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Ernährung Nahrungsmittelkrise - der globale Albtraum

Die explodierenden Nahrungsmittelpreise entwickeln sich zum globalen Albtraum. Was sind die Ursachen der Krise – und was ihre ökonomischen und sozialen Folgen? Und welche Möglichkeiten haben wir, das Nahrungsmittelproblem in den Griff zu bekommen?

Im Steigflug

Der Politiker Jacques-Edouard Alexis zählt global gesehen nicht zu den übermäßig wichtigen Vertretern seines Standes. Bis vor Kurzem war der Regierungschef von Haiti der Welt nahezu unbekannt. Das hat sich nun geändert: Alexis ist der erste Politiker, den die eskalierende globale Lebensmittelkrise hinweggefegt hat. Nach Hungerrevolten auf der bettelarmen Karibikinsel setzte ihn das Parlament „wegen Unfähigkeit“ ab.

Auf der anderen Seite der Erdkugel zogen am Montag vergangener Woche Tausende Menschen durch die Straßen der ostindischen Metropole Kalkutta. Sie demolierten Busse. Sie schlugen die Scheiben parkender Autos ein. Sie unterbrachen mit Bananenschalen die Stromzufuhr in den Oberleitungen. Grund für den Aufruhr waren nicht politische oder ethnische Konflikte, sondern pure Not: Viele Menschen können ihr Essen kaum noch bezahlen.

Das kleine Haiti und das große Indien stehen stellvertretend für einen globalen Albtraum: „Der Hunger“, sagt Joachim von Braun, Generaldirektor des International Food Policy Research Institute, „ist auf die politische Agenda zurückgekehrt.“ Aufstände von Menschen, die selbst Grundnahrungsmittel nicht mehr bezahlen können – derartige Bilder hatte die Weltgemeinschaft eigentlich schon abgehakt. Bis 2015, so das Ziel der Weltbank, sollte die Zahl der Armen um die Hälfte sinken. Tatsächlich gab es dank der Globalisierung erste Erfolge: Zwischen 1981 und 2004 sank der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen von 40 auf 18 Prozent. Selbst in Afrika nahm vereinzelt der Wohlstand zu, wenn auch auf bescheidenem Niveau. Und jetzt das: Hunger-Krawalle in Pakistan, Kamerun und Indonesien, im Jemen und in Peru. In Ägypten müssen mittlerweile die Armee-Bäckereien bei der Versorgung helfen, weil viele staatliche Läden ihre Produkte lieber auf dem Schwarzmarkt losschlagen.

In den vergangenen drei Jahren sind die Nahrungsmittelpreise weltweit um 83 Prozent in die Höhe geschossen, der Preis für Weizen hat sich fast verdreifacht. Die weltweiten Weizenvorräte sind auf den niedrigsten Stand seit 25 Jahren gefallen. „Mit den Reserven könnten wir die Welt nur noch 45 Tage versorgen“, warnt Bernhard Brümmer, Agrarökonom an der Universität Göttingen. Reis, Hauptnahrungsmittel für fast die Hälfte der Weltbevölkerung, kostet zum Teil doppelt so viel wie im Dezember. Nach Hamsterkäufen in den USA hat die Wal-Mart-Tochter Sam’s Club verfügt, dass in ihren Läden pro Kunde nur noch vier 20-Pfund-Beutel Reis verkauft werden dürfen. Auch Warenhäuser der Kette Costco erließen Kaufbeschränkungen, vor allem an der Westküste, wo viele Asiaten leben.

Die Preisexplosion trifft besonders die Armen. Zwar profitieren einige Schwellenländer wie die Nettoexporteure Brasilien und Argentinien von der Preishausse auf den Agrarmärkten. Doch 75 Prozent der Entwicklungsländer sind Nettoimporteure von Lebensmitteln, vor allem in Afrika. Der globale Agrarhandel droht nun aus den Fugen zu geraten. Indien und Kambodscha haben den Reisexport verboten. Die Philippinen, wo der Reis ausgeht, versuchten jüngst verzweifelt, in China ersatzweise Weizen zu kaufen. Doch auch das Reich der Mitte hat davon zu wenig. Derweil finden Fischer aus Senegal und Guinea immer weniger in ihren Netzen, weil russische, chinesische und europäische Schiffe illegal die Fanggründe vor der afrikanischen Küste leer fischen. Die Beute findet dann ihren Weg häufig über den Hafen von Las Palmas auf den weltweit wichtigsten Absatzmarkt für Fisch: die EU.

Die steigenden Lebensmittelkosten spüren auch die Deutschen im Portemonnaie, wenngleich im Vergleich zu den Entwicklungsländern auf weit weniger elementarem Niveau. In Deutschland haben sich die Nahrungsmittel in einem Jahr so stark verteuert wie in den zehn Jahren davor – und 2008 dürften es unter dem Strich noch mal drei bis vier Prozent mehr werden. Dass die Milchpreise aktuell sinken und erste Bauern ihre Milch übellaunig auf die Straße schütten, ändert daran wenig. Die Getreidenotierungen im Großhandel kletterten zuletzt um 52 Prozent gegenüber Vorjahr, bei Speiseöl waren es 23,5 Prozent.

Verantwortlich für die Misere ist ein übler Mix von kurz- und langfristig wirkenden Faktoren. Der hohe Ölpreis hat die Produktionskosten der Landwirte nach oben getrieben, die nun mehr Geld für Traktorsprit und energieintensiv hergestellten Dünger hinblättern müssen. Zudem haben Spekulanten die Agrarmärkte als neues Tummelfeld entdeckt – wobei Experten uneins sind, wie stark spekulative Termingeschäfte die Agrarpreise tatsächlich beeinflussen. Wichtiger sind eher diese Preistreiber: Wetter, Wohlstand, Biosprit – und politische Misswirtschaft.

