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Freytags-Frage

Was kommt nach Nelson Mandela?

Nelson Mandela, der große alte Mann Südafrikas, wenn nicht des ganzen afrikanischen Kontinents, ist tot. Überall in der Welt herrscht Trauer - und die Hoffnung, dass mit Mandela nicht auch sein Erbe dahingeht.

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Blumen und Kerzen wurden vor einem Bild Mandelas niedergelegt. Südafrika trauert um seinen Nationalhelden. Quelle: REUTERS

Überall wird der enormen Integrations- und Aufbauleistung des ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela gedacht. Und überall wird vermutlich im Stillen gehofft, dass mit dem Menschen Mandela nicht auch sein Erbe dahingeht. Denn die menschliche und diplomatische Größe, die Mandela ausstrahlte, ist nicht allen seinen Nachfolgern und potentiellen Nachfolgern in der afrikanischen Politik gegeben.

Nun ist es nicht so, dass der auch respektvoll Madiba (nach seinem Clan) genannte Nelson Mandela seine Interessen bzw. die seines Volkes (in diesem Fall die schwarzen Südafrikaner) nicht energisch und mit harten Bandagen vertreten hätte. Seine Verhandlungsführung am Ende der Apartheid war hart und gekonnt. Das ist sowohl rational als auch angesichts der Verhärtungen und Erniedrigungen während der Apartheid verständlich. Insgesamt waren die Verhandlungen für den African National Congress (ANC) erfolgreich.

Gleichzeitig aber hat Mandela den Verstand und die Größe besessen, die Interessen der weißen und anderen Minderheiten im Land zu berücksichtigen und in Friedens- und Versöhnungskommissionen dafür zu werben, ein buntes tolerantes Südafrika, eine Regenbogennation zu schaffen. Als Präsident war er sehr integrativ und hat Südafrika wieder in die Staatengemeinschaft zurückgeführt.

Es ist nicht nur für Südafrika von immenser Bedeutung, dass dieser Weg der friedvollen Integration aller Gruppen weiter beschritten wird. Nur dann kann es gelingen, die hohe Arbeitslosigkeit zu verringern, die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen zu beseitigen und die Funktion Südafrikas als Tor zu Afrika aufrecht zu erhalten. Die Welt wird genau hinschauen, ob Südafrika als Demokratie Bestand hat.

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    "Ein Gigant für die Gerechtigkeit"
    „Wir haben unseren größten Sohn verloren. Unser Volk hat einen Vater verloren“, sagte Südafrikas Präsident Jacob Zuma in einer TV-Ansprache. „Obwohl wir wussten, dass dieser Tag kommen würde, kann nichts unser Gefühl des tiefen und bleibenden Verlusts lindern“. Quelle: Reuters
    „Er gehört nicht uns. Er gehört der Geschichte“, sagte US-Präsident Barack Obama im Weißen Haus. Er selbst seiner von Millionen, die von Nelson Mandela inspiriert worden seien. „Und wie so viele auf der ganzen Welt könnte ich mir mein eigenes Leben ohne das Beispiel Nelson Mandelas nicht vorstellen." Obama war sichtlich ergriffen. Mandelas schwere Erkrankung vereitelte im Sommer ein Treffen mit Obama, der gerade Südafrika besuchte. Quelle: AP
    UN-Generalsekretär Ban Ki Moon würdigte Mandela als „Gigant für die Gerechtigkeit“. Sein „selbstloser Kampf für menschliche Würde, Gleichberechtigung und Freiheit“ habe viele Menschen auf der ganzen Welt inspiriert, sagte Ban vor Reportern. Der UN-Sicherheitsrat unterbrach eine Sitzung, als der Tod Mandelas publik wurde. Mit einer Schweigeminute gedachten die Gremiumsmitglieder des Anti-Apartheid-Kämpfers. Quelle: AP
    Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: "Sein Name wird für immer mit dem Kampf gegen die Unterdrückung seines Volkes und der Überwindung des Apartheidregimes verbunden sein. Auch viele Jahre im Gefängnis konnten Nelson Mandela nicht brechen oder bitter machen - aus seiner Botschaft der Versöhnung ist schließlich ein neues, besseres Südafrika entstanden. Nelson Mandelas leuchtendes Beispiel und sein politisches Vermächtnis der Gewaltfreiheit und der Absage an jeglichen Rassismus werden für Menschen auf der ganzen Welt noch lange Zeit eine Inspiration bleiben." Hier sind die beiden bei einem Treffen im Jahr 2007 zu sehen. Quelle: dpa
    Bundespräsident Joachim Gauck hat Nelson Mandela gewürdigt als „großen Staatsmann, der wie nur wenige Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit in seiner eigenen Person verkörperte“. In einem Kondolenzschreiben an die Witwe des Friedensnobelpreisträgers, Graça Machel, schrieb Gauck, Mandela habe als Mensch wie Politiker vorgelebt, wie Hass, Gewalt und Rassismus überwunden werden könnten. „Nelson Mandela hat aber nicht nur gezeigt, dass man politische Freiheit auf friedliche Weise erstreiten kann, sondern auch, dass man sie verantwortlich gestalten und bewahren muss. Dies ist das Erbe Nelson Mandelas - und auch sein Auftrag an uns alle“, schrieb Gauck. Quelle: dpa
    Großbritanniens Premierminister David Cameron: "Ein großes Licht ist heute ausgegangen. Nelson Mandela war ein Held unserer Zeit." Quelle: AP
    In London wohnten Prinz William und seine Frau Kate gerade der Premiere des neuen Films „Mandela: Long Walk to Freedom“ bei (im Bild ist zu sehen, wie sie gerade für die Vorführung ankommen), als der Tod der südafrikanischen Nationalikone bekannt wurde. „Wir wurden gerade daran erinnert, was für ein außerordentlicher und inspirierender Mann Nelson Mandela war“, sagte William. Quelle: AP

