Freytags-Frage

Warum schwächeln die BRICS-Staaten?

Sie wollten dem Westen Konkurrenz machen, doch seit einige Zeit schwächeln die führenden Schwellenländer - wirtschaftlich wie politisch. Das ist für Europa und die USA allerdings keine gute Nachricht.

Quelle: REUTERS

In den letzten Jahren ist viel davon zu hören gewesen, dass es Zeit sei, die westliche Hegemonie in der Weltwirtschaft zu überwinden. Gemeint war das liberale Gesellschaftsmodell mit Demokratie, methodologischem Individualismus, offenen Märkten und Wettbewerb. Als Resultat dieses Modells existiert eine von Offenheit und Nichtdiskriminierung geprägte Welthandelsordnung. Diese hat den Entwicklungs- und Transformationsländern gerade die Möglichkeit gegeben, sich in die globale Arbeitsteilung zu integrieren. Länder, die die Integration vorangetrieben, konnten viele Menschen aus der Armut befreien, z.B. Polen oder China. Wer sich verweigerte, stagnierte zumindest, z.B. Kuba oder Nordkorea.

Das Ende des Wachstums
Brasilien: Schwache Strukturen bremsen das große PotenzialDie größte Volkswirtschaft Lateinamerikas will nicht mehr so recht anlaufen. Wuchs sie 2010 noch um über sieben Prozent, hat sie seitdem nicht einmal mehr drei Prozent erreicht. Der IWF korrigierte seine aktuelle Prognose sogar noch nach unten. Unter den Schwellenländern wurde die Prognose für Brasilien am stärksten gekürzt. Hier sieht der IWF im laufenden Jahr ein Wachstum von 0,3 Prozent und im nächsten Jahr von 1,4 Prozent. Im Juli rechnete der IWF noch mit 1,3 Prozent und zwei Prozent Plus. Langfristig sehen mehrere Studien nach wie vor ein großes Wachstumspotenzial für Brasilien. Das liegt vor allem an dem Rohstoffreichtum des Landes, der gut funktionierenden Landwirtschaft und der großen und konsumfreudigen Bevölkerung. Kurz- und mittelfristig seien die Aussichten allerdings unsicher. So bemängeln Analysten die hohen Steuern und das komplizierte Steuersystem. Weitere Wachstumshemmnisse sind die marode brasilianische Infrastruktur und die schwerfällige Bürokratie. Hohe Löhne und Finanzierungskosten sowie protektionistische Handelsregeln halten Investoren derzeit auf Abstand. Auch qualifizierte Arbeitskräfte sind Mangelware - die Arbeitsproduktivität in der sechst größten Volkswirtschaft der Welt liegt 30 bis 50 Prozent unter dem europäischen Niveau. Die Arbeitslosenquote ist mit 5,6 Prozent relativ moderat. Brasiliens Präsidentin Dilma Roussef hat nach ihrem knappen Wahlsieg viel zu tun, wenn sie die Potenziale ihrer Volkswirtschaft ausreizen will. Quelle: dapd
„Sollte das Wachstum jetzt geringer ausfallen, wird die Regierung alle Instrumente nutzen, um eine Konjunkturabkühlung zu verhindern“, erwartet José Carlos de Faria, Chefökonom der Deutschen Bank in São Paulo. Unterstützung erhält die Konjunktur dadurch, dass derzeit staatliche und private Infrastrukturprojekte für umgerechnet rund 180 Milliarden Euro bis 2014 umgesetzt werden. Und Brasilien verfügt über Spielraum für weitere Stimulierungen. Die Devisenreserven sind hoch, ausländisches Kapital strömt weiter ins Land, und auch die Notenbank kann die Zinsen noch senken. Doch Wachstumsraten von über sieben Prozent wie 2010 sind außer Sichtweite: Nach einer Umfrage der Zentralbank rechnen die führenden Investmentbanken damit, dass Brasilien 2013 rund vier Prozent wachsen wird. Alexander Busch Quelle: AP
Russland: Die Wirtschaftssanktionen sind nicht Russlands größtes ProblemDer größte Flächenstaat hat sich selbst in eine Krise manövriert. Die politische Machtdemonstration in der Ukraine kostet Russlands Wirtschaft Kraft. Erst im vergangenen Monat hat die US-Ratingagentur Moody's die Kreditwürdigkeit Russlands deswegen von „Baa1“ auf „Baa2“ herabgestuft – damit liegt die Bonität Russlands nur noch knapp über dem Ramschniveau. Auch der Ausblick für die zukünftige Entwicklung ist negativ. Die Sanktionen des Westens belasten die mittelfristigen Wachstumsaussichten. Der IWF geht davon aus, dass die russische Wirtschaft in diesem Jahr um 0,2 Prozent und im nächsten Jahr um 0,5 Prozent wachsen wird. Allerdings sind die Wirtschaftssanktionen nicht das größte Problem Russlands. Der Absturz des Rubels und des Ölpreises machen der Wirtschaft viel mehr zu schaffen. Quelle: picture-alliance/ dpa
