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Erwerbstätigkeit von Frauen Wie Japan sich selbst im Weg steht

Japan bremst sich mit niedriger Erwerbstätigkeit von Frauen aus Quelle: imago images

Japans Wirtschaft leidet unter großem Mangel an Arbeitskräften. Das bremst das Wachstum. Eine Lösung wäre, dass mehr Frauen arbeiten. Doch dafür gibt es hohe Hürden – und die Regierung handelt nicht konsequent genug.

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Wenn sich an diesem Wochenende die „Weltversammlung für Frauen“ zum fünften Mal in der japanischen Hauptstadt Tokio trifft, dann wird sich Premierminister Shinzo Abe wieder als einziger Mann inmitten zahlreicher Frauen ablichten lassen. Die Konferenz ist seine Initiative und die Fotos gehören zu Abes Strategie, Japan zu einer Gesellschaft zu machen, in der Frauen „glänzen können“, so der offizielle Slogan. Gemeint ist: Mehr Frauen sollen erwerbstätig werden und Führungspositionen erhalten.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar verkündete der Regierungschef stolz, zwischen 2015 und 2018 sei die Zahl der erwerbstätigen Frauen in Japan um zwei Millionen gestiegen. Fast 70 Prozent der Frauen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren hätten 2018 einen bezahlten Arbeitsplatz gehabt, das seien mehr als in den USA. Die Entwicklung helfe Japans Volkswirtschaft, trotz starker demografischer Probleme zu wachsen.

Doch Quantität ist nicht alles und die Realität kompliziert. „Die Qualität der neuen Frauenjobs ist zu niedrig, als dass die Frauen Kind und Karriere kombinieren könnten“, kritisiert Nobuko Kobayashi von der japanischen Unternehmensberatung EY-Parthenon. Nur dies werde jedoch Japans Wirtschaft mittel- und langfristig helfen, die negativen Auswirkungen der schrumpfenden Bevölkerung abzufedern, so die Beraterin.

Ihre These stärken diese Zahlen: Nur 44 Prozent der erwerbstätigen Frauen hatten 2017 einen „regulären“ Job, aber 78 Prozent der Männer. 73 Prozent der 850.000 Frauen, die 2018 eine Erwerbsarbeit aufnahmen, sind in Teilzeit oder befristet beschäftigt. Diese Jobs sind viel schlechter bezahlt als reguläre Arbeit in Vollzeit und mit Festanstellung. Das Ergebnis: Frauen verdienten 2017 im Schnitt 24,5 Prozent weniger als Männer.

Trotz mehr arbeitenden Frauen ist Japans Bruttoinlandsprodukt zwischen 2012 und 2018 in Dollar gerechnet sogar um ein Sechstel zurückgegangen. Womöglich hat die vermehrte Erwerbsarbeit von unterbezahlten Frauen die unerwünschte Folge, das durchschnittliche Lohnniveau zu drücken und dadurch der Deflation Vorschub zu leisten.

Schon vor zwanzig Jahren hatte Kathy Matsui, Japan-Strategin von Goldman Sachs, die niedrige Erwerbsquote von japanischen Frauen von damals knapp 57 Prozent als schwere ökonomische Beeinträchtigung identifiziert. Japan laufe Marathon auf einem Bein, schrieb Matsui damals. Bei gleicher Erwerbsquote von Männern und Frauen wäre das Bruttoinlandsprodukt 15 Prozent größer. Ihre „Womenomics“ wurde von Premier Abe in seiner Wirtschaftspolitik aufgegriffen.

Seine „Arbeitsstilreform“ dämmt die traditionell überlangen Arbeitszeiten ein, damit Frauen gleichzeitig arbeiten und ihren Nachwuchs betreuen können. So dürfen japanische Unternehmen neuerdings nicht mehr als 100 Überstunden im Monat von ihren Angestellten verlangen. Junge Mütter sollen schneller in den Beruf zurückkehren. Deswegen baut die Abe-Regierung mehr Kindergärten. Bis 2021 soll es einen Platz für jedes Kind geben. Im Herbst werden die Gebühren für die Betreuung von Drei- bis Fünfjährigen abgeschafft. Dann fließt das Einkommen der Frau in die Haushaltskasse statt an den Kindergarten.

