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Essay Vom Scheitern einer europäischen Währungsunion

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Sorgenkind Griechenland

Europa



Die Volkswirtschaften der lateinischen Münzunion waren damals nicht weniger unterschiedlich als die der heutigen Euro-Zone. Belgien war ein politischer Zwerg, aber wirtschaftlich florierend mit einer hochentwickelten und exportstarken Textil- und Schwerindustrie. Das Frankreich Napoleons III. war zwar jenseits der großen Städte noch relativ wenig industrialisiert, aber politisch und kulturell dominant. Italien war - damals wie heute – im Norden modern und wettbewerbsfähig, im Süden völlig rückständig.

Das Problem der Union konzentrierte sich in Griechenland. Das völlig rückständige Land mit Korinthen als einzigem Exportprodukt war 1868 beigetreten - und begann sofort zu schummeln. Athen deckte seine auch damals unkontrollierten Staatsausgaben, indem es fleißig ungedeckte Papier-Drachmen druckte und dafür aus den anderen Unionsländern stammende Gold- und Silbermünzen einzog. Nach einer Umschuldung und einem totalen Bankrott - mit anschließender internationaler Aufsicht über die Staatsfinanzen - wurde Griechenland 1908 aus der Union geworfen. Doch auch die anderen Mitgliedsstaaten interpretierten die Bindungskraft des Unionsvertrages ganz nach eigenen Bedürfnissen. Wenn das Vaterland oder der Finanzminister in Not war, galt die Münzunion wenig. Schon im ersten Jahr ihres Bestehens, 1866, entband Italiens Regierung die Banca Nazionale von der vertraglichen Verpflichtung, Banknoten gegen Gold oder Silber einzulösen. Im Gegenzug erhielt sie dafür einen Kredit für den Krieg gegen Österreich. Frankreich tat 1870 auf Grund des Krieges gegen Deutschland dasselbe. 

Die Folgen mangelnder Budgetdisziplin gingen auch damals zu Lasten der anderen Unionsmitglieder: Edelmetallknappheit und Papiergeldschwemme in einem einzigen Land führten in den anderen zu Geldwanderungen und Spekulationsgeschäften, weil die Parität von Franken, Lira und Drachmen nicht mehr der Marktrealität entsprach. Staatsfinanzierung auf Kosten der Stabilität der gemeinsamen Währung. Kommt uns das nicht bekannt vor?

Aufgeschobene Auflösung

Die Geschichte der Münzunion ist ein aufgeschobener Auflösungsprozess. Jede Vertragsverlängerung – 1878 und 1885, danach automatisch jährlich  – kam vor allem dadurch zustande, dass alle Mitglieder die Kosten einer Auflösung der Union in die Zukunft verschieben wollten. 1914 mit Beginn des Ersten Weltkrieges hob Frankreich - wie schon 1870 - das Versprechen auf, Banknoten in Gold auszuzahlen. Der große Krieg ließ die Druckerpresse heiß laufen. Die Münzunion war spätestens von da an nur noch ein völkerrechtlicher Untoter. Zum 1. Januar 1927 setzte die Schweiz als letztes Land der Union die Münzen der anderen Länder außer Kurs. 

Die als künftige Weltwährungsunion gestartete Münzunion erwies sich als räumlich und vor allem zeitlich begrenzte Episode - im Gegensatz zu den meisten anderen Organisationen der Internationalisierungswelle des 19. Jahrhunderts. Das Internationale Büro für Maß und Gewicht, die Internationale Fernmeldeunion und den Weltpostverein gibt es heute noch. Die meisten dieser internationalen Institutionen waren erfolgreich, weil sie nicht nur allen Beteiligten nutzten, sondern vor allem weil sie unpolitisch waren und sind. Sie bieten keine Macht. Deswegen wurden und werden sie von den beteiligten Staaten nicht für eigene Zwecke und auf Kosten der anderen manipuliert.

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