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Ex-Botschafter kritisiert Afrika-Politik „Entwicklungshilfe sollte sich auf Bildung konzentrieren“

Afrika: „Entwicklungshilfe sollte sich auf Bildung konzentrieren“ Quelle: imago images

Der ehemalige Botschafter Volker Seitz kritisiert die „Entwicklungshilfeindustrie“. Sie hätte in Afrika eine Wohlfahrtsmentalität erzeugt und enthebe korrupte Regierungen von ihrer politischen Verantwortung.

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Eines der Lieblingsziele Angela Merkels in der Spätphase ihrer Regierung lautet: „Fluchtursachen bekämpfen“. Ist das, was die Bundesregierung in dieser Absicht tut, etwa der sogenannte „Marshall-Plan für Afrika“ sinnvoll?
Nein. Ich halte „Fluchtursachen bekämpfen“ für das Unwort des Jahres. Denn da wird eine Lösung vorgetäuscht, die es nicht gibt. In Afrika findet eine Bevölkerungsexplosion statt, die zwangsläufig zu einer massiven Auswanderung Richtung Europa führt. Diese demografische Lage ist die Wurzel der afrikanischen Armut, weil das extreme Bevölkerungswachstum die Wohlstandsgewinne vereitelt. Das weiß jeder, der sich mit Afrika eingehender beschäftigt.

Warum spielen demografische Fragen und das Ziel der Geburtenkontrolle in der Entwicklungspolitik keine angemessene Rolle?
Im erwähnten „Marshall-Plan“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beschränkt sich das Thema Familienplanung auf wenige Zeilen. Warum das so ist, bleibt mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Vielleicht glaubt man, dass das rassistisch sei.

Man hofft wohl, dass mit dem Wohlstand dann rasch die Geburtenraten sinken – so wie es in entwickelten Ländern der Fall war.
Wenn die Frauen nur Kinder bekommen, wenn sie es auch wollen, geht das natürlich. Aber in Afrika gibt es immer noch einen starken Paternalismus. Und mancher afrikanische Regierungspolitiker sagt auch offen, dass man sich da von Europäern nicht reinreden lasse. Die Menschen wollen auch vor dem Hintergrund der Konkurrenz zwischen den Bevölkerungsgruppen, dass die eigene nicht schwächer wird. Aber dass das Thema für unsere europäische Entwicklungspolitik keine Rolle spielt, ist ein Skandal. Man sollte auf jeden Fall die Frauen dabei unterstützen, die Familiengröße selbständig planen zu dürfen.

Zur Person

Ziel des „Marshall-Plans für Afrika“ der Bundesregierung ist, „in den afrikanischen Staaten die eigenen Entwicklungskräfte zu stärken.“ Klingt doch vernünftig.
Nein. Schon die Bezeichnung, die an den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg anknüpft, ist völlig verfehlt. In den europäischen Ländern gab es damals funktionierende Verwaltungen, Justiz, ausgebildete Bevölkerungen. Das ist in Afrika allenfalls rudimentär vorhanden. Und die Behauptung, man stärke die „eigenen Entwicklungskräfte“ Afrikas, höre ich auch schon seit Jahren und Jahrzehnten, ohne dass die Hilfe tatsächlich diesen Effekt gehabt hätte. Wir Europäer werden die Probleme Afrikas nicht lösen können. Unsere Entwicklungshilfe beruht auf dem Trugschluss, dass wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt ohne politische Entwicklung möglich sei. Dabei schaffen unsere Entwicklungshelfer nur weiterhin eine Wohlfahrtsmentalität unter afrikanischen Politikern. Sie erkennen gar keine Notwendigkeit, selbst zu handeln, weil es immer irgendjemanden in Berlin, Brüssel oder anderswo in Europa gibt, der das für sie tut. Wirklich helfen würden zielgerichtete Programme, um Schul- und Berufsbildung zu verbessern, die Gleichberechtigung der Frauen zu stärken – und eben vor allem Familienplanung. Außerdem müsste man vor allem für den Ausbau funktionierender Rechtssysteme sorgen.

Die Bundesregierung stellt für drei afrikanische Länder – Elfenbeinküste, Ghana und Tunesien – eine besondere bilaterale Unterstützung in Aussicht. Ziele sind der Ausbau erneuerbarer Energien, die Verbesserung der Energieeffizienz und die Entwicklung des Finanz- und Bankensektors. Ist das eine gute Auswahl? Kann man mit diesen Ländern besondere Hoffnungen verbinden?
Ja, das kann man. In diesen drei Ländern geht es durchaus voran. Tunesien ist eines der wenigen arabischen Länder, in denen unter anderem wegen der hohen Bildung der Frauen deutlich weniger Kinder geboren werden. Ghanas neuer Präsident hat schon gesagt, dass er bald keine Entwicklungshilfe mehr haben wolle.

Hilft Auswanderung den Auswandererländern, wie der UN-Migrationspakt unterstellt?
Nein, das glaube ich nicht. Wer aus diesen Ländern weggeht, geht meist für immer. Und das kommt diese Länder letztlich teuer zu stehen. Seit Jahrzehnten emigrieren afrikanische Ärzte nach Amerika und Europa, 30 Prozent haben ihre Heimat verlassen. Man sollte dafür viel eher diese hier lebenden afrikanischen Ärzte, die die dortigen Mentalitäten und Probleme verstehen, mit europäischem Geld anheuern. Es gibt mehr Ärzte aus Sierra Leone in Chicago als in ihrem Heimatland. 95 Prozent der angolanischen Ärzte leben in Portugal. Es ist absurd, dass gleichzeitig europäische Ärzte nach Afrika gehen, um dort der unterversorgten Bevölkerung zu helfen. Viel effektiver als weitere Entwicklungshilfe zu zahlen, wäre politischer Druck aus Europa auf die autoritären afrikanischen Regierungen, damit sie dafür sorgen, dass die Jugend diese Staaten nicht mehr verlässt.

Warum fordern dann viele afrikanische Regierungen offene Grenzen für ihre Auswanderer?
Der kamerunische Herrscher Biya hat das auch in meinem Beisein öfter gesagt. Er will genau das: dass die unruhige Jugend weggeht und sein autoritäres Regime nicht infrage stellt.

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