für die Olympischen Winterspiele in Sotschi angeprangert. Mit seiner Kritik erreichte Nemzow vor allem Intellektuelle in Moskau. Außerhalb der großen Städte haben die Putin-Gegner wenig Unterstützung. Die Journalistin Anna Politkowskaja wurde 2006 vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Der frühere Chef des Öl-Konzerns Yukos, Michail Chodorkowski, saß jahrelang im Gefängnis. Der kritische Blogger Alexej Nawalni verbüßt eine 15-tägige Haftstrafe. Kasparow lebt im Ausland.

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