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EU-Aufnahme Vertrauen in Wirtschaftsstandort Island ist verflogen

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Als Folge des Finanz-Kollapses in Island haben die 320.000 Bürger mit Leitzinsen von 18 Prozent, einer Inflationsrate von fast 20 Prozent und einer drastischen Abwertung der Landeswährung Krone zu kämpfen. Dies hat Einschnitte ins soziale Netz zur Folge. Um jeweils fünf Prozent gesenkt werden die Budgets für das isländische Gesundheits- und das Schulwesen. Andere Ministerien müssen bis August Vorschläge für Ausgabenkürzungen um je zehn Prozent vorlegen. Gekürzt werden unter anderem die Leistungen für Mutter- oder Vaterschafts-Perioden sowie für Rentner mit Nebenerwerbstätigkeit.

Anfang des Jahres mußte das krisengeschüttelte Island eine weitere Großbank verstaatlichen. Straumur Burdaras sei das Geld ausgegangen, erklärte die Finanzaufsicht des Inselstaates. Damit ging das letzte größere Institut, das seit dem finanziellen Kollaps Islands im Oktober noch unabhängig war, in Staatsbesitz über. Das Straumur-Führungsgremium wurde umgehend abgesetzt. Die Finanzaufsicht beauftragte einen eigens dafür eingesetzten Ausschuss damit, die Vorstandsaufgaben zu übernehmen.

Die Straumur-Aktien wurden vom Handel ausgesetzt. Laut Finanzaufsicht sind die Einlagen der Bank vollständig gesichert. Straumur-Chef William Fall reichte seinen sofortigen Rücktritt ein. Im Februar hatte er noch erklärt, dass das Geldhaus in abgespeckter Form gute Überlebenschancen habe. Straumur fuhr im vierten Quartal des Vorjahres einen Vorsteuerverlust von 616 Millionen Euro ein. Unter den Bankenverstaatlichungen litten auch deutsche Sparer, die aufgrund hoher Zinsen Geld auf Tages- und Festgeldkonten der Kaupthing Bank angelegt hatten und danach nicht mehr an ihr Geld herankamen.

Inselstaat so gut wie pleite

Im ehemaligen Vorzeigestaat mit niedrigen Arbeitslosenziffern und niedrigen Zinsen hat sich das Blatt dramatisch gewendet: Island könnte in der EU gleich drei Rekorde brechen. Es wäre der einwohnermäßig kleinste Staat mit der geringsten Bevölkerungsdichte und der vermutlich höchsten Pro-Kopfverschuldung. Dies sorgt inzwischen dafür, dass die 320.000 Einwohner, wovon ein Drittel in Reykjavík lebt und arbeitet, nun nicht mit einem gerührten "Na endlich!" an den Toren der EU begrüßt werden, sondern mit Misstrauen.

Seit in der Finanzkrise die großen Banken des Landes kollabierten, ist Island so gut wie pleite. Schlimmer noch: Im Strudel der Krise verloren auch Tausende Kleinanleger unter anderem in den Niederlanden, Großbritannien und Belgien ihr Erspartes. Auf Entschädigung warteten sie bisher zum Teil bis auf den heutigen Tag vergebens, und so ist die Stimmung schlecht. 

Auch deutsche Sparer vertrauten den Isländern mehr als 300 Millionen Euro aus dem Sparstrumpf an, in der Hoffnung, überdurchschnittliche Renditen auf der Atlantikinsel zu erzielen. So kämpft Karlheinz Bellmann, Kleinanleger aus Deutschland, als Sprecher für 30.000 Bundesbürger darum, zumindest 80 Prozent der Einlagen vom isländischen Staat gesichert zu bekommen. Während die geprellen deutschen Anleger mit Entschädigung rechnen dürfen, hängen bei britischen und niederländischen Gläubigern noch insgesamt rund zwei Milliarden Euro in der Luft.

"Kein Geld, kein Beitritt, droht denn der niederländische Außenminister Maxime Verhagen. Und auch aus anderen Staaten kommt die Forderung nach staatlichen Garantien. Schwedens Außenminister Carl Bildt müht sich derzeit, die Wogen im Atlantik um das Schiff Europa zu glätten. 

Marode Bankenlandschaft

Außer der maroden Bankenlandschaft warten weitere Untiefen im Verhältnis zwischen EU und Atlantikinsel auf. Es gebe etwa bei der Fischereipolitik noch „substanzielle Herausforderungen", warnte Bildt in Brüssel. Während in der EU etwa der Walfang verpönt ist, machen die Isländer kommerziell Jagd auf die Meeressäuger. Und die in der EU verhängten Fischereiquoten zur Sicherung der Fanggründe sind den auf allen Weltmeeren ihre Netze ausbringenden isländischen Fischer ein Dorn im Auge. So könnte denn das Feilschen über einige der 35 zu eröffnenden Verhandlungskapitel mit der EU sich in die Länge ziehen.

Und in der isländischen Wrtschaft geht der Aderlaß derweil weiter. Die mittelständische Bohrtechnikgesellschaft Daldrup aus dem nordrhein-westfälischen Ascheberg schickt sich an, Islands Vorzeigegesllschaft in Sachen Geothermie "blaue Lagune" zu übernehmen. Auf der Insel der 1000 Geysire unter brodelndem Vulkangestein geht wirtschaftspolitisch auch bei der Geothermie offenbar der Dampf aus. Islands Weg in die EU liegt weiter entfernt als vielen lieb ist.

"Die Abstimmung im isländischen Parlament für den EU-Beitritt war äußerst knapp", erinnert ein deutscher EU-Diplomat. Wer sagt uns denn, dass bei einem Referendum die Mehrheit der Inselbewohner noch hinter ihrer Regierung steht, wenn es bei den konkreten Verhandlungen mit Brüssel ans Eingemachte geht. Die Isländer werden Wind aus den Segeln nehmen müssen, um bei der Hafeneinfahrt in die EU nicht Schiffbruch zu erleiden.

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