    Dafür sprechen einige Gründe. Erstens gibt es inzwischen eine schlagkräftige Opposition im Lande. Die Democratic Alliance der Anti-Apartheid-Aktivistin Helen Zille regiert mit großem Erfolg die Provinz Western Cape. Diese ursprünglich weiße Partei hat inzwischen viele schwarze Wähler. Es werden ihr gute Chancen eingeräumt bei den nächsten Provinzwahlen neben dieser Provinz auch Gauteng (mit den Metropolen Johannesburg und Pretoria) zu gewinnen. Außerdem hat sich vor wenigen Monaten unter der Leitung von Mamphele Ramphele, der ehemaligen Weltbank-Direktorin und Witwe Steve Bikos eine weitere Partei mit dem Namen Agang gegründet. Auch Julius Malema, der vom ANC verstoßene ehemalige Kopf der ANC Youth League, hat im Oktober dieses Jahres eine Partei am linken Rand des politischen Spektrum gegründet. Somit scheint sich eine eher normale Parteienlandschaft mit konkurrierenden Politikmodellen herauszubilden; bisher hatte man eher den Eindruck, der ANC verstünde sich immer noch als Bewegung und nicht als Partei. Als Konsequenz schien im ANC nur ein sehr geringer Druck, wohlfahrtsteigernde Politik zu betreiben, verspürt worden zu sein.

    Madibas Geist der Toleranz und des Miteinanders

    Mandela – moralischer Kompass der Welt
    Seinen Landsleuten war der Friedensnobelpreisträger und erste schwarze Präsident Südafrikas ein moralischer Kompass. Die Welt verehrte Nelson Mandela als politische Freiheitsikone, obwohl er für viele westliche Politiker lange ein Terrorist war. Am Abend des 5. Dezember 2013 ist Nelson Mandela in Johannesburg gestorben. Er wurde 95 Jahre alt (* 18. Juli 1918). Quelle: AP
    Trotz Regen tanzten die Menschen und sangen Lieder der Anti-Apartheid-Bewegung. Wie bei der Fußball-WM brachten die Südafrikaner Vuvuzela-Trompeten mit. US-Präsident Barack Obama reiste zusammen mit Ex-Präsident George W. Bush an. Obama gehört ebenso wie Kubas Präsident Raul Castro zu den Rednern bei der voraussichtlich siebenstündigen Gedenkveranstaltung. Quelle: AP
    Mandela im Jahr 2003 unter dem Fenster seiner Gefängniszelle auf Robben Island. Fast drei Jahrzehnte verbrachte er im Gefängnis, davon 18 Jahre auf der berüchtigten Gefangeneninsel Robben Island. Das verhinderte jedoch nicht, dass er zur zentralen Figur im Kampf gegen die Apartheid wurde. Quelle: REUTERS
    Mit dem Regime der weißen Minderheit geriet der am 18. Juli 1918 geborene Mandela früh in Konflikt. Schon 1952 wurde der Anwalt wegen Verstoßes gegen das Gesetz gegen den Kommunismus angeklagt. Er gehörte zu den Ersten, die den 1961 vom Afrikanischen Nationalkongress (ANC) eingeschlagenen Weg des bewaffneten Kampfes befürworteten. Auf Reisen durch Afrika und Europa warb er für die ANC-Kämpfer, die sich als Speer der Nation betrachteten. Quelle: dpa
    Nach seiner Rückkehr wurde Mandela 1962 wegen unerlaubter Ausreise zu fünf Jahren Haft verurteilt. Während er die Strafe verbüßte, wurden ihm und anderen Anti-Apartheid-Kämpfern wegen Hochverrats der Prozess gemacht. "Ich habe mein Leben dem Kampf des Afrikanischen Volkes geweiht. Ich habe gegen die Vorherrschaft der Weißen und gegen die Vorherrschaft der Schwarzen gekämpft", schleuderte er seinen Richtern entgegen, deren Urteil 1964 lebenslänglich lautete. Auf diesem Bild vom 12. Juni 1964 sieht man rechts Winnie Mandela, die vergeblich vor dem Gerichtsgebäude in Pretoria auf ihren Mann wartet. Quelle: AP
    Die Haft dauerte bis zum 11. Februar 1990. "Als ich durch das Tor schritt, fühlte ich selbst mit 71 Jahren mein Leben neu beginnen. Meine 10.000 Tage in Gefangenschaft waren endlich vorbei", schrieb Mandela über den Tag seiner Freilassung. Bis dahin war er einer der prominentesten Gefangenen der Welt, für dessen Haftentlassung die Menschen auf die Straße gingen. Er ging sogar in die Pop-Geschichte ein: 1984 stürmten Jerry Dammers und seine Band "The Special AKA" mit dem Protestsong "Free Nelson Mandela" die Hitparaden vieler Länder. Quelle: dpa
    Nach der Freilassung im Februar 1990 setzte Mandela sein ganzes Charisma dafür ein, die Herrschaft der weißen Minderheit ohne Bürgerkrieg zu beenden. "Es ist Zeit, die Wunden zu heilen. Der Augenblick ist gekommen, die Abgründe zu überbrücken, die uns trennen", rief Mandela 1994 bei seiner Wahl zum Präsidenten Südafrikas (hier im Bild zu sehen) zur Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß auf. Seine Anhänger verehrten ihn und priesen seine Menschlichkeit, Freundlichkeit, Aufmerksamkeit und Würde. Seinen politischen Gegnern bot er kaum Angriffsfläche. Quelle: AP

