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Freytags-Frage

Liegen die Märkte der Zukunft für die deutsche Wirtschaft in Afrika?

Sechs der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt liegen in Afrika. Der Kontinent erwacht aus seinem Dornröschenschlaf. Was die deutsche Wirtschaft dort erreichen und wie sie China übertrumpfen kann.

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Nairobi in Kenia - einer der wirtschaftlichen Hotspots auf dem afrikanischen Kontinent. Quelle: dpa, Montage

Vor dem Hintergrund der chronischen Probleme in der Eurozone, der Krise in den Schwellenländern und der chinesischen Wachstumsschwäche sollte die exportorientierte deutsche Wirtschaft nach Alternativen suchen. Da passt es, dass der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) jüngst noch einmal betont hat, dass Afrika "aus dem Dornröschenschlaf" erwache. Dabei hat der Verband auch die Sorge geäußert, die deutsche Wirtschaft Afrika auch weiterhin vernachlässigen würde. Dieser Befund deckt sich überdies mit dem Eindruck, dass Afrika in Deutschland weitgehend als Krisenkontinent wahrgenommen wird: Ebola, AIDS, Bürgerkriege, islamischer Terror und Flucht sind die vorherrschenden Themen der letzten Monate gewesen.

Diese Wahrnehmung ist nicht angemessen. Erstens ist Afrika überaus divers, das heißt, es gibt kein einheitliches Afrika, sondern insgesamt 54 Staaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Neben gut regierten und sicheren Ländern wie Botswana oder Ruanda stehen sogenannte Krisenstaaten ("Failed states"), in denen das Chaos herrscht, allen voran die Demokratische Republik Kongo (DRC). Das bedeutet, dass ein Urteil über Afrika als eine Einheit sich verbietet.

