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Euro-Krise Kommt die D-Mark zurück?

Wie die Spekulation gegen den Euro funktioniert, ob wir bald alle wieder mit der D-Mark bezahlen, ob die Schuldenkrise zum erneuten Absturz der Konjunktur führt und wäre das Ende der Währungsunion eigentlich auch das Ende der EU? Fragen und Antworten.

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Steigt jetzt das Inflationsrisiko?

Staatsanleihen

In der Vergangenheit gingen hohe Staatsschulden häufig mit hohen Inflationsraten einher. Grund: Eine lockere Budgetpolitik des Staates treibt kurzfristig die Nachfrage nach oben. Das lässt die Preise steigen, wenn die Zentralbank die Geldmenge kräftig ausweitet, etwa indem sie Staatsanleihen ankauft.

Genau diese Gefahr besteht jetzt: Zwar liegt die Euro-Inflationsrate aktuell nur bei 1,5 Prozent. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) hat mit ihrer Entscheidung, Staatspapiere von Euro-Ländern zu kaufen, einen Tabubruch begangen, der unkalkulierbare Risiken nach sich zieht und die Stabilität des Euro und der Preise gefährdet. Ziel der Anleihekäufe ist, die zuletzt stark gestiegenen Renditen der Staatsanleihen von Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland zu senken. Doch die mit den Käufen verbundene Ausweitung der Geldmenge droht mittelfristig die Inflation in die Höhe zu treiben.

Weil der EZB der direkte Ankauf von Staatsanleihen untersagt ist, kauft sie die Papiere am Sekundärmarkt. Die Verkäufer sind meist Banken odere andere Finanzinstitute. Die EZB schreibt ihnen den Gegenwert der Papiere auf ihren Zentralbankkonten gut. Mit dem Zentralbankgeld vergeben die Banken Kredite an Bürger und Unternehmen, die damit Güter kaufen, was dann die Preise treibt (siehe Grafik).

Die EZB wiegelt die Gefahr ab. Die Staatspapierkäufe bergen kein Inflationsrisiko, da sie „sterilisiert“ werden könnten, heißt es. Sobald die EZB griechische oder portugiesische Staatspapiere von Investoren am Kapitalmarkt kauft, will sie in gleichem Umfang dem Finanzsektor Geld entziehen. Dies ist möglich, indem sie laufende Finanzierungsgeschäfte mit Banken am Geldmarkt auslaufen lässt. Per saldo würde die Zentralbankgeldmenge nicht steigen, der Aufwärtsdruck auf die Preise bliebe aus. Doch Experten bezweifeln, dass es der EZB gelingt, die zusätzliche Liquidität rechtzeitig und im erforderlichen Umfang abzusaugen.

Mit ihrem Ankaufprogramm hat die EZB vielmehr die Schleusen für Schuldenmacherei weit geöffnet. Welcher Staat hat noch einen Anreiz zu sparen, wenn die Zentralbank seine Schuldtitel kauft und so die Zinskosten drückt? Die EZB agiere als Fiskalagent für die Regierungen, kritisiert der Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer.

Hinzu kommt: Der Kauf von Staatspapieren wird die Märkte nur überzeugen, wenn die EZB deutlich macht, dass sie bereit ist, in großem Umfang und längerfristig am Markt zu intervenieren. Denn solange die Problemländer ihre Staatshaushalte nicht in Ordnung bringen, könnten die Spekulationen jederzeit neu hochkochen. Die EZB begibt sich damit in eine extreme politische Abhängigkeit von der Finanzpolitik der Problemländer. Die Ereignisse der vergangenen Tage haben gezeigt, wie biegsam die Euro-Hüter sind, wenn – angeblich – die Zukunft des Euro auf dem Spiel steht.

Die Monetisierung der Staatsschulden könnte sich daher in den nächsten Jahren fortsetzen. Weil die Regierungen ihre Schulden mit immer neuen Schulden bekämpfen, wächst der Berg an Verbindlichkeiten – und mit ihm der Druck auf die EZB, hohe Inflationsraten zuzulassen, um die Schulden real zu entwerten.

Die Bürger ahnen das und dürften ihre Inflationserwartungen bald nach oben anpassen. Höhere Lohnforderungen sind dann die Folge. Die Inflationsspirale setzt sich in Gang.

Wie funktioniert eigentlich die Spekulation gegen den Euro?

Kreditderivate (Credit Default Swaps, CDS) sind für Hedgefonds die erste Wahl, um auf ein wachsendes Pleiterisiko von Staaten oder Banken zu wetten. Gegen eine oft relativ geringe Jahresgebühr erhalten CDS-Käufer eine Versicherung, die bei einem Bankrott des Schuldners einspringt. Wer griechische Staatsanleihen besitzt, kann also mithilfe von CDS sein Anleiheportfolio absichern. Spekulanten besitzen jedoch keine solchen Anleihen, sondern setzen darauf, dass mit dem Bankrottrisiko auch der Wert der CDS-Absicherungen steigt, die sie dann mit Gewinn verkaufen können. Im Fall Griechenlands hat das sehr gut funktioniert.