    Für die Regierungspartei entsteht nun also mehr Konkurrenz, die sie dazu zwingt, sich noch mehr um die Belange der Menschen, vor allem in den Townships zu kümmern. Denn es ist dem ANC bislang nicht gelungen, die Defizite in der Bildungspolitik zu beseitigen und die Verteilungsprobleme zu lösen. Stattdessen sind die Mitglieder der Regierungspartei vielfach mit sich selbst und den Möglichkeiten, den Staat für sich selber in Besitz zu nehmen, beschäftigt, was auf zunehmenden Unwillen in der Bevölkerung trifft.

    Nicht zuletzt deshalb hat sich zweitens und parallel zu einer eher normalen politischen Landschaft eine Zivilgesellschaft in Südafrika entwickelt, die keineswegs mehr mit dem ANC identisch ist. Es wird vielfach Kritik an der Regierungsführung geäußert. Auch diese Stimmen sind wichtig, um Demokratie und Marktwirtschaft im Land zu stabilisieren.

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      Überdies wächst drittens eine neue schwarze Mittelschicht heran, die offenbar recht unvoreingenommen mit den Kolleginnen und Kollegen andere Hautfarbe zusammenarbeitet und ein Interesse an Stabilität hat. Diese Mittelschicht hat kein Interesse an irgendwelchen Experimenten und will den frisch gewonnen Wohlstand nicht wieder verlieren.

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      In einer Demokratie ist die Macht nur geliehen und wird bei der nächsten Wahl wieder neu ausgeschrieben. Selbst wenn eine Partei regelmäßig etwa zwei Drittel der Stimmen erzielt, ist dies kein Freibrief oder gar die Einladung, die anderen etwas über dreißig Prozent zu diskriminieren. Mit dem Ableben Mandelas wird ein Element der Kontrolle der neuen südafrikanischen Eliten im ANC verschwinden, selbst wenn man berücksichtigt, dass Mandela in den letzten Jahren nur selten in der Öffentlichkeit auftrat. Irgendwie hatte man bis zuletzt den Eindruck, die Eliten fühlten sich beobachtet und wollten Mandela nicht verletzen.

      Es bleibt zu hoffen, dass auch in Zukunft Politik in dem Geist der Toleranz und des Miteinanders verschiedener Kulturen und Rassen in Südafrika betrieben wird. Es wäre bitter, wenn es einen neuen - dieses Mal von schwarzer Seite beförderten - Rassismus gebe, der sich beispielsweise in Enteignungen, fehlenden Karrieremöglichkeiten oder der Verweigerung, eine Universität besuchen zu dürfen, ausdrückt. Die sich gerade bildenden demokratischen Oppositionskräfte sollten dazu beitragen, dies zu verhindern.

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