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Experte über Trumps Nuklearkonzept „Ein gefährlicher Bluff“

Die US-Regierung will Russland durch Aufrüstung abschrecken. Das ist fahrlässig, meint der Atomexperte James M. Acton im Interview.

US-Präsident Donald Trump Quelle: AP

WashingtonJames M. Acton ist Nuklearexperte beim Washingtoner Thinktank Carnegie Endowment for International Peace.

Herr Acton, die US-Regierung von Donald Trump hat eine Nuklearstrategie vorgelegt. Was unterscheidet sie von den Konzepten seiner Vorgänger?

Einige Formulierungen in der Strategie sind absichtlich unpräzise gehalten, das erhöht die Drohkulisse. Zum Beispiel führt der Bericht an, die USA zögen unter “extremen Umständen” den Einsatz von Nuklearwaffen in Erwägung, wenn “zentrale Sicherheitsinteressen” gefährdet seien. Die USA haben sich immer die Möglichkeit offen gehalten, auf nicht-nukleare Bedrohungen mit nuklearen Mitteln zu reagieren. Trumps Strategie geht aber noch einen Schritt weiter. Sie listet konkrete Beispiele für nicht-nukleare Angriffe auf, die eine atomare Vergeltung nach sich ziehen könnten.

Zum Beispiel?

Ein sensibles Ziel wäre die nukleare Befehlskontrolle, dazu gehören Satelliten oder Kommunikationskanäle der Streitkräfte. Aber ich habe Sorge, dass die neue Nuklearstrategie ein gefährlicher Bluff ist. Nehmen wir an, Russland oder China zerstören einen US-Satelliten. Das wäre ein hoch aggressiver Akt, ich möchte das nicht herunterspielen. Aber die Attacke würde keine Menschen töten, ein Satellit ist ein unbemanntes Objekt. Reagieren die USA dann wirklich mit einem Atomschlag? Ich denke nicht, dass die USA diesen Weg in letzter Konsequenz gehen. Aus gutem Grund: Ein Atomkrieg könnte Dutzende oder sogar Hunderte Millionen Menschen töten, davon viele in den Vereinigten Staaten.

Bleiben wir bei dem Satelliten-Szenario. Wie würde es weitergehen?

Unsere Gegner könnten beginnen, andere Prinzipien der US-Politik anzweifeln. Wenn wir auf besagten Satellitenangriff nicht nuklear reagieren: Nimmt man uns dann noch ab, dass wir zur Verteidigung an die Seite eines Verbündeten eilen? Ich denke, es ist sehr gefährlich, Drohungen auszurufen, die wir nicht umsetzen wollen, und auch nicht umsetzen sollten.

Trumps Nuklearbericht sieht Russland als Aggressor und argumentiert, Moskau könne am ehesten durch moderne Aufrüstung gezügelt werden. Ist da nicht etwas dran?

Dem ersten Teil der Analyse stimme ich zu. Russland verhält sich sehr aggressiv und stellt ein echtes Sicherheitsrisiko dar. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Russland neue, anspruchsvolle Nuklearwaffen entwickelt. Aber die Antwort der USA ist falsch und gefährlich, weil sie die Chancen auf eine Eskalation und einen Nuklearkrieg erhöht. Denn taktisch ist es im Bereich des Vorstellbaren, dass Russland das Baltikum sehr schnell und verhältnismäßig unblutig besetzt. Das ist zwar zu diesem Zeitpunkt unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Sollte die Nato eine Gegenattacke starten, um ihr Territorium zu verteidigen, könnte Russland mit nuklearer Vergeltung drohen. Die Antwort darauf kann nicht sein, dass wir noch mehr Nuklearwaffen produzieren. Die USA haben genug davon.

Welche Form der Abschreckung funktioniert stattdessen?

Wir sollten die konventionellen Streitkräfte in Europa stärken und besser ausstatten. Wenn die Nato in der Lage wäre, Russland mit konventionellen Streitkräften in Schach zu halten, bräuchten wir gar nicht über einen drohenden Nuklearkonflikt zu reden.

Als Sie den Nuklearbericht zum ersten Mal gelesen haben: Was hat sie am meisten überrascht?

Die Nuklearberichte unter Trumps Vorgängern beschrieben stets folgendes Prinzip: Die USA streben nicht an, eine Kapazität an Nuklearwaffen aufzubauen, die das russische Arsenal zerstören könnte. Auch wenn wir extreme Meinungsverschiedenheiten mit Moskau haben und Russland als Sicherheitsrisiko betrachten, war das unsere offizielle Linie seit dreißig, vierzig Jahren. Die neue Nuklearstrategie betont dieses Prinzip nicht explizit. Die wichtigste Erkenntnis der Veröffentlichung besteht darin, was sie ausspart.

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