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Fachkräftemangel Wie Deutschland und Japan Fachkräfte aus dem Ausland anlocken

Die rasante Überalterung der Gesellschaft, die in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt so schnell verläuft wie in keinem anderen Industrieland, zwingt das asiatische Inselreich, sich für mehr ausländische Arbeitsmigranten zu öffnen. Quelle: dpa

Japan ist durch eine Überalterung der Gesellschaft gezwungen, sich für mehr ausländische Arbeitsmigranten zu öffnen. Doch anders als Deutschland möchte das asiatische Inselreich kein Einwanderungsland werden.

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„Irasshaimase“, herzlich willkommen, begrüßt die Bedienung mit freundlicher Stimme den Gast und weist ihm in fast akzentfreiem Japanisch einen Platz zu. Dass die Kellnerin, wie überhaupt das gesamte Personal aus verschiedenen asiatischen Ländern kommt, stört die durchweg japanische Kundschaft nicht. Denn wie hier in einem Restaurant in Tokios modernem Geschäftsviertel Shiodome werden ausländische Arbeitskräfte in Japan händeringend gebraucht.

Die rasante Überalterung der Gesellschaft, die in der vor Deutschland drittgrößten Volkswirtschaft der Welt so schnell verläuft wie in keinem anderen Industrieland, zwingt das asiatische Inselreich, sich für mehr ausländische Arbeitsmigranten zu öffnen - wenn auch nur einen Spalt breit. Denn anders als Deutschland scheut Japan, das stolz auf seine homogene Gesellschaft ist, eine umfassende Immigration, obwohl die Bevölkerung - und damit auch die Zahl der Arbeitskräfte – schrumpft.

Seit Montag gelten in Japan zwei neue Visatypen. Der erste soll Ausländer mit einfachen Japanischkenntnissen und gewissen Jobkenntnissen anlocken. Sie können bis zu fünf Jahre bleiben, Familienmitglieder dürfen jedoch nicht mitgebracht werden. Über die kommenden fünf Jahre sollen rund 345.000 Personen auf diese Weise ins Land geholt werden. Die 14 Branchen, die davon profitieren sollen – darunter der Bau- und Agrarsektor, Gastronomie sowie die Altenpflege – schätzen den Bedarf jedoch auf mehr als eine Million Personen.

Ein anderes Visum gilt für Ausländer mit höherer Bildung, Spezialkenntnissen und reichlich Arbeitserfahrung. Nur sie haben die Aussicht auf eine langfristige Arbeitserlaubnis und dürfen auch ihre Familie nach Japan holen. Die Wirtschaft begrüßt die Reform angesichts des bereits spürbaren Arbeitskräftemangels am Bau, im Handel oder in der Gastronomie. Doch Ökonomen in Tokio sprechen von einem Tropfen auf dem heißen Stein.
Zwar gelang es der rechtskonservativen Regierung bislang, die Beschäftigung zu stabilisieren, indem mehr Frauen in den Arbeitsmarkt integriert und ältere Japaner länger beschäftigt werden. Zudem konzentriert sich die Wirtschaft sehr stark auf Digitalisierung und Steigerung der Effizienz. Restaurants und selbst manche der bislang 24 Stunden geöffneten „Kombini“-Nachbarschaftsmärkte verkürzen ihre Öffnungszeiten, einige experimentieren auch mit automatischen Kassen.
Doch Digitalisierung und Automatisierung reicht inzwischen bei weitem nicht mehr aus. Ohne ausländische Gastarbeiter geht es auch in Japan nicht mehr.

Die Fragen, die in Japan diskutiert werden, sind der Debatte in Deutschland nicht unähnlich. Auch Deutschland hat durch die gestiegene Lebenserwartung und die stagnierende Geburtenrate ein Demografie-Problem. Von den rund 82 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, waren zuletzt nur etwa 16 Prozent Kinder und Jugendliche. Dennoch ist Deutschlands Ausgangslage völlig anders.

Während der Anteil von Ausländern in Japan bei gerade rund zwei Prozent liegt und auch kaum Flüchtlinge aufgenommen werden, sind Arbeitsmigration und der Zuzug von Flüchtlingen in Deutschland seit Jahrzehnten Realität – vor allem im Westen. Das hat dazu geführt, dass in Westdeutschland inzwischen gut jeder Vierte einen Migrationshintergrund hat. In Ostdeutschland ist es jeder Fünfzehnte.

Zwar können sich Arbeitnehmer aus anderen EU-Staaten ohne große Formalitäten in Deutschland einen Job suchen. Doch mit Rezeptionistinnen aus Spanien und Maurern aus Polen alleine kann der Fachkräftemangel in vielen Branchen nicht behoben werden. Laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit waren 2018 im Jahresdurchschnitt 183.874 Stellen in Mangelberufen nicht besetzt. Es fehlt unter anderem an Krankenpflegern, Klempnern und IT-Fachkräften.
Das Bundeskabinett hat deshalb im vergangenen Dezember einen Entwurf für ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschlossen. Er soll Menschen, die nicht Akademiker sind, aber eine Berufsausbildung abgeschlossen haben, den Weg nach Deutschland ebnen. Der Entwurf hängt allerdings in der Warteschleife, weil die Union die Beratung im Bundestag erst beginnen will, wenn sie sich mit der SPD auch über Maßnahmen für eine bessere Durchsetzung der Ausreisepflicht geeinigt hat.

Ähnlich wie in Japan stellt sich hier jedoch das Problem, eine ausgewogene Mischung und überhaupt geeignete Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern zu finden. Denn in vielen außereuropäischen Ländern gibt es keine formale Ausbildung, was den Nachweis der Qualifikation schwierig macht. Gerade Handwerker lernen ihren Beruf dort meist nach dem Prinzip „Learning by Doing“ und müssen daher während der Antragsphase sorgfältig ausgewählt und nach der Ankunft zusätzlich ausgebildet werden.
Experten in Deutschland wie in Japan halten die jeweiligen Immigrationsgesetze für unzureichend. „Statt Einwanderungspolitik wird Gastarbeiterpolitik betrieben, die nur in sehr geringem Umfang erfolgreich sein kann“, meint Martin Schulz, Ökonom beim Fujitsu Research Institute in Tokio. Das kulturell abgeschlossene Japan scheue sich vor den Herausforderungen, die eine Öffnung für richtige Einwanderung mit sich bringen würde. Dazu gehört auch die Angst vor mehr Kriminalität in einem Land, das bislang als eines der sichersten der Welt gilt.

Zudem mangelt es laut Experten an Details zum Gesetz. Auch seien die Arbeits- und Lebensbedingungen für Gastarbeiter noch ungewiss. Die Opposition verweist dabei auf die Ausbeutung von Ausländern, die über ein Praktikumsprogramm, das Japan seit 1993 Schwellenländern anbietet, bereits im Land sind. In der Realität werden diese „Trainees“ laut Anwälten von japanischen Firmen oft als billige Arbeitskräfte in Fabriken ausgebeutet und leben isoliert von der Gesellschaft. Kritiker warnen, dass sich diese Probleme durch die zusätzliche Aufnahme von Hunderttausenden Gastarbeitern wiederholen.

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