Noch im August 2009 kostete es nur 100.000 Euro pro Jahr, zehnjährige griechische Staatsanleihen im Wert von zehn Millionen Euro abzusichern. Anders gesagt: Griechenland-CDS kosteten nur ein Prozent der versicherten Anleihesumme. Anfang Januar war der Preis der Versicherung bereits auf 2,5 Prozent gestiegen. Schon da hatten Hedgefonds, die im August solche Kreditderivate gekauft hatten, ihren Einsatz mehr als verdoppelt. Doch die Prämie stieg weiter: Am Freitag, dem 7. Mai, markierte die CDS-Prämie einen Rekord von 8,23 Prozent, Spekulanten hatten ihren Einsatz seit August 2009 mehr als verachtfacht.

Am Montag nach Verkündung des EU-Notfallplans brachen die CDS-Prämien ein und fielen zeitweise unter drei Prozent. Doch auch bei diesem Niveau haben viele noch Geld verdient.

Darüber hinaus wetteten Hedgefonds mit Terminkontrakten (Futures) auf einen Wertverlust des Euro zum Dollar. Die spekulativen Positionen gegen den Euro erreichten Ende April einen Rekordstand, meldete die US-Aufsichtsbehörde CFTC. Diese Futures-Spekulanten mussten ihre Positionen am Montag panikartig schließen, um Verluste zu begrenzen, und trieben den Euro-Kurs zeitweise um drei US-Cent über den Schlusskurs vom Freitag. Seitdem fällt der Kurs wieder – nicht wegen der Spekulation, sondern wegen der massiven Schuldenprobleme der Euro-Zone.

Kommt bald die D-Mark zurück?

Ginge es nach den Bundesbürgern, würde zwischen Flensburg und Garmisch bald wieder mit der D-Mark gezahlt. Aktuelle Umfragen zeigen, dass mehr als die Hälfte der Deutschen die D-Mark dem Euro vorzöge. Allerdings sieht es derzeit nicht nach einer raschen Rückkehr unserer alten Währung aus. Die Regierungen und die Europäische Zentralbank wollen den Euro mit Zähnen und Klauen verteidigen, selbst wenn sie ihn mit ihren Rettungspaketen weich klopfen wie Brie-Käse in der Mittelmeersonne. Eine Mutation der Währungsunion zur Transfer- und Inflationsunion dürfte jedoch den Widerstand der Bürger gegen den Euro wachsen lassen.

Das könnte mittelfristig politische Strömungen entstehen lassen, die Deutschland aus der Währungsunion herausführen wollen. An den Finanzmärkten wird das zwar noch als Außenseiterszenario gehandelt. Dessen Wahrscheinlichkeit habe jedoch „deutlich zugenommen“, heißt es bei der US-Investmentbank Morgan Stanley. Technisch gesehen wäre eine Rückkehr zur D-Mark kein großes Problem. Die Bundesbank könnte sofort die Versorgung der Wirtschaft mit Geld sicherstellen. Denn auch in der Währungsunion wickelt sie im Auftrag der EZB die Offenmarktgeschäfte zur Liquiditätsversorgung der Geschäftsbanken ab. Zudem hat sie nach wie vor Zugriff auf die nationalen Währungsreserven.

Gesamtverschuldung

In der Übergangsphase bis zur Ausgabe von D-Mark-Scheinen und Münzen könnte das in Deutschland hergestellte Euro-Bargeld als nationales Zahlungsmittel dienen. So lassen sich die in Deutschland geprägten Münzen durch den Bundesadler leicht von anderen Euro-Münzen unterscheiden. Die hier gedruckten Scheine besitzen ein X vor der Seriennummer.

Träte Deutschland aus der Währungsunion aus, käme es zu massiven Kapitalzuflüssen, die D-Mark würde aufwerten. Das würde die Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure verschlechtern. Zugleich aber verbilligten sich die Importe. Da knapp 42 Prozent der Ausfuhren aus importierten Vorleistungen bestehen, sänken die Produktionskosten der Exporteure. Damit könnten sie die Aufwertung durch Preiskonzessionen ausgleichen.

Führt die Schuldenkrise zum erneuten Absturz der Konjunktur?

Der Bundesminister für Wirtschaft gab sich optimistisch: Die Regierung erwarte von der Krise „keine negativen Einflüsse auf das robuste Wirtschaftswachstum“. Es war August 2007, die Finanzkrise in den USA hatte gerade richtig Fahrt aufgenommen, der Minister hieß Michael Glos. Wenige Monate später nahm die schlimmste Rezession der Nachkriegsgeschichte ihren Lauf.

Knapp drei Jahre später ist die Lage ähnlich. Die Währungsunion steht auf der Kippe, die Finanzmärkte spielen verrückt – und die deutsche Wirtschaft präsentiert blendende Zahlen. Industrieproduktion und Auftragseingänge steigen wieder, die Exporte sind im März um 10,7 Prozent gegenüber dem Vormonat in die Höhe geschossen (Lesen Sie mehr dazu hier). Aus dem befürchteten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal ist ein Plus von 0,2 Prozent geworden. Die Weltwirtschaft dürfte 2010 um rund drei Prozent zulegen, in den wieder boomenden Schwellenländern sind sogar über sechs Prozent möglich.