Preistreiber Wetter: In vielen Ländern haben in den vergangenen Jahren Unwetter und Dürrekatastrophen den Ernteertrag einbrechen lassen, in China etwa oder in der Ukraine. In Thailand bedroht Trockenheit derzeit in 55 von 76 Provinzen die für Mai geplante Reisaussaat. Am schlimmsten hat es Australien getroffen. Der fünfte Kontinent, der zwei Drittel seiner Agrargüter auf dem Weltmarkt verkauft, zählt zu den fünf größten Exporteuren für Weizen und Milchprodukte und stellt ein Fünftel des weltweiten Rapsexports. Im wichtigsten Anbaugebiet, dem Murray-Darling-Becken, brennt die Sonne aber seit fast sechs Jahren auf knochentrockenen Boden. In der vergangenen Saison ist die Getreideernte um fast 60 Prozent zurückgegangen. Laut der Welternährungsorganisation FAO sind die hohen Weltmarktpreise für Weizen in hohem Maße auf die australische Trockenheit zurückzuführen. Klimaprognosen malen auch für die Zukunft ein düsteres Bild: Weil Dürren weiter zunehmen könnten, dürfte Australien auch künftig die globale Inflation anheizen. Bis 2050 droht der Export von Weizen, Fleisch, Milch, Käse und Zucker um bis zu 79 Prozent zu schrumpfen, warnt das nationale Forschungsinstitut Abare.

Was sich aus einem Kilo Weizen machen lässt

Preistreiber Wohlstand: Es ist paradox. Ausgerechnet der wachsende Wohlstand in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien wird zum entwicklungspolitischen Bumerang. Bei den aufstrebenden Mittelschichten dieser Länder kommen immer häufiger Fleisch und Milchprodukte auf den Teller. Weltweit wandert deswegen immer mehr Getreide in die Futtertröge der Rinder- und Hühnerzüchter. Seit Mitte der Achtzigerjahre hat sich der Fleischkonsum in Brasilien verdoppelt, in China fast verdreifacht. Noch stärker stieg der Milchkonsum. Das Problem: Für die Produktion von einem Kilo Fleisch sind sieben bis acht Kilo Getreide nötig – die dann wiederum für Brot fehlen.

Wie westliche Essgewohnheiten in Asien Einzug halten, lässt sich besonders in China beobachten, wo in den großen Städten die Einkommen seit Jahren um jährlich 15 bis 20 Prozent steigen. McDonald’s will in diesem Jahr seine 1000. Burger-Braterei im Reich der Mitte eröffnen, die Konkurrenz von Kentucky Fried Chicken ist mit knapp 2500 Hühnchen-Stationen vertreten. Vor dem Kühlregal des Carrefour-Supermarktes in der Pekinger Innenstadt drängeln sich die Kunden, um – früher undenkbar – Milchpackungen zu ergattern. Eine von ihnen ist die Rentnerin Pan Yang. Obwohl der Milchpreis innerhalb von drei Monaten um 50 Prozent gestiegen ist, kauft sie jede Woche eineinhalb Liter. „Zum Frühstück trinke ich Kaffee mit Milch und esse Müsli“, sagt Pan Yang, „abends brate ich auch schon mal ein Steak.“ Vor zehn Jahren standen bei der Chinesin morgens Tee und abends ein dünnes Reissüppchen auf dem Tisch.

Preistreiber Biosprit: Weltbank-Präsident Robert Zoellick wählt drastische Worte: „Während sich viele in Europa und Amerika Sorgen machen, wie sie ihren Benzintank füllen, kämpfen andere im Rest der Welt darum, ihre Mägen zu füllen.“ Weltweit wandern immer weniger Lebensmittel in Brotkorb und Kochtopf, sondern werden stattdessen zu Biodiesel oder Ethanol verarbeitet. Mais, Zuckerrüben, Raps: Viele Bauern stellen die Produktion um, weil sich so – dank hoher Subventionen – höhere Erlöse erzielen lassen. In den USA wandert bereits gut ein Drittel der Maisernte in die Biospritproduktion – und löste so bereits 2007 in Mexiko wegen des explodierenden Maispreises eine „Tortilla-Krise“ aus. Für Ethanol machen die USA, der weltgrößte Getreideproduzent, mittlerweile bis zu 7,3 Milliarden Euro jährlich an Subventionen locker. Wie sich der Biospritwahn auf die Preise auswirken könnte, hat jüngst das Internationale Forschungsinstitut für Ernährungspolitik durchgespielt. Bleibt es bei den bisher bekannten Plänen des Rohstoffanbaus zur Kraftstoffgewinnung, könnte » allein der Maispreis bis 2020 um weitere 26 Prozent steigen.

Gleichwohl beschlossen die EU-Umweltminister in der vergangenen Woche, an ihrem Ziel festzuhalten, bis 2020 zehn Prozent des europäischen Kraftstoffverbrauchs durch Biosprit zu decken. Derzeit sind es zwei Prozent. Ganz wohl fühlen sich die Brüsseler Beamten bei dieser Strategie allerdings nicht mehr. Die Kommission arbeitet an einem Kriterienkatalog, der sicherstellen soll, dass Biosprit ohne negative Folgen für Umwelt und Lebensmittelversorgung produziert werden kann.

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