Gazprom profitiert zwar von dem Ende des Gasstreits zwischen der Ukraine und Russland – gute Zukunftsaussichten sehen aber anders aus. Der Ölpreis ist aufgrund der nachlassenden Weltkonjunktur von 107 Dollar pro Fass auf 86 Dollar gefallen. Für die vom Öl und von Gas abhängige russische Wirtschaft birgt das große Probleme – Russland generiert rund die Hälfte seiner Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas. Die Schwäche des Rubels drückt das Wachstum ebenfalls und kostet Russland monatlich Milliarden. Seit Januar ist der Kurs des Rubels um 20 Prozent gefallen. Das führt dazu, dass die Importe teurer werden. Der Lebensmittelpreis ist beispielsweise im September um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Quelle: dpa
Indien: Eine Wirtschaft auf ReformkursGemessen an den Bevölkerungszahlen ist Indien die zweitgrößte Wirtschaft der Welt. Auch in Bezug auf das Wirtschaftswachstum war Indien lange Zeit weltspitze. 2010 wuchs die Wirtschaft noch um über zehn Prozent – 2014 sind es vergleichsweise nur noch magere fünf Prozent. Gemessen an den westlichen Industrieländern ist diese Quote allerdings immer noch beeindruckend. Für 2015 erwartet der IWF, dass die indische Wirtschaft wieder stärker anzieht. Ein Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent wird erwartet. Besonders tragen dazu die Bereiche Elektrizität, Gas- und Wasserversorgung sowie Finanzen an. Analysten fühlen sich in ihrer Annahme bestätigt: Sie mutmaßten, dass das zuletzt verhältnismäßig enttäuschende Wirtschaftswachstum auf eine ineffiziente Wirtschaftspolitik zurückzuführen ist. In den letzten beiden Jahren wuchs die indische Wirtschaft um weniger als fünf Prozent. Der neue Premierminister Narenda Modi reformiert das Land. So erneuert er beispielsweise die indischen Arbeitsgesetze, die zum Teil noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammten, die 1974 endete. Quelle: ap
Problematisch ist für Indien die nach wie vor hohe Abhängigkeit von der Landwirtschaft. Zwar macht sie mittlerweile nur noch 14 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, von ihren Erträgen hängt aber immer noch das Wohl von 40 Prozent der Bevölkerung ab. Der Monsunregen, der für die Landwirtschaft existenziell ist, fiel in diesem Jahr nur schwach aus. Ein weiteres Problem ist die Teuerung, die Indien nicht in den Griff zu kriegen scheint. Im Juli lagen die Verbraucherpreise Indiens über acht Prozent über dem Vorjahreswert. Der Notenbankgouverneur Raghuram Rajan hat sich deshalb verpflichtet, den Anstieg der Konsumentenpreise bis 2015 auf unter acht Prozent zu drücken. Quelle: dpa
China: Vom Bauernstaat zur modernen DienstleistungsnationVon 2002 bis 2012 wuchs Chinas Wirtschaft um unfassbare 170 Prozent. Doch die Zeiten des Super-Wachstums scheinen vorerst vorbei zu sein. Im dritten Quartal 2014 ist die chinesische Wirtschaft so langsam gewachsen wie seit 2009 nicht mehr. Der IWF geht aber nach wie vor von Wachstumsraten über sieben Prozent aus. China ist aber nur scheinbar geschwächt. Die Staatsführung will die Wirtschaft neu ausrichten und ist bereit, dafür geringeres Wachstum hinzunehmen. Der Kurs scheint erfolgreich. Alleine in den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden in China zehn Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Ein moderner Dienstleistungsstaat will China werden. Dienstleistungen trugen im ersten Halbjahr 2014 mit 46 Prozent mehr zum BIP bei als die Industrie. Die Hightech-Industrie legte um 12,4 Prozent zu. Zu den neuen Motoren der chinesischen Wirtschaft zählt auch das Online-Geschäft, das um fast 50 Prozent zulegte. Quelle: dpa