Davon profitieren deutsche Unternehmen ganz besonders: Die „Exportelastizität“, wie es Ökonomen nennen, liegt hierzulande bei etwa 2,1. Das bedeutet: Legt das weltweite BIP um ein Prozent zu, erhöhen sich die deutschen Ausfuhren um 2,1 Prozent. „Der Aufschwung ist robust, daran ändert auch die Krise um Griechenland und Währungsunion nichts“, sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Doch Vorsicht! Die Risiken für den Aufschwung sind noch immens. Niemand weiß, welche Folgen die ausufernde Vertrauenskrise rund um Euro und Währungsunion auf das künftige Verhalten der Marktakteure hat. Und so viel ist klar: Die Europäische Zentralbank muss, so sie sich einen Rest von Selbstachtung bewahrt hat, spätestens 2011 die Leitzinsen anheben, was die Konjunktur tendenziell bremst.

Wirtschaftswachstum

Die überfällige Konsolidierung der maroden Staatshaushalte in Europa wird zudem die Nachfrage nach deutschen Produkten und Dienstleistungen bremsen. Mehr als zwölf Prozent ihres Umsatzes machen die deutschen Exporteure in den Krisenstaaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien – und damit mehr als in den wachstumsstarken BRIC-Ländern (Brasilien, Russland, Indien, China). „Die Sparprogramme werden unsere Exporteure spüren – und damit unsere Wirtschaft insgesamt“, warnt Axel Nitschke, Außenhandelschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Insgesamt müssten die klammen Euro-Staaten ihre Ausgaben um mehr als 250 Milliarden Euro senken, um wieder unter die im Maastricht-Vertrag festgelegte Defizit-Obergrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu rutschen.

Weitere Gefahren für die Realwirtschaft lauern im Bankensektor. Es ist kein völlig unwahrscheinliches Szenario, dass Krisenstaaten wie Griechenland trotz aller Milliardenhilfen am Ende doch in den Staatsbankrott rutschen – etwa weil versprochene Sparprogramme durch Dauerkrawalle und soziale Unruhen scheitern und die Geberländer, aufgerieben durch innenpolitischen Druck, irgendwann die Geduld verlieren. Bei der dann fälligen Umschuldung müssen die Banken einen Teil ihrer Kredite abschreiben. Dies schmälert ihre Eigenkapitalbasis und könnte zu einer restriktiveren Kreditvergabe im Inland führen – fatal für Unternehmen, die im Aufschwung investieren wollen und müssen.

Auch die wachsende Inflationsgefahr infolge der Schuldenkrise sorgt die deutsche Wirtschaft. Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverbands BGA: „Die Geldwertstabilität ist für den Außenhandel von entscheidender Bedeutung – denn sie erst macht das Exportgeschäft kalkulierbar.“

Wäre das Ende der Währungsunion der Anfang von Ende der EU?

Die Währungsunion ist das zentrale Symbol der Europäischen Union und war bis vor wenigen Wochen auch die größte Erfolgsgeschichte der Gemeinschaft. Nie zuvor haben sich in der westlichen Welt souveräne Staaten auf ein derart weitreichendes Integrationsprojekt geeinigt. In den vergangenen Jahren sind die Dissonanzen in der Gemeinschaft aber immer stärker in den Vordergrund getreten. Immer wieder ist in diesen Tagen in Brüssel zu hören, dass ein vergleichbar großes europäisches Vorhaben wie der Euro mittlerweile nicht mehr durchsetzbar wäre.

Schon bei der Reaktion auf die Finanzkrise waren sich die Regierungen Europas uneinig. Die Griechenland-Krise hat nun noch deutlicher zutage gefördert, welche tiefen politischen Risse mitten durch die Euro-Zone gehen. Auf der Suche nach Auswegen verfolgen die Regierungen vor allem nationale Interessen. Frankreich etwa wollte den Griechen ganz schnell helfen – weil die eigenen Banken den höchsten Anteil an griechischen Staatsanleihen halten. Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen wollte zuvor hohe Auflagen bei der Sanierung Griechenlands durchsetzen – und hoffte, das in Deutschland unpopuläre Hilfspaket erst nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen auf den Weg bringen zu können.

Erst unter dem massiven Druck der Spekulanten einigten sich die Staats- und Regierungschefs der 16 Euro-Länder auf eine gemeinsame Linie. Ohne den Euro hätte es den Zwang, sich zu einigen, nicht gegeben; insofern stimmt der viel zitierte Begriff der Schicksalsgemeinschaft. Zwar würde die EU nach einem Ende der Währungsunion nicht von heute auf morgen auseinanderbrechen. Aber ein Scheitern des Euro würde die Union so schwächen, dass sie politisch und ökonomisch an Einfluss und Gewicht in der Welt verlöre – und im Wettstreit mit aufstrebenden Wirtschaftsmächten in Asien und Lateinamerika noch stärker unter Druck geriete.

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