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Flüchtlingskrise Der Türkei-Deal lässt die Preise für Schleuser sinken

Omar bringt Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland. Das Abkommen mit der EU hat sich schon vor Inkrafttreten auf sein Geschäft ausgewirkt.

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Schleuser: Omar bringt Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland. Quelle: Narciso Contreras für WirtschaftsWoche

Die ersten Stunden nach Sonnenuntergang waren für Omar in den letzten zwei Jahren die anstrengendsten. Da holte er die Syrer, Afghanen, Iraker, und manchmal auch Schwarzafrikaner in den Parks von Istanbul ab. Der bärtige Mann mit den müden Augen führte sie zu einer Unterkunft, wo sie die Nacht verbrachten. Früh am nächsten Morgen übernahm dann ein Kollege mit einem Mini-Bus die menschliche Fracht und brachte sie nach Izmir an die Küste. Die Männer, Frauen und Kinder wurden in ein Schlauchboot gesetzt und auf einer der griechischen Inseln abgesetzt. 600 bis 800 Euro kostete dieser Trip zuletzt.

Zehn Prozent des Verkaufspreis gingen an Omar, der Rest ging an seine Bosse. "Kurden und Türken stehen an der Spitze der Organisationen", sagt er. Sie seien zum Teil schon seit den Achtzigern im Geschäft. "Syrer wie ich sind eher kleine Fische."

Omar verdiente trotzdem gut damit: Zwischen 5000 und 8000 Euro im Monat. Der Istanbuler Stadtteil Aksaray lebte direkt oder indirekt von den Flüchtlingen: Schwimmwesten, Hotelzimmer, syrisches Essen. Das arabisch geprägte Viertel im europäischen Teil der Stadt war bislang die wichtigste Zwischenstation für Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa. Jetzt ist es ruhig dort geworden.

Reaktionen zu möglichen Grenzschließungen

Vor drei Wochen haben Omar und seine Kollegen ihr Büro in Istanbul geschlossen. Vorerst. Das Abkommen der Europäischen Union mit der Türkei hat für Aufregung in der Schleuser-Szene gesorgt.

Ab 4. April soll die Türkei illegal nach Griechenland einreisende Flüchtlinge zurücknehmen. Für jeden wiederaufgenommenen Flüchtling will Brüssel im Gegenzug einen Syrer legal in die EU einreisen lassen. Kann das klappen?

Omar ist skeptisch. "Im Moment warten alle ab", sagt er.

Das bedeutet nicht, dass es im Moment keine illegalen Einreisen nach Europa gibt. Etwas über 25.000 Flüchtlinge kamen im März in Griechenland an. Das sind noch immer drei Mal so viele wie im selben Monat vor einem Jahr. Allerdings sind die Zahlen im Vergleich zu den Vormonaten stark gesunken. Im Januar kamen noch 67.000 Menschen in Griechenland an.

Nur hat sich die Preisstruktur verändert. Die Preise für Überfahrten sind auf 500 Euro und weniger gesunken. "Schleuderpreise", sagt Omar. "Manche Kollegen versuchen noch, die Dümmsten und Verzweifelten zu überreden, überzusetzen."

Gefälschte Pässe sind gefragt

Ein weiterer Grund für die gesunkenen Flüchtlingszahlen sind laut Omar auch die gestiegenen Kosten für den Grenzübertritt in die Türkei. Aufgrund der verstärkten Kontrollen der Türken koste ein Grenzübertritt von Syrien in die Türkei mittlerweile mehr als eine Überfahrt nach Griechenland.

Darüber hinaus hat sich das Geschäft verlagert. "Zur Zeit boomen Flugreisen mit gefälschten Pässen", sagt Omar. Die aber können sich nur sehr reiche Flüchtlinge leisten. 6000 bis 8000 Euro kostet ein Flugticket inklusive gefälschten Papieren. Wer nach Großbritannien möchte, muss das Doppelte hinblättern.

In Izmir an der Ägäis-Küste stellen sich die Schlepper unterdessen auf die Italien-Route ein. "Sie werden große Schiffe benutzen, anstatt der kleinen Schlauchboote." 2500 Euro koste ein solches Ticket momentan.

Was Flüchtlinge dürfen

Omar heißt eigentlich anders. In seinem früheren Leben war er Grundschullehrer in Syrien. Auf seinem Handy zeigt er ein Foto. Darauf zu sehen: ein glattrasierter Mann mit blauem Hemd, der am Strand sitzt. "Das bin ich", sagt er, als staune er selbst darüber, wie wenig Ähnlichkeit der Mann auf dem Bild heute mit ihm hat. "Das war vor sechs Jahren." Manchmal vermisse er Kreide und Tafel, sagt er. Er kämpfte auf Seiten der Rebellen gegen Assad. Drei seiner Brüder sind tot. Einen töteten Regierungstruppen, einer der IS und einen kurdische Rebellen. Schließlich floh er selbst. Mit seinem bis vor kurzem üppigen Gehalt unterstützte er die Familien seiner gefallenen Brüder.

Obwohl der EU-Deal ihn seinen Job kosten könnte, findet Omar findet ihn trotzdem gut. "Wenn damit endlich weniger Menschen auf der Überfahrt sterben, ist das gut", sagt er. Nur ist er nicht sicher,  dass er funktionieren wird.

"Ankündigungen, härter gegen Schleuser vorzugehen, gab es schon öfter. Funktioniert haben sie nicht." Warum? "Es gibt Menschen, die nach Europa wollen und Geld haben - und es gibt Menschen, die sie dort hinbringen."

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