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Ex-Botschafter kritisiert Afrika-Politik „Entwicklungshilfe sollte sich auf Bildung konzentrieren“

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Handel statt Wohltätigkeitsbusiness

Bisweilen hört man auch die Warnung, dass gerade ein steigender Wohlstand in Afrika die Auswanderungslust und -fähigkeit der Afrikaner noch steigere – zumindest zunächst.
Dem stimme ich zu. Das Center for Global Development hat das kürzlich in einer Untersuchung bestätigt.

Wie würden die afrikanischen Auswanderungswilligen reagieren, wenn Europa sich stärker als bisher abschottete, also etwa Bootsflüchtlinge aus Nordafrika nicht mehr aufnähme, sondern direkt zurückschickte, wie einige europäische Regierungen fordern?
Ich kann das natürlich nicht wissen, aber ich denke, sehr viele würden ihre Auswanderungsabsicht dann aufgeben. Man könnte das von europäischer Seite auch mit einer Hilfe begleiten. Mein Vorschlag ist, dass man von den rund zehn Milliarden Euro, die bislang als Entwicklungshilfe fließen, besser hier lebende Afrikaner mit Risikokapital versorgt, um sich in ihrem Heimatland selbständig zu machen. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit könnte den Rückkehrern helfen, einen Businessplan zu entwickeln, und die deutsche Botschaft vor Ort könnte das Risikokapital dann schrittweise auszahlen. Zumindest wäre das mal ein Pilotprojekt wert. Schlechter als die bisherige Entwicklungshilfe kann es gar nicht laufen.

Sie kritisieren die „Entwicklungshilfeindustrie“ als bürokratischen Selbstversorgungsbetrieb der Berufshelfer, der es afrikanischen Regierungen ermöglicht, sich vor der Verantwortung zu drücken. Also lieber profitorientierten Handel treiben?
Das internationale Wohltätigkeitsbusiness ist für die, die es betreiben, ein lukratives Geschäft mit einem Jahresumsatz von weltweit 150 Milliarden Dollar. Wahrscheinlich sind es noch mehr. Es gibt Zehntausende von Berufsentwicklungshelfern, die darin ihren Broterwerb haben. Ich bin sehr dafür, stattdessen Handel zu treiben. Aber natürlich können Geschäftsleute in Afrika sehr viel falsch machen. Ich hatte als Botschafter oft mit deutschen Unternehmern zu tun, die es versäumt hatten, sich über Geschäftspartner und rechtliche Grundlagen zu informieren – mit schwerwiegenden Folgen. Darum finde ich sehr gut, dass mittlerweile deutsche Unternehmen für rund ein Dutzend Länder in Afrika ein Anrecht auf Hermes-Bürgschaften haben. Und Geld ist dafür wahrlich genug da. Die Bundesregierung hat auch löblicherweise die Kreditversicherung verbessert für Ghana, Elfenbeinküste, Senegal, Äthiopien und Ruanda. Afrika bietet trotz aller Schwierigkeiten ökonomische Chancen. Unternehmerisches Engagement kann sich langfristig auszahlen.

In welchen Branchen?
Chancen haben vor allem: beratende Ingenieurbüros, vor allem für Lösungen im Transport- und Infrastruktursektor und im Energiebereich bei erneuerbaren und dezentralen Energien, Exporte und Investitionen sind aussichtsreich in der Landwirtschafts-, Wasser-, Abwasser- und Medizintechnik. Afrika benötigt vor allem Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen. Generell: Kunden in Afrika brauchen nicht höchstmögliche Qualität, sondern einfache, robuste Technik zu einem günstigen Preis.

Warum sind deutsche Firmen so zurückhaltend, in Afrika zu investieren?
Vor allem liegt es an der Korruption. Wenn in Afrika Bedingungen herrschen, die unternehmerisches Engagement interessant erscheinen lassen, kommen die Unternehmen von selbst. In Ruanda ist das der Fall. Volkswagen hat im vergangenen Jahr ein eigenes Werk dort eröffnet. In Äthiopien, wie Ruanda ein afrikanischer Leuchtturm, sind in jüngerer Zeit viele Tausende Arbeitsplätze vor allem durch chinesische Investitionen entstanden.