Länder mit hoher Arbeitslosigkeit und Inflation
Platz 21: FinnlandEs gibt keinen Grund, in Finnland zu leben. So zumindest sieht es der Kult-Regisseur Aki Kaurismäki ("Le Havre"). Die Inflation ist mit 0,3 Prozent zwar niedrig, aber 11,5 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos. Finnland ist stark exportabhängig, mehr als ein Drittel des BIP werden durch Exporte bestritten. Die schwächelnde Konjunktur in Europa setzte der finnischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren zu. Quellen: Businessinsider.com, Reuters, dpa, AP Quelle: AP
Platz 20: ChileGleichauf mit Finnland liegt Chile in Sachen Inflation und Arbeitslosigkeit. Auch hier wird die Wirtschaft stark vom Export bestimmt; er macht rund 33 Prozent des BIP aus. Die Wirtschaft wuchs zuletzt so langsam wie seit vier Jahren nicht mehr. Quelle: dpa
Platz 19: BrasilienDie Arbeitslosigkeit liegt bei nur 4,9 Prozent, aber die Inflation beträgt derzeit 6,5 Prozent. Brasilien ist im zweiten Quartal 2014 trotz der Fußball-WM in eine Rezession gefallen. Das BIP der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas lag um 0,6 Prozent unter dem Vorquartal, wie das nationale Statistikamt IBGE mitteilte. Im ersten Quartal war ein Rückgang von 0,2 Prozent verzeichnet worden. Zwei Minusquartale in Folge gelten gemeinhin als Rezession. Brasilien war zuletzt während der internationalen Finanzkrise 2008 in eine Rezession gerutscht. Quelle: dpa
Platz 18: PolenEine Skulptur in Form eines Papierboots treibt an Warschau vorbei. In Polen sind 11,5 Prozent der Bevölkerung ohne Job. Die Inflation liegt derzeit bei 0,3 Prozent. Das Land leidet vor allem unter einem komplizierten Steuersystem und einer maroden Infrastruktur, sowohl bei Straßen als auch bei Schienen. Es wird erwartet, dass Polens Wirtschaft weiter schwächelt, da das Land von Import-Verboten Russlands betroffen ist. Polen ist Europas größter Apfelproduzent mit rund 2,5 Millionen Tonnen im Jahr und sucht nun dringend nach Lösungen, um dramatische Einkommensverluste für die Anbauer zu vermeiden. Quelle: dpa
Platz 17: IrlandDie Inflation ist mit 0,3 Prozent niedrig, 11,5 Prozent der Iren sind arbeitslos. Irland hatte 2010 das größte Defizit mit 32,4 Prozent vom BIP. Inzwischen konnte das Land das Euro-Rettungsprogramm verlassen und seine Neuverschuldung dank überraschend hoher Steuereinnahmen in diesem Jahr stärker drücken als erwartet. Das Defizit werde bei rund vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegen, sagte Finanzminister Michael Noonan am 3. September in Dublin. 2015 will Irland das EU-Defizitziel von drei Prozent wieder einhalten. Quelle: dpa
Platz 16: PhilippinenDie Preise auf den Philippinen steigen stark: Die Inflation lag zuletzt bei 4,9 Prozent. Zugleich sind 7 Prozent der Philippinos arbeitslos. Das Land kämpft, auch aufgrund wiederkehrender Naturkatastrophen, mit Infrastrukturproblemen. Die Weltbank hat ihre Wachstumsprognose für die Philippinen erst im August gesenkt. Für 2014 rechnet das Institut nun noch mit einem Wachstum von 6,4 Prozent, für 2015 von 6,7 Prozent. Die Weltbank machte für die Senkung die schleppende Wirtschaft im ersten Quartal 2014 nach den Zerstörungen durch den Taifun „Haiyan“ verantwortlich. Zudem seien im zweiten Quartal die Staatsausgaben verlangsamt und die Geldpolitik in den ersten sieben Monaten verschärft worden. Allerdings bleibe das Land weiter eines der am schnellsten wachsenden Länder Ostasiens, hieß es. Quelle: dpa
Platz 15: Russland4,9 Prozent der Bevölkerung haben keinen Job, die Inflation liegt bei 7,5 Prozent. Im Sog der Ukraine-Krise schrumpfte die russische Wirtschaft 2014 stärker. Das BIP verringerte sich im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,2 Prozent. Damit fiel das Minus doppelt so groß aus wie im Juni. Der Westen hat Sanktionen gegen Russland verhängt. Er wirft der Regierung in Moskau vor, sich nicht wie zugesagt um eine Entspannung der Lage im Osten der Ukraine zu bemühen. Dort kämpfen prorussische Separatisten gegen die ukrainische Armee. Im Zuge der Krise hat die russische Währung Rubel massiv an Wert verloren und sich die Kapitalflucht aus dem Land verstärkt. Quelle: dpa

Zweitens hat Afrika mehr zu bieten als Krisen. Die Wachstumsraten in der vergangenen Dekade waren auf keinem Kontinent so hoch wie in Afrika, von den zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt kommen zur Zeit allein sechs aus Afrika. Bemerkenswerter Weise ist dieses Wachstum keineswegs nur rohstoffgetrieben; seit dem Beginn der Rohstoffbaisse konnte man keine wesentlichen Bremseffekte beobachten.

Dieses Wachstum braucht Investitionen, gerade in die Infrastruktur. Man denke nur an die Energieversorgung (immer noch sind etwa zwei von drei Afrikaner nicht an das Elektrizitätsnetz angeschlossen) und das Transportwesen; es mangelt zum Beispiel an gut ausgebauten Ost-West-Straßenverbindungen und an guten Flugverbindungen. Wenn es den Afrikanern gelingen soll, sich besser in die sogenannten globalen Wertschöpfungsketten (GVC) zu integrieren, müssen sie hier Abhilfe schaffen. Dies ist auch in der sogenannten Geber-Gemeinschaft erkannt worden, so dass zahlreiche Initiativen zur Verbesserung der Infrastruktur gestartet wurden. Deutsche Firmen sind im Bereich der Energieversorgung beispielsweise bereits recht gut aufgestellt; es könnte aber noch mehr sein.

