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Flüchtlinge Wie Syrer in der Türkei leben und arbeiten

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Die Türkei in einer Phase der Verwundbarkeit

Dennoch ist das Timing schlecht für eine nahtlose Integration so vieler neuer Arbeitskräfte. Efendis Familienbetrieb etwa läuft auch schlechter als vor vier Jahren. „Unsere Exporte sind wegen des Krieges eingebrochen“, sagt der 31 Jahre alte Unternehmer. „Gleichzeitig ist alles teurer geworden, weil die vielen Flüchtlinge die Nachfrage ankurbeln. Wir müssen mehr Geld für unsere Ware bezahlen, unsere Margen sind gesunken.“ Uneingeschränkt gut seien die Flüchtlinge nur für Immobilienbesitzer, urteilen türkische Wirtschaftsexperten. In manchen Gegenden haben sich die Mieten schon vervierfacht, vor allem in den Grenzregionen. „Mag sein, dass die Flüchtlinge gut für die Wirtschaft der Großstädte sind“, sagt daher Nähereibesitzer Efendis. „Aber in den kleinen Städten explodieren die Probleme.“ Der Zustrom der Flüchtlinge trifft die Türkei schließlich in einer Phase besonderer ökonomischer Verwundbarkeit.

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Vor zehn Jahren galt das Land noch als „anatolischer Tiger“, zwischen 2002 und 2007 wuchs die Wirtschaft um durchschnittlich sieben Prozent im Jahr. Heute sind es nur noch drei bis vier Prozent. Das ist weit mehr als der EU-Durchschnitt, aber nicht viel für ein Schwellenland mit Aufholbedarf. 3,5 Prozent Wachstum sind nötig, um die Arbeitslosigkeit wenigstens konstant zu halten – sie liegt immerhin bei rund zehn Prozent. Dieses Jahr kommen neue Schwierigkeiten hinzu: Wirtschaftssanktionen, die Russlands Präsident Wladimir Putin nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges durch die Türkei verhängte, treffen das Land empfindlich. Rund vier Millionen russische Touristen werden wohl ausbleiben, die sonst rund eine Milliarde Euro pro Jahr ausgaben. Bis zu ein Prozentpunkt Wachstum könnte allein das die türkische Wirtschaft kosten. Der ungelöste Kurdenkonflikt, der Krieg im Nachbarland und nicht zuletzt die autoritären Tendenzen von Präsident Recep Tayyip Erdoğan verschrecken zudem Anleger. Ausländische Direktinvestitionen in die Türkei fielen von 22 Milliarden Dollar im Jahr 2007 auf etwa 12,5 Milliarden Dollar.

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Reichen die drei Milliarden Euro, die Merkel der Türkei versprochen hat, um dies auszugleichen? Industrievertreter Vural lacht. „Das sind doch Peanuts. Wir werden diese Summe mindestens jedes Jahr brauchen.“ Dass sein Land mehr Geld braucht, sieht auch Osman Cevdet Akçay, Chefvolkswirt der Yapi Kredi Bank, eine der größten Privatbanken der Türkei. Doch der Ökonom verbreitet Optimismus, er staunt über den Unternehmergeist der syrischen Flüchtlinge. In der Tat haben diese Schätzungen zufolge voriges Jahr neue Investitionen in Höhe von rund 70 Millionen Euro getätigt, etwa im Istanbuler Stadtteil Aksaray, der als „Little Damascus“ gilt. Dort reihen sich syrische Cafés an Falafel-Läden. In der Auslage einiger Geschäfte leuchten aber auch orangene Schwimmwesten, rund 30 Euro das Stück. Sie erinnern daran, was der Türkei bevorsteht, sollte der Krieg in Syrien weiter eskalieren. Auf Flüchtlinge warten in einem Café in Aksaray nämlich auch bärtige Männer wie jener, der Omar genannt werden möchte. Er isst ein Sandwich mit Pommes und Unmengen von Mayonnaise, und er wartet. 600 bis 800 Euro kostet derzeit bei ihm die Fahrt gen Griechenland. Etwa 40 Kunden zählt Omar derzeit pro Woche, im Sommer seien es bis zu 80 am Tag, erzählt er. Die schärferen Grenzkontrollen hätten damit aber nichts zu tun. „Es liegt am Wetter. Momentan ist die Überfahrt zu gefährlich.“ Doch der Frühling wird kommen, darauf kann Omar vertrauen.

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