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Euro Zocken gegen den Euro

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Doch das hat sich jetzt geändert. Als die griechische Regierung im Herbst vergangenen Jahres den verdutzten Statistikern in Brüssel unvermittelt gestand, die Vorgängerregierung habe es mit den Statistiken nicht so genau genommen und die Defizitquote im Staatshaushalt falle mit knapp 13 Prozent doppelt so hoch aus wie bisher angenommen, dämmerte es den Finanzmärkten, wie sehr einige Länder der Euro-Zone in den vergangenen Jahren über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Binnen weniger Wochen schossen die Zinsaufschläge für zehnjährige Anleihen des griechischen Staates gegenüber deutschen Bundesanleihen von 1,5 auf rund vier Prozentpunkte in die Höhe. Die Spreads für portugiesische Staatsanleihen kletterten im gleichen Zeitraum von 0,5 auf mehr als 1,5 Prozentpunkte.

Die Spekulationswelle riss nicht nur die Staatspapiere in die Tiefe, auch die Aktienmärkte und der Euro gerieten unter Druck. „Dass auch der Euro verlor, deutet auf Verkäufe europäischer Wertpapiere durch Investoren außerhalb Europas hin“, sagt Helmut Knestel, Fondsmanager beim Vermögensverwalter Gecam. Zudem flüchten europäische Großanleger meist in sichere deutsche Staatspapiere, wenn ihnen Aktien zu riskant werden. Doch das geschah diesmal nicht — weil Ausländer aus Übersee ihre Dollar-Gelder zurückholten.

Amerika, du hast es besser

Diese Carry Trader verschulden sich in einer Niedrigzinswährung – wie dem Dollar – und legen das Geld in höherverzinsten Währungen – wie dem Euro – an. Allein durch Ausnutzen der Zins- und Währungsdifferenz, dem sogenannten Carry Trade, verdienten die Spekulanten zwischen März 2009 und Januar 2010 rund 45 Prozent, haben die Analysten der britischen Bank HSBC ausgerechnet.

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    Nun stehen die Carry Trader, die in Dollar oder Yen finanziert und im EuroRaum investiert sind, von zwei Seiten unter Druck: von der Währung und dem Aktienmarkt. Weil der Dollar steigt, werden ihre Schulden größer im Vergleich zu den in Euro notierten Kursen ihrer Aktien und Anleihen. „Viele Anleger haben ihre Carry Trades aufgelöst und so die Abwärtsbewegung in allen relevanten Anlageklassen verschärft“, sagt Knestel.

    Vergangene Woche lagen an der Terminbörse Chicago die Positionen auf einen fallenden Euro auf Rekordhoch. Zugleich wetten immer mehr Investoren auf ein höheres Ausfallrisiko europäischer Staatsschuldner. Seit Weihnachten hat sich das Volumen an Spekulationen gegen europäische Staaten auf rund 71 Milliarden Dollar verdoppelt (siehe Grafik Seite 22). Flankiert von negativen Berichten angelsächsischer Medien über eine Schuldenkrise im Euro-Raum, drehte die Gemeinschaftswährung nach unten. „Das war eine konzertierte, spekulative Attacke gegen den Euro“, sagt Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank.

    Auf den ersten Blick mag es verwundern. Denn das Haushaltsdefizit der gesamten Euro-Zone war im vergangenen Jahr mit rund sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts nur halb so hoch wie das der USA. Und beim Schuldenstand in Relation zum BIP liegen die USA und Euroland in etwa gleichauf (siehe Grafik Seite 17). Zudem sind in Amerika neben dem Staat auch die Unternehmen und Privathaushalte bis zur Halskrause verschuldet. Die Außenstände summieren sich insgesamt auf fast 60 000 Milliarden Dollar – dem knapp Fünffachen des US-Bruttoinlandsprodukts. Bundesstaaten wie Kalifornien oder Illinois wandeln am Rand der Pleite. Arnold Schwarzenegger, Gouverneur von Kalifornien, sah sich schon gezwungen, die Städte und Kommunen anzupumpen, um die Milliardenlöcher in seinem Haushalt zu stopfen.

    Dass trotzdem der Euro und nicht der Dollar auf die Verkaufsliste der internationalen Investoren geriet, hat zwei Gründe. Erstens ist das langfristige Wachstumspotenzial der USA deutlich größer als das der Euro-Zone. Dazu trägt der flexiblere Arbeitsmarkt ebenso bei wie die hohe Produktivität und das Wachstum der Bevölkerung. Die Chancen Amerikas, aus seinen Schulden herauszuwachsen, sind daher größer als die Europas.

    Zweitens herrscht in den USA eine einheitliche Finanzpolitik, in der Euro-Zone dagegen beharren die Mitgliedsländer nach wie vor auf ihrer finanzpolitischen Souveränität. „Wenn Kalifornien Pleite anmeldet, eilt die Regierung in Washington zu Hilfe“, sagt Annunziata, „aber wer steht hinter Griechenland und besitzt Mittel und Macht, Hilfen mit harten Auflagen zu verbinden?“

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