Ruanda erlebte 1994 einen Völkermord. Hat der jetzige ökonomische Erfolg des Landes etwas damit zu tun?
Nicht direkt. Der Grund für Ruandas Erfolg ist Paul Kagame. Er hat in den westlichen Medien keinen guten Ruf, weil er autoritär regiert und keine freie Presse zulässt. Aber seinem Land tut er gut. Die Armut ist deutlich zurückgegangen. Sie werden in den Booten vor der nordafrikanischen Küste kaum einen Migranten aus Ruanda finden. Im Gegenteil, es gehen sogar Ruander aus Europa in ihre Heimat zurück, viele mit Investitionskapital. Inzwischen kommen auch viele Regierungsdelegationen aus anderen afrikanischen Ländern nach Ruanda, um zu lernen. Vor allem hat Kagame die berüchtigte afrikanische Bürokratie radikal abgebaut. In Ruanda kann man in zwei Tagen ein Geschäft eröffnen. Außerdem ist Ruanda das Land mit weltweit den meisten Frauen im Parlament. Auch in der Verwaltung und in den Unternehmensführungen Ruandas sind sehr viele Frauen. Das gilt übrigens auch für Äthiopien.

Gibt es auch nichtstaatliche Hindernisse für eine wirtschaftliche Entwicklung in Afrika?
In allen afrikanischen Ländern erwarten die Verwandten von erfolgreichen, wohlhabenden Menschen, dass sie von diesen versorgt werden. Das ist ein großes Problem für die Entwicklung. Ich kenne einige Afrikaner hier in Europa, die aus diesem Grund der überzogenen Erwartungen nicht zurückgehen. Auch von jedem Weißen, der nach Afrika kommt, denkt man: Der ist reich.

Wie kann man Afrikas Entwicklungshemmnisse beseitigen?
Allgemeine und berufliche Bildung, das ist das A und O. Entwicklungshilfe sollte sich ganz auf Bildung konzentrieren. Das tun wir viel zu wenig. Man muss sich die Absurditäten klarmachen: In Kamerun geerntete Bohnen werden in Frankreich in Konservendosen verarbeitet, weil es vor Ort nicht funktioniert. Ich war schon mehrfach nah dran, zu verzweifeln, aber dann erlebt man eben doch wieder Erfolgsgeschichten wie Ruanda, Äthiopien, Senegal, Ghana. Wir müssen hoffen, dass diese Länder auf die Nachbarländer ausstrahlen.

Ihr Buch heißt „Afrika wird armregiert“. Sie beklagen darin die Unfähigkeit und Verkommenheit der politischen Eliten in Afrika. Könnte europäische Entwicklungsarbeit zu deren Erneuerung beitragen?
Unsere parteinahen Stiftungen versuchen das mit politischer Bildung seit rund 40 Jahren. Aber wir räumen de facto den afrikanischen Autokraten einen Sonderstatus ein, der grundlegende Kritik verbietet. Die Korruption der Regierungen ist den deutschen Botschaften vor Ort bekannt und sie berichten das auch nach Hause. Aber dann geschieht meist nichts. Vermutlich, weil man sich fürchtet, als Rassist dazustehen. Stattdessen gibt man immer mehr Geld aus. Das muss sich ändern. Ich habe selbst als Botschafter das „Dezemberfieber“ erlebt: Gegen Ende des Jahres wurde ich aus dem BMZ angerufen, ob wir nicht noch eine halbe Million Euro irgendwie verwenden könnten. Zwei Tage später noch ein Anruf: Eigentlich habe man sogar eine ganze Million übrig. Die grundsätzliche Kritik an der Verwendung des vielen Entwicklungshilfegeldes darf nicht länger verpönt sein.

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