In Japan wird Frauen der Aufstieg verwehrt

Aber die Maßnahmen sind nur halbherzig, Frauen bleiben in Japan weiter vielfach benachteiligt. Die Strukturen arbeiten gegen sie. Das zeigt sich etwa im Steuerrecht für Ehepaare. Solange ein Partner weniger als 12.000 Euro im Jahr verdient, gibt es einen Freibetrag für den Hauptverdiener von 3000 Euro. Bei steigendem Verdienst sinkt der Freibetrag, über 16.000 Euro Verdienst beträgt er null. Also bleiben viele erwerbstätige Ehefrauen unter diesen Grenzen. Tatsächlich verdient fast jede zweite Frau in Japan weniger als 16.000 Euro und jede vierte weniger als 8000 Euro. Die Regierung erhöhte das Verdienstlimit für den Freibetrag im Vorjahr zwar um die Hälfte. Aber Experten hatten die Abschaffung gefordert.

Auch bei der Frauenquote hat die Abe-Regierung deprimierend wenig erreicht. Bis 2020 sollten Frauen ursprünglich 30 Prozent aller Führungsjobs übernehmen. Doch das Ziel wurde auf zehn Prozent gekürzt – in vielen Unternehmen gibt es schlicht zu wenige festangestellte Frauen mit genügend Berufserfahrung. Derzeit sind nur drei Prozent der leitenden Beamten in der Zentralregierung und fünf Prozent der führenden Manager in Unternehmen weiblich. Daher dürfte auch die niedrigere Quote nicht erreicht werden.

Überall in Gesellschaft und Wirtschaft wird Frauen der Aufstieg verwehrt. So mussten mehrere medizinische Universitäten kürzlich zugeben, dass sie die Ergebnisse von Zulassungsprüfungen weiblicher Bewerber manipuliert hatten, um den Frauenanteil ihrer Studenten niedrig zu halten. Dabei handelt es sich nur um die Spitze eines Eisbergs.

Jeder zweite Universitätsabsolvent ist weiblich. Danach beginnt die Diskriminierung. Eine akademische Karriere steht ihnen selten offen. Der Frauenanteil unter Doktoranden in Japan ist der niedrigste aller OECD-Staaten. Und die Unternehmen vergeben Traineestellen, die auf Manageraufgaben vorbereiten, fast nur an Männer. Das Denken dahinter: Eine Investition in Frauen lohne sich nicht, da sie heirateten und nach dem ersten Kind kündigten.

Doch es ist die mangelnde Ermutigung und Unterstützung seitens der Unternehmen, des Ehemanns und oft auch der älteren Generation, die junge Mütter dazu zwingen, ihre berufliche Ambitionen aufzugeben – ein Teufelskreis. „Viele Japanerinnen fühlen sich so, als ob ihnen überall Hürden in den Weg gestellt werden“, erklärte Hiromi Murakami, Gründerin eines Instituts zur Förderung von Unternehmerinnen. Sogar viele beruflich aktive Frauen hätten wenig Selbstvertrauen.

Laut dem „Asia Gender Diversity Report“ der Personalagentur Hays wollen 13 Prozent der japanischen Karrierefrauen binnen drei Jahren zur Geschäftsführerin aufsteigen. Aber befragte Frauen in vier anderen asiatischen Ländern haben viel höhere Ziele. In Singapur zum Beispiel wollen 34 Prozent der Frauen nach drei Jahren Geschäftsführerin sein.

Damit bleibt Japan in einer Spirale stecken: Die Strategie der Regierung bewegt trotz mancher richtiger Maßnahme zu wenig, um das traditionelle Rollenbild von Frauen in seinen Grundfesten zu erschüttern. Ein wichtiger Hebel wäre zum Beispiel, die bisherige Trennung in reguläre und irreguläre Jobs aufzuheben, schlug die Unternehmensberaterin Kobayashi vor. Dann könnten die Festangestellten zwischen Teilzeit und Vollzeit wechseln, was bisher nicht möglich ist. Auch die Frauenquote stiege. „Der Übergang zwischen Teilzeit und Vollzeit vergrößert den weiblichen Pool im Unternehmen für die Auswahl von Managern“, meinte Kobayashi.

Außer auf offiziellen Fotos lässt Premier Abe die Frauen kaum glänzen. In sein Kabinett mit 20 Mitgliedern berief er mit Satsuki Katayama eine einzige Frau. Seine Ausrede: Katayama habe die Präsenz von zwei oder drei Frauen auf einmal.

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