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Euro-Schuldenkrise Warum ein Schuldenerlass nötig ist

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Apokalytische Szenarien der Banken

Auslandsforderungen deutscher Banken

Für Schäuble ist das eine herbe Niederlage. Der Widerstand der anderen Euro-Länder gegen einen automatischen Haircut geht vor allem auf die Sorgen um das eigene Bankensystem zurück. Schon seit Wochen malen Banker und andere Vertreter der Finanzbranche apokalyptische Krisenszenarien an die Wand, würden die Finanzinstitute zu Haircuts und Abschreibungen gezwungen. Hinweise auf die Lehman-Pleite und die anschließende Rezession in der Weltwirtschaft sollen ihren Argumenten Gewicht verleihen.

Die Taktik der Banken ist aufgegangen. Welcher Politiker oder Zentralbanker will dafür geradestehen, wenn Banken wie Dominosteine umfallen – und die Altersvorsorge der Bürger flöten geht?

Angesichts der engen Verbindungen von Staaten mit ihren Banken und des impliziten Rettungsmechanismus sehen Analysten diese längst als Einheit. Sie rechnen vor, wie groß die Verschuldung von Banken und Staaten zusammen im Verhältnis zum Sozialprodukt ist, und kalkulieren entsprechend die Ausfallszenarien. Demnach gefährden neben Irland vor allem die Banken in Spanien, Großbritannien, Belgien und den Niederlanden im Krisenfall ihre Heimatländer. In diesen Rechnungen wird stets unterstellt, dass der Staat keine Bank mehr fallen lässt.

Das Argument dafür ist vor allem die immense internationale Vernetzung. In den Peripherieländern haben sich vor allem deutsche und französische Banken engagiert. So stehen nach Daten der Bank für internationalen Zahlungsausgleich französische Banken gegenüber Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien insgesamt mit rund 560 Milliarden Euro im Risiko.

Angst vor einer Kettenreaktion

Zwar sind die Risiken einer Bankenpleite etwa in Irland nur schwer zu beziffern. Die direkten Verluste wären jedoch vermutlich überschaubar. So zeigt eine Liste der Anleihegläubiger der Anglo Irish Bank, dass hier rund 80 institutionelle Investoren Geld im Feuer haben. Bei dieser breiten Streuung dürften Verluste keinen Gläubiger überfordern, zumal sich unter diesen viele Fondsgesellschaften befinden, die das Risiko nochmals weitergereicht haben.

Es ist vor allem die Angst vor einer Schockwelle und Kettenreaktion, die die Regierungen zu Rettungsaktionen treibt. So wurde schon im vergangenen Jahr die deutsche Hypo Real Estate (HRE) vor allem deshalb gerettet, weil sie rund 55 Milliarden Euro unbesicherter Anleihen ausgegeben hatte. In die haben vor allem auch Versicherer investiert – im Fall der Pleite wäre die Krise damit bei den Privatvermögen angekommen.

Dass das jetzige Vorgehen ohne Alternative ist, wird dennoch von einigen Experten bezweifelt. „Die Banken haben die Gefahren überzeichnet“, sagt Christoph Kaserer, Professor für Finanzwissenschaft an der TU München. Dass einer Staatspleite zwangsläufig eine allgemeine Liquiditätskrise folge, sei keineswegs ausgemacht. „Die Ansteckungsgefahr ist geringer als bei der Pleite von Lehman, weil die Engagements der Banken viel transparenter sind“, sagt Kaserer.

Banken mit mehr Eigenkapital

Zudem dürften die meisten Institute mittlerweile genügend Eigenkapital aufgebaut haben, um einen Forderungsverzicht zu vertragen. So stockten nach Angaben der Bundesbank die großen, international tätigen Banken in Deutschland ihre Kernkapitalquote seit dem ersten Quartal 2008 von 8 auf 10,8 Prozent der risikogewichteten Aktiva auf. Damit verfügen sie über Kernkapital im Wert von insgesamt 170 Milliarden Euro. Alle deutschen Banken zusammen haben Kernkapital von mehr als 320 Milliarden Euro.

Dagegen belaufen sich die Forderungen der deutschen Banken gegenüber den Euro-Krisenländern Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien (PIIGS) auf insgesamt rund 450 Milliarden Euro (siehe Grafik). Ein Forderungsverzicht von 20 Prozent würde bei den Banken somit Abschreibungen von 90 Milliarden Euro auslösen, das entspräche gerade einmal 28 Prozent ihres Kernkapitals.

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