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Essay Vom Scheitern einer europäischen Währungsunion

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Die Lehren aus der Geschichte

Geld jedoch ist immer politisch. Es ist im Gegensatz zur ökonomischen Lehrmeinung kein neutrales Tauschmittel, das von Marktteilnehmern erfunden wurde. Geld ist eine Schöpfung der Staatsmacht, wie der Anthropologe David Graeber in seinem aktuellen Bestseller „Schulden“ zeigt. Wer politisch herrschen will, braucht eine einheitliche Währung, um seine Soldaten zu bezahlen und seine Bürger zu besteuern. 

Die Idee des Weltgeldes und mit ihr die Lateinische Münzunion ist vor allem daran gescheitert, dass das Interesse der Haushalts- und Währungspolitik im Ernstfall ein nationales blieb. Was damals galt, gilt auch heute: Ein völkerrechtlicher Automatismus ist eine Illusion. Er übersteht keine ernsthafte Krise, denn der politische Lohn für die Regierenden wird im Nationalstaat ausgezahlt. Und daher können und werden alle Währungsunionsregelungen immer wieder gebrochen. Im Zweifel werden nationale Finanzierungsprobleme ohne Rücksicht auf die übernationale Union gelöst – so war es in der Lateinischen Münzunion und so ist es in der Eurozone.

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    Nur wenn dem Geltungsbereich der Währungsunion auch ein geeinter, souveräner Staat entspricht, der den Regierenden das entscheidende Anreizsystem für finanzpolitisches Handeln bietet, ist dieser Interessenkonflikt aufgehoben. Doch ob die Existenz einer gemeinsamen Währung der ausschlaggebende Grund für die Schaffung eines souveränen Unionsstaates sein kann und soll, ist eine andere Frage. Bisher jedenfalls funktionierte es stets umgekehrt: Der politische und vor allem gesellschaftliche Wille zu einem vereinten Staat zog eine gemeinsame Währung nach sich.   

    Die Schöpfer der Lateinischen Münzunion und all jene, die im 19. Jahrhundert vom Weltgeld träumten, beschritten währungspolitisch und völkerrechtlich Neuland. Sie hatten kein historisches Vorbild. Die Väter des Euro und seine Retter können das nur eingeschränkt geltend machen. Sie hätten von der Geschichte gewarnt sein können. 1992 hat die Ökonomin Theresia Theurl eine Studie über die Währungsunionen des 19. Jahrhunderts vorgelegt: „EINE gemeinsame Währung für Europa: 12 Lehren aus der Geschichte“. Währungsunionen ohne politisches Fundament zerbrechen wieder, ist Theurls Botschaft, weil sich souveräne Staaten nicht an gemeinsame Regeln halten. Nur wenn sie mit der totalen politischen Vereinigung einhergehen, sind sie unumkehrbar. Theo Waigel und die anderen Euro-Einführer haben das Buch damals vermutlich nicht gelesen. Sie hatten wichtigeres zu tun und schufen Schönwetterregeln für eine blumige Zukunft. Sie hätten sich besser auch mit den verwelkten Visionen der Vergangenheit befassen sollen.

    Heute, zwanzig Jahre nach Erscheinen, ist Theurls Buch wieder aufgelegt worden. Waigel dürfte jetzt genug Zeit zum Lesen haben. 

     

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