In diesem Zusammenhang wird den sogenannten BRICS-Ländern, also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika die Chance eingeräumt, ein Gegengewicht zu den OECD-Ländern, darunter vor allem die Vereinigten Staaten (USA) und die Europäische Union (EU) zu bilden. Die BRICS selbst haben wiederholt diesen Anspruch formuliert, zuletzt mit der formalen (noch nicht materiellen) Gründung einer eigenen Entwicklungsbank, die Projekte in den BRICS selbst und in Entwicklungsländern fördern soll. Eine Abkehr vom westlichen Modell wird dabei immer wieder als Leitmotiv angedeutet.

Interessanterweise wird die Kritik am Westen vor allem an den letzten beiden Punkten (Marktwirtschaft und Wettbewerb) festgemacht, ohne dabei zu berücksichtigen, dass es eine Interdependenz der Wirtschaftsordnung mit der Gesellschaftsordnung gibt. Während die – zumeist wohlhabenden westlichen – Kritiker des liberalen Modells die Demokratie hochhalten, scheinen sie sich eine nicht klar definierte Alternative zur Marktwirtschaft zu wünschen. Demokratie kann aber ohne Marktwirtschaft nicht existieren. Kollektivierung von Privateigentum in Verbindung mit Monopolisierung erstickt die Eigeninitiative und die Innovationskraft; sie fördert Nepotismus und Korruption. Letztendlich muss sie in den Totalitarismus führen.

Politischer Sprengstoff

Sehr wohl können sich aber Autokratien öffnen und eine Weile wirtschaftlich wachsen, ohne sich politisch zu öffnen. China bildet dafür das gegenwärtig prominenteste Beispiel; ein anderes Beispiel ist Chile in den 1970ern. Die empirische Evidenz ist nicht eindeutig: In der mittleren Frist sind Demokratien den Autokratien hinsichtlich des Wirtschaftswachstums nicht eindeutig überlegen.

Spannend wird es aber zu beobachten, wie sich die Autokratien im Zuge der wirtschaftlichen Öffnung weiterentwickeln. Es ist nachvollziehbar, dass die Menschen zunächst materielle Ziele haben, zumal wenn sie – wie in die überwiegende Mehrzahl der Chinesen Ender der 1970er Jahre – in bitterster Armut leben müssen. Die politische Unterdrückung mag im Aufstiegsprozess für die Mehrheit in den Hintergrund rücken. Mit steigendem Wohlstand ändert sich dies – politische Freiheiten gewinnen an Bedeutung, zumal auch China nicht ewig in dem bisherigen Tempo weiterwachsen wird. Die Erfahrung Deutschlands und anderer nach dem Krieg schnell wachsender Länder legt nahe, dass es zu einer Verlangsamung des chinesischen Aufstiegs kommen muss, wenn der Wohlstand steigt. Das könnte politischen Sprengstoff bergen.

Noch eines ist bemerkenswert: Gerade Chinas Aufstieg entspricht nicht im Geringsten der Kritik am westlichen Kapitalismus. Hier führt ein Land den Wettbewerb und eine – wenn auch limitierte – Marktwirtschaft ein, ohne sich politisch zu öffnen und ist damit zunächst erfolgreich. Gewünscht wird aber eine umfassende Demokratie bei Abschaffung des Kapitalismus, wie gesagt ein Ding der Unmöglichkeit.

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