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    Was für die lange Frist aber noch wichtiger erscheint: In Afrika gibt es eine wachsende Mittelschicht, die Wasserversorgung verbessert sich, das Bildungsniveau steigt, und auch die Beteiligung von Frauen am Wirtschaftsleben steigt. Die Millenniums-Entwicklungs-Ziele sind zwar noch nicht erreicht worden, aber viele Missstände sind in der Tat beseitigt worden. Die Mittelschicht ist nicht nur ökonomisch bedeutsam, sie kann auch erheblich zur politischen Stabilisierung beitragen.

    Die Begeisterung für China lässt nach in Afrika

    Die wichtigsten Fakten aus dem Wasserbericht
    Die Nachfrage nach Energie und nach Wasser wird in den kommenden Jahrzehnten steigen. Dieser Anstieg führt zu erheblichen Herausforderungen und Belastungen in fast allen Regionen, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Bis 2050 wird der globale Wasserbedarf voraussichtlich um rund 55 Prozent steigen. Bedingt wird dies vor allem durch die steigende Nachfrage in der industriellen Fertigung (plus 400 Prozent). Der spezifische Bedarf der Haushalte wird dagegen "nur" um 130 Prozent zunehmen. Mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung werden 2050 voraussichtlich in Gebieten mit starkem Wasserstress leben.Quelle: Weltwasserbericht 2014 Quelle: REUTERS
    Die Versorgung mit Wasser und die Versorgung mit Energie sind wechselseitig abhängig. Entscheidungen in einem Sektor haben positive und negative Auswirkungen auf den jeweils anderen Sektor. Krisen wie Armut, Gesundheit und Hunger sind eng verbunden mit Wasser und Energie. Weltweit haben nach verschiedenen Schätzungen rund 768 Millionen bis 3,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu einer guten Wasserversorgung. 2,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu ausreichender sanitärer Versorgung. In den meisten Fällen sind die Menschen, die unter Wassermangel leiden, auch von fehlender Energieversorgung betroffen: Mehr als 1,3 Milliarden Menschen haben keinen Strom und rund 2,6 Milliarden Menschen nutzen zum Kochen vor allem Holz. Quelle: dpa
    Politik und Verwaltung, Planer und Praktiker können die Barrieren zwischen ihren jeweiligen Sektoren schrittweise überwinden. Der Staat kann durch innovative und pragmatische Ansätze die Versorgung mit Wasser und Energie effizienter machen und Kosten sparen. Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts für die Regierungen lautet, die vielfältigen Aspekte von Wasser und seiner Nutzung zu berücksichtigen. Quelle: dpa
    Der Preis für Energie- und Wasserdienstleistungen sollte die Kosten für Bereitstellung und sozio-ökologische Folgen berücksichtigen. Die Grundbedürfnisse der Armen und Benachteiligten dürfen nicht beeinträchtigt werden. Der Zugang zu sauberem Wasser ist als Menschenrecht anerkannt - auf die Energieversorgung wird dies noch nicht angewandt. Quelle: obs
    Der private Sektor kann eine größere Rolle bei Investitionen, Wartung und Betrieb von Wasser- und Energieinfrastruktur spielen. Energie ist ein gutes Geschäft, der Energiesektor kann daher viele Hebel in Bewegung setzen. Quelle: dpa
    Auch die staatliche Unterstützung für Forschung und Entwicklung sind entscheidend für den Ausbau alternativer, erneuerbarer und weniger wasserintensiver Energieformen. Energie und Wasser können gemeinsam und synergetisch produziert werden. Es bietet sich etwa eine Kombination von Kraftwerken und Entsalzungsanlagen, Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die Nutzung alternativer Wasserquellen für thermische Kraftwerkskühlung oder etwa Energierückgewinnung aus Abwasser an. Für die Suche nach neuen technischen Lösungswegen braucht es entsprechende politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, damit die Sektoren besser zusammenarbeiten. Quelle: dpa
    Wasser und Energie stehen im Zentrum nachhaltiger Entwicklung und müssen solchermaßen anerkannt werden. Es muss ein Wandel hin zu einer nachhaltigen und wechselseitig kompatiblen Entwicklung von Wasser und Energie gefunden werden. So sehen die Experten etwa beim Fracking, das große Mengen an Wasser erfordert, Risiken für Wasserqualität und die menschliche Gesundheit. Quelle: REUTERS

