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EZB-Präsident Jean-Claude Trichet "Es muss hier dramatische Veränderungen geben"

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Auch wenn das wieder gelingt – das Problem der Rohstoffpreise lösen Sie damit nicht.

Zunächst einmal sind wir Zentralbanker ja dafür verantwortlich, dass es nicht zu Zweitrundeneffekten kommt. Die internationale Gemeinschaft steht solchen globalen Phänomenen jedoch nicht hilflos gegenüber. Die Bevölkerungen von großen aufstrebenden Volkswirtschaften ändern ihr Konsumverhalten, das treibt die Nahrungsmittelpreise in die Höhe. Gut möglich, dass dieser Anstieg noch einige Zeit weitergeht. Zugleich gibt es aber in Afrika immense Flächen, die landwirtschaftlich genutzt werden könnten. Wir brauchen hierzu die richtigen Anreize für die dortigen Bauern. Das ist ein wichtiges globales Thema, mit dem sich Gremien wie die G20 beschäftigen sollten. Auf mittlere und lange Sicht ist die Lösung dieses Problems durchaus möglich.

Zurück zur Inflation. Das Problem ist doch: Die Zentralbanken haben die Wirtschaft in der Krise mit Geld geflutet. Auch die Europäische Zentralbank. Niemand weiß, ob es Ihnen und Ihrem Nachfolger gelingt, dieses Geld rechtzeitig wieder einzusammeln.

Zunächst einmal möchte ich anmerken, dass die EZB die Wirtschaft nicht mit Geld geflutet hat. Wir haben Sondermaßnahmen ergriffen, dabei aber nie aus den Augen verloren, dass unsere Aufgabe in der Gewährleistung von Preisstabilität besteht. Wenn wir beispielsweise Staatsanleihen ankaufen, um dafür zu sorgen, dass der geldpolitische Transmissionsmechanismus wieder besser funktioniert, dann entziehen wir der Wirtschaft die zugeführte Liquidität sofort wieder.

Die Politik hat aber ein Interesse daran, dass die Zinsen möglichst lange niedrig bleiben. Schon wegen der enormen Staatsverschuldung. Das könnte für Sie zum Problem werden.

2004 nahmen wir entgegen dem Rat des deutschen Bundeskanzlers, des Präsidenten der französischen Republik und vieler anderer Politiker keine Zinssenkung vor. Im Dezember 2005, als sich zehn Regierungen gegen höhere Leitzinsen aussprachen, hoben wir die Leitzinsen an. Und auch 2008 erhöhten wir, trotz Kritik, die Zinsen. Wir sind unabhängig und uns unserer durch den Vertrag übertragenen Aufgabe bewusst.

Dennoch ist die Lage für Sie schwierig. Deutschland boomt und bräuchte eigentlich höhere Zinsen, Südeuropa steckt in der Krise und würde diese nicht verkraften.

Es ist eine unvermeidbare Eigenschaft sehr großer Volkswirtschaften, dass ihre Mitgliedsländer unterschiedlich schnell wachsen. Dieses Phänomen gibt es auch in den USA. Wir als Europäische Zentralbank müssen uns um die Inflation im gesamten Euro-Raum kümmern. Das heißt, dass die einzelnen Mitgliedsstaaten die Geldpolitik als gegeben hinnehmen und ihre nationale Politik entsprechend anpassen müssen.

Das bedeutet?

Wenn ein Land einen Boom erlebt, muss es seine eigene nationale Politik – also die Fiskal-, Lohn- und Strukturpolitik sowie die Finanzaufsicht – restriktiver gestalten, damit die Wirtschaft nicht überhitzt oder die Spekulation außer Kontrolle gerät. Das gilt für jedes Land auf der Welt, für die Mitglieder einer Währungsunion gilt es aber umso mehr.

Deutschland sollte auf die Bremse treten?

Wenn das erforderlich werden sollte, verfügt das Land auf jeden Fall über die Instrumente, um das Nötige zu tun. Wir sollten aber weiterhin vorsichtig sein: Deutschland hat zwar enorm aufgeholt, aber die Produktion hat noch nicht das Vorkrisenniveau erreicht. Die Erholung war beachtlich und vollzog sich schneller als in anderen Ländern; dies muss aber noch in vollem Umfang bestätigt werden. Es ist zu früh, um die Krise für beendet zu erklären.

Deutschland wird stärker, andere schwächeln. Das bedroht doch die Balance in Euroland.

Nein. Ebenso wenig war die Balance in Gefahr, als Deutschland in den ersten zehn Jahren des Euro ein langsames Wachstum aufwies. Wir beobachten in großen Währungsräumen, dass einzelne Volkswirtschaften im Laufe der Zeit um den Durchschnitt schwanken. Mal sind sie unten, mal oben. In jedem Fall ist das derzeitige Wachstum in Deutschland gut für das Land selbst, gut für das Euro-Gebiet und auch gut für ganz Europa.

Wäre es der Währungsstabilität dienlich, wenn ein Deutscher Ihr Nachfolger würde?

Die Ernennung des Präsidenten der EZB liegt in den Händen der Staats- und Regierungschefs.

Wie beurteilen Sie den Rückzug Axel Webers in diesem Zusammenhang?

Das ist Axels persönliche Entscheidung, die ich respektiere. Wir haben über viele Jahre hinweg an zahlreichen Themen erfolgreich zusammengearbeitet.

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