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Experte über Katars Opec-Ausstieg „Katar will als unabhängig wahrgenommen werden“

Ein Porträt des regierenden Emirs von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, an einer Hausfassade in der Hauptstadt Doha. Quelle: AP

Den Ausstieg des Kleinstaats Katar aus der Opec ist eine Unabhängigkeitsmaßnahme gegenüber Saudi-Arabien, sagt Nahostexperte Andreas Krieg: Der Gasproduzent will sich dem Westen als der bessere Partner präsentieren.

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WirtschaftsWoche: Katars Energieminister, Saad Sherida al-Kaabi, behauptet, der Austritt aus der Opec habe nichts zu tun mit dem Embargo, das Saudi-Arabien und andere arabische Staaten vor rund anderthalb Jahren gegen das kleine Land verhängt haben. Stimmt das?
Andreas Krieg: Ja und Nein. Man muss diesen Austritt verstehen als Handlung eines Landes, das aus dieser Blockade nun die größtmöglichen Vorteile zu ziehen versucht. Am Anfang versuchte Katar, die Blockade zu umgehen. Mittlerweile sieht man sie eher als Chance, sich unabhängig in der Golf-Region zu positionieren.

Und das geht besser außerhalb der Opec?

Der Austritt hat also sowohl eine symbolische Funktion, als auch eine wirtschaftliche. Der Kleinstaat Katar will als unabhängig wahrgenommen werden. Er ist kein großes Öl-Förderungsland, sondern ein Gas-Land. Die Kataris haben wahrscheinlich ein Interesse daran, mehr Öl zu fördern, und wollen sich da nicht reinreden lassen von der Opec.

Außerdem ist der Gaspreis natürlich auch an den Ölpreis gekoppelt. Der ganze Staat Katar hängt am Tropf des Flüssigerdgas, des LNG. Die Expansion des LNG-Sectors, die schon vor einigen Monaten angekündigt wurde, ist signifikant. Abnehmer sind schon gefunden, die Verträge unterzeichnet mit China und Pakistan. Das Geld, was man da verdient, wird ein Surplus generieren, um die Kosten der Blockade zu stemmen. Die Kataris fürchten, dass die aktuelle Wirtschaftskrise in Saudi-Arabien, das durch sein großes Handelsbilanzdefizit und ein Minus bei den ausländischen Investitionen am Abgrund steht, die Saudis dazu verleitet, die Opec für eigene Wirtschaftsinteressen einzusetzen.

Darum möchte Katar unabhängig von der Opec sein. Die Opec ist zwar eine internationale Organisation wird aber stark beeinflusst von Saudi-Arabien. Der Kleinstaat Katar stand früher immer unter dem Daumen Saudi-Arabiens. Die Kataris sagen nun: Dieser Einfluss von Saudi-Arabien war toxisch und hat zu einem Reformstau in Katar geführt, sozial, ökonomisch, politisch. Die Saudis warnten früher immer vor sozialen Reformen mit dem Argument: Dann werden die Leute bei uns das Gleiche fordern. Katar hat seit Beginn der Krise 2017 viele soziale Reformen eingeleitet, die man unter der Oberhoheit der Saudis nicht hätte machen können, weil diese viel konservativer eingestellt sind. In Katar wird es im kommenden Jahr vermutlich sogar zum ersten Mal Parlamentswahlen geben.

Also eine Demokratisierung?
Das bisherige Parlament hat nur symbolischen Charakter. Das künftige Parlament soll tatsächlich auch Kontrollrechte ausüben und zum Beispiel Minister befragen dürfen. Das ist in der Region außergewöhnlich.

Im Westen bemängelt man oft die fehlenden Rechte von Arbeitnehmern in den Golf-Staaten.
Da haben die Kataris einiges verbessert, wie auch die Internationale Arbeitsorganisation ILO festgestellt hat. Sie wollen die Chance nutzen sich als neuer Markt in der Region zu positionieren in Abgrenzung zu Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie haben gesehen, dass sie anderes sein müssen als diese Länder, um Investitionen aus dem Westen anzuziehen.  

Spielt im Hintergrund des katarischen Opec-Austritts der Iran eine Rolle, Saudi-Arabiens großer Konkurrent in der Region?
Nein, das hatte, glaube ich, gar keine Bedeutung für die Entscheidung. Die Beziehung zwischen Katar und Iran ist eine rein pragmatische. Das größte Gasfeld der Welt im Persischen Golf teilen sich Katar und Iran. Weil das Flüssigerdgas überlebenswichtig für Katar ist, ist eine gute Beziehung zum Iran auch überlebenswichtig. Aber da geht es wirklich nur um diese maritime Grenze. Bei allen Konflikten in der arabischen Welt, in Syrien, in Irak, im Jemen, stehen Katar und Iran auf entgegengesetzten Seiten.  

Ist Katar für den Westen und Deutschland ein verlässlicherer Partner und Energielieferant als Saudi-Arabien?
Katar möchte jedenfalls so wahrgenommen werden. Als Land, das demokratische Wege gehen will und, was bürgerliche Freiheiten angeht, viel liberaler ist als Saudi-Arabien und andere Staaten in der Gegend. Die Saudis waren zwar auch immer verlässlich. Doch dieses Saudi-Arabien ist für die Bundesregierung als Partner einfach nicht tragbar aufgrund seiner Reputation, gerade nach der Khashoggi-Affäre.

Katar ist da eine Alternative. Die Kataris versuchen, größere deutsche Unternehmen dort anzusiedeln, um die Wirtschaft zu diversifizieren. Volkswagen will jetzt auch eine Fabrik in Katar aufbauen, um einen Geländewagen zu produzieren. Katarische Geldgeber haben mehreren deutschen Mittelständlern Investitionen versprochen. In England hat man in die Rüstungsindustrie investiert. Aber man muss auch die Kirche im Dorf lassen. Saudi-Arabien ist ein Riesenland mit 32 Millionen Einwohnern, Katar ist und bleibt ein Kleinstaat, der Saudi-Arabien nicht ersetzen kann.

Andreas Krieg ist Assistenzprofessor für Internationale Sicherheitsstudien am Londoner King's College

 

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