    Für die deutsche Wirtschaft ist bedeutsam, dass diese Mittelschicht eine enorme Nachfrage nach europäischen, dabei auch und gerade nach deutschen Produkten äußert und in der Zukunft äußern wird. Deutsche Produkte genießen in Afrika – wie auch anderswo – einen exzellenten Ruf. Das bezieht sich sowohl auf Investitionsgüterindustrie als auch auf langlebige Konsumgüter; der Ruf deutscher Automobile beispielsweise ist legendär; dieser Sektor ist bereits präsent, andere können daraus sicher Nutzen ziehen.

    Neben dem reinen Export sind auch Investitionen denkbar, die sowohl den afrikanischen Markt bedienen als auch die Standortvorteile einzelner afrikanischer Regionen nutzen können. Viele Länder versuchen, ihre Rohstoffe selber zu verarbeiten. Deutsches Know-How kann dabei helfen, zumal deutsche Unternehmen andere ethische Standards als zum Beispiel chinesische Unternehmen zu haben scheinen. Dies wird auch für afrikanische Regierungen immer wichtiger.

    Die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen für das Jahr 2015

    Zwar gibt es Konkurrenz. Besonders haben die gerade erwähnten chinesische Firmen in den vergangenen Jahren in Afrika Fuß fassen können, es darf aber nicht vergessen werden, dass das chinesische Engagement in vielen Regionen Afrikas nicht mit ungeteilter Begeisterung aufgenommen wird: Zu harsch benehmen sich die Investoren, zu wenige Arbeitsplätze für Einheimische werden geschaffen, und zu schlecht sind oftmals die Produkte und Investitionsprojekte.

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      Es passt auch ins Bild, dass  China selber in Schwierigkeit gerät. Innerhalb Chinas müsste die Marköffnung und Privatisierung vorangetrieben werden, was aber offenbar unterbleibt, wie die Europäische Handelskammer in dieser Woche beklagte. Der Reformeifer der chinesischen Führung scheint dort zu enden, wo sich ökonomische mit politischen Freiheiten zu verbinden drohen.

      Somit wird China nicht nur als Markt schwieriger, auch die Konkurrenz aus China wird es in Zukunft schwerer haben, wenn die Dynamik dort nachlässt. Aus dem Problem kann dann eine Chance für die deutsche Wirtschaft werden.

      Ausland



      Denn die Schwierigkeiten der chinesischen Unternehmen in Verbindung mit der Unzufriedenheit afrikanischer Kunden mit den oftmals billigen, aber dann vielfach schlechten und damit gerade nicht preiswerten Produkten aus China bietet die Chance für deutsche Wertarbeit. Das Bewusstsein für Qualität ist in Afrika seit einigen Jahren enorm gestiegen.

      Nun ist es aber nicht so, dass afrikanische Märkte in irgendeiner Weise einfach wären. Kulturelle Unterschiede, andere Bedürfnisse, Verwaltungsprobleme, Korruption und anderes mehr stellen in der Tat hohe Barrieren dar. Doch kann man wohl mit Recht behaupten, dass die deutschen Exporteure erfahren genug sind, diese Herausforderungen zu meistern. Es ist gut, dass Spitzenverbände sich dazu bekennen.

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