Freytags-Frage

Was kommt nach Nelson Mandela?

Auf einer zentralen Trauerfeierhuldigen ihn Tausende Menschen - mehr als 70 Staats- und Regierungschefs haben sich angekündigt. Es herrscht Trauer - und die Hoffnung, dass nicht auch sein Erbe dahingeht.

Blumen und Kerzen wurden vor einem Bild Mandelas niedergelegt. Südafrika trauert um seinen Nationalhelden. Quelle: REUTERS

Überall wird der enormen Integrations- und Aufbauleistung des ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela gedacht. Und überall wird vermutlich im Stillen gehofft, dass mit dem Menschen Mandela nicht auch sein Erbe dahingeht. Denn die menschliche und diplomatische Größe, die Mandela ausstrahlte, ist nicht allen seinen Nachfolgern und potentiellen Nachfolgern in der afrikanischen Politik gegeben.

Nun ist es nicht so, dass der auch respektvoll Madiba (nach seinem Clan) genannte Nelson Mandela seine Interessen bzw. die seines Volkes (in diesem Fall die schwarzen Südafrikaner) nicht energisch und mit harten Bandagen vertreten hätte. Seine Verhandlungsführung am Ende der Apartheid war hart und gekonnt. Das ist sowohl rational als auch angesichts der Verhärtungen und Erniedrigungen während der Apartheid verständlich. Insgesamt waren die Verhandlungen für den African National Congress (ANC) erfolgreich.

Gleichzeitig aber hat Mandela den Verstand und die Größe besessen, die Interessen der weißen und anderen Minderheiten im Land zu berücksichtigen und in Friedens- und Versöhnungskommissionen dafür zu werben, ein buntes tolerantes Südafrika, eine Regenbogennation zu schaffen. Als Präsident war er sehr integrativ und hat Südafrika wieder in die Staatengemeinschaft zurückgeführt.

Es ist nicht nur für Südafrika von immenser Bedeutung, dass dