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Flüchtlinge Australien – der Folterstaat

Kein westliches Land geht mit Asylsuchenden härter um als Australien: Verstümmelungen und Selbstmorde sind in den Lagern Alltag. Selbst Kinder leben hinter Stacheldraht, dem Wahnsinn nahe. Und das Volk klatscht Beifall.

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Ein winziges Boot auf dem aufgewühlten Meer: Dieses Szenario steht an Anfang des Videos, mit dem Bootsflüchtlinge von der Küste des Fünften Kontinents ferngehalten werden sollen. Quelle: dpa

Der kleine Ferouz hat keinen guten Start ins Leben. Geboren als Sohn einer Asylsuchenden aus Myanmar, verweigert ihm Australien ein Schutzvisum. Obwohl der inzwischen elf Monate alte Junge in einem Krankenhaus der australischen Stadt Brisbane zur Welt kam. Doch weil seine Mutter auf einem Boot nach Australien geflohen war, gilt sie als „illegaler Meeresankömmling“. Und das gelte auch für ihren Sohn, bestätigten am Mittwoch Richter. Ferouz droht die Deportation in ein von Stacheldraht umgebenes Internierungslager auf der Pazifikinsel Nauru.

100 weitere Kinder stehen vor demselben Schicksal. Kein Asylsuchender, der „illegal“ nach Australien komme, werde je bleiben können, sagt Premierminister Tony Abbott. In Pakistan warnt seine Regierung auf riesigen Plakate jeden davor, sein Glück in Australien zu suchen. Ein Bild eines mitten im Meer treibenden Fischerbootes, dazu die Warnung: „Die Nachricht ist simpel: Wenn Sie illegal mit einem Boot nach Australien kommen, gibt es keine Möglichkeit, dass Australien jemals Ihr Zuhause werden wird. Es gibt keine Ausnahmen.“

Länder mit der höchsten Zahl der Asylbewerber (2014)

Der Fall Ferouz und die Plakatkampagne haben in den vergangenen Tagen weltweit Schlagzeilen gemacht. Das ist selten. Normalerweise tritt Australien in den Medien in Europa als Urlaubsparadies auf, mit Kängurus, Stränden und netten Menschen. Dabei hat das Land auch eine andere Seite – als Hort institutionalisierter, staatlich geförderter und von der Mehrheit des Volkes befürworteter Unmenschlichkeit.

„J’accuse“ – „Ich klage an“. Der Titel des Protestschreibens, das über 190 Menschenrechtsanwälte, Ethiker, Ärzte und Organisationen im August der Regierung Australiens übergeben haben, sagt alles. Die konservative Regierung verfolge eine brutale, inhumane Politik der Abschreckung von Asylsuchenden, „von Kindern und Erwachsenen, trotz klarer Beweise, dass daraus psychische Krankheiten resultieren, Selbstverstümmelung und Selbstmorde“.

Länder mit der niedrigsten Aufnahmequote (2014)

Der Psychiater Peter Young ist noch direkter: Die Praxis der „vorgeschriebenen Internierung von „Bootsflüchtlingen“ sei „der Folter gleichzusetzen“. Young war für psychiatrische Dienste in den Lagern verantwortlich, bis er die Arbeit nicht mehr mit der Verpflichtung als Arzt in Einklang bringen konnte, Menschen vor Schaden zu schützen. „Wenn wir Folter als eine bewusste Schädigung von Menschen definieren, um sie zu einem bestimmten Resultat zu zwingen, entspricht Australiens System dieser Definition.“

„Bootsflüchtlinge“ sind Asylsuchende, die versuchen, auf dem Wasserweg nach Australien zu gelangen. Fast immer handelt es sich um Menschen aus dem Nahen Osten, gelegentlich aus Sri Lanka oder eben Myanmar. Die meisten steigen mit Hilfe von Menschenschleppern in Indonesien in ein kaum seetüchtiges Fischerboot. Es bringt sie in der Regel zur Weihnachtsinsel, australisches Hoheitsgebiet, aber tausende von Kilometer vom Festland entfernt.

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