Fall Boris Nemzow Putin-Kritiker bezweifeln islamistisches Motiv

Die russischen Ermittler präsentieren erste Ergebnisse im Mordfall Nemzow. Fünf Kaukasier werden verdächtigt, einer gibt auch eine Beteiligung zu. Aber Nemzow-Anhänger glauben nicht an die Theorie der Ermittler.

Fast schon stereotyp weisen bei politischen Verbrechen in Russland die offiziellen Spuren in den Kaukasus. Fünf Männer wurden als Verdächtige festgenommen. Quelle: dpa

Gut eine Woche nach dem aufsehenerregenden Mord am Kremlkritiker Boris Nemzow hat ein erster Verdächtiger eine Beteiligung an der Bluttat gestanden. Ein Moskauer Gericht nahm am Sonntag insgesamt fünf Männer aus dem islamisch geprägten Nordkaukasus in Untersuchungshaft. Ihnen wird vorgeworfen, an der Organisation und Ausführung der Bluttat beteiligt gewesen zu sein.

Am Sonntag hatte eine Richterin Haftbefehle gegen zwei von fünf inhaftierten Verdächtigen erlassen. Nach Gerichtsangaben ist einer der beiden Hauptverdächtigen geständig. Dabei handelt es sich nach Angaben der Ermittler um Saur Dadajew, ein Ex-Polizeioffizier aus Tschetschenien.

Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow lenkte den Verdacht auf Islamisten, indem er im sozialen Netzwerk Instagram erklärte: "Alle, die Saur kennen, werden bestätigen, dass er ein tiefgläubiger Mensch ist und dass er - wie alle Muslime - über die Veröffentlichungen von Charlie und der Unterstützung des Drucks von Karikaturen schockiert war."

Putins Folterwerkzeuge im Sanktionskrieg

Eine der Theorien der Ermittler zum Motiv für die Ermordung Nemzows ist ein islamistischer Hintergrund. Der Oppositionelle soll Drohungen aus diesem Milieu erhalten haben, weil er sich nach dem Anschlag auf die Pariser Satirezeitung „Charlie Hebdo“ im Januar solidarisch mit den Opfern gezeigt hatte.

"Nonsens-Theorie" nutzt Putin

Weggefährten des ermordeten russischen Regierungskritikers Boris Nemzow bezweifeln aber einen islamistischen Hintergrund des Attentats. "Die Nonsens-Theorie der Ermittler über islamistische Motive beim Mord an Nemzow nutzt dem Kreml und nimmt Putin aus der Schusslinie", erklärte Ilja Jaschin, neben Nemzow Co-Vorsitzender der kleinen oppositionellen Liberalen Partei in Russland, im Kurznachrichtendienst Twitter.

Der Verdächtige Saur D. „hat eine Beteiligung an der Ausführung des Verbrechens gestanden“, sagte die Richterin Natalja Muschnikowa. Welche Rolle dieser dabei spielte, war zunächst nicht bekannt. Saur D. war in der Teilrepublik Inguschetien im Nordkaukasus gefasst worden. In der Unruheregion kommt es immer wieder zu Anschlägen von Extremisten.

Dennoch könne noch nicht von einem Durchbruch in den Ermittlungen gesprochen werden, warnten Beobachter. „Wir hoffen, dass Menschen festgenommen wurden, die tatsächlich etwas mit dem Mord zu tun haben“, sagte der Oppositionelle Ilja Jaschin. Die Hintermänner der Tat müssten gefunden werden, forderte er.

Über Saur Dadajew berichteten Medien, er komme aus einer Spezialeinheit der Sicherheitskräfte der Nordkaukasusrepublik Tschetschenien. Der Verdächtige Ansor G. soll für eine private Sicherheitsfirma in Moskau gearbeitet haben. Später wurden auch dessen jüngerer Bruder Schagid G. sowie zwei Männer namens Ramsat B. und Tamerlan E. festgenommen. Über sie war zunächst nichts Näheres bekannt.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Der Oppositionspolitiker Nemzow war am 27. Februar von einem Unbekannten in der Nähe des Kremls hinterrücks erschossen worden. Die Behörden gingen von einem Auftragsmord aus, berichtete die Agentur Interfax. Von möglichen Hintermännern war zunächst keine Rede.

Kritiker vermuten die Hintermänner im Umfeld des Kremls, ohne Beweise vorzulegen. Nemzow galt als einer der wichtigsten Anführer der Opposition und entschiedener Gegner von Präsident Wladimir Putin.

Schanna Nemzowa, die Tochter des Mordopfers, warf dem Kreml eine direkte Verwicklung in den Fall vor. „Er wurde umgebracht, weil er gegen den Kreml war“, sagte sie der „Bild am Sonntag“. An eine Aufklärung des Falls glaubt sie nicht: „Irgendjemand wird bestraft werden, aber nicht der wirklich Schuldige.“ Präsident Putin hatte den Mord als Provokation verurteilt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%