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EU-Industriekommissar Tajani Totalausfall in Brüssel

Der neue EU-Industriekommissar Tajani hat eines der wichtigsten Ämter in Brüssel inne – und gilt schon jetzt als Totalausfall.

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Kommissar Tajani. Nur Dienstag Quelle: REUTERS

Der Name löst spontane Reaktionen aus. „Tajani? Das ist ein Fauler“, platzt es aus einem deutschen Europa-Abgeordneten heraus, der bittet, seinen Namen nicht zu nennen. Dabei ist der mangelnde Arbeitseinsatz von Industriekommissar Antonio Tajani in Brüssel wohlbekannt. Die Beamten seiner Generaldirektion haben sich längst daran gewöhnt, dass er am Dienstag aus seiner Heimat Italien einfliegt, um sich am Donnerstagabend wieder dorthin zu verabschieden. Tajani ist ein Drei-Tage-Kommissar.

Als sich sein Vorgänger Günter Verheugen im Februar zurückzog, war die deutsche Wirtschaft nicht übermäßig traurig. Politisch geschwächt durch eine Affäre mit seiner Kabinettschefin, fehlte dem SPD-Politiker am Ende die Durchschlagskraft innerhalb der EU-Kommission. Mit seinem bisweilen undiplomatischen Auftreten verspielte der Rheinländer viel Sympathie in Brüssel.

mehr Talente für Marketing, als für Inhalte

Doch Nachfolger Tajani, ein enger Vertrauter des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, hat binnen weniger Monate die Hoffnung zunichte gemacht, dass nun ein politisches Schwergewicht ins Amt gekommen sei. Zunächst nahm die deutsche Wirtschaft noch erfreut zu Kenntnis, dass Tajani seine erste Auslandsreise nach Deutschland unternahm und den Chemiekonzern Bayer in Leverkusen besuchte. Dort sprach er über die hohe Bedeutung der europäischen Industrie.

Doch dieses Bekenntnis schlägt sich nicht in seiner Arbeit nieder. Schon bei seiner Anhörung im Parlament bewies Tajani, dass er für Marketing mehr Talent hat als für Inhalte. „Er trägt sehr gut vor“, sagt der deutsche Europa-Abgeordnete Jorgo Chatzimarkakis (FDP), „aber er hat null Substanz.“ Ein Vertreter der Automobilindustrie formuliert es drastischer: „Der Mann ist eine Katastrophe.“

Insider kritisieren vor allem seine erratische Arbeitsweise. Tajani sagt Termine zu, um sie dann doch nicht wahrzunehmen. Mehrfach standen Unternehmensvertreter ratlos in der Eingangshalle von Tajanis Amtssitz Berlaymont und wurden nicht zu seinem Büro vorgelassen. Sogar Daimler-Chef Dieter Zetsche, derzeit Präsident des Europäischen Automobilverbands, soll er versetzt haben.

Schon die Kommunikation ist für Tajani ein Problem. Englisch, die wichtigste der drei Arbeitssprachen der Kommission, beherrscht er kaum, auch wenn er dies in seinem Lebenslauf behauptet. Seit seinem Amtsantritt müssen Mitarbeiter ein Papier nach dem anderen für ihn übersetzen. Der deutsche Energiekommissar Günther Oettinger, der wegen seiner eigenwilligen Aussprache im Englischen reichlich Spott auf sich gezogen hat, arbeitet dagegen Aktenberge mühelos in der Fremdsprache ab.

Antonio Tajani. In Brüssel Quelle: REUTERS

Tajanis erste politische Bewährungsprobe ist eine Stellungnahme zur EU-Industriestrategie, die er im Oktober vorlegen soll. Erste Überlegungen zu dem Thema präsentierte er seinen Kommissionskollegen im Juli. Das Papier, das der WirtschaftsWoche vorliegt, ist eine Aneinanderreihung von Gemeinplätzen, in der Tajani die innovative Forderung aufstellt, Europa müsse die Globalisierung meistern. Und wo der Kommissar mal konkret wird, sorgt er für Unruhe. So dringt er auf „sektorspezifische Maßnahmen“ der EU, also Programme für einzelne Branchen. Da die Kommission festlegen würde, welche Sektoren Hilfe bekommen, nährt dieser Ansatz in der Wirtschaft die Furcht, Tajani wolle mehr staatlichen Interventionismus. Marktwirtschaftlich denkende Beamte dringen aber mit ihren Bedenken nicht zu Tajani vor – sein engster Mitarbeiterstab besteht fast ausschließlich aus Juristen.

Dr politische Mentor heißt Berlusconi

Doch um seine politische Zukunft muss sich der 57-Jährige keine Sorgen machen. Er genießt die volle Unterstützung von Berlusconi, mit dem er einst die Partei Forza Italia gründete. 1994 zog Tajani, zuvor Offizier der italienischen Luftwaffe und Journalist, ins Europa-Parlament ein. Im Auftrag von Berlusconi sorgte er für Disziplin unter den Forza-Italia-Abgeordneten. Nachdem er diese Mission erledigt hatte, schanzte ihm Berlusconi den Kommissionsposten für Verkehr zu.

Für seine Amtszeit als Industriekommissar hat sich Tajani ein besonderes Steckenpferd gesucht: den Tourismus. Eine der wenigen Initiativen, die er bisher angestoßen hat, zielt darauf ab, dass die Europäer nicht nur in der Hochsaison Ferien machen. Junge Leute, Senioren und Niedrigverdiener sollen Subventionen erhalten, damit sie mehr in Urlaub fahren. Am besten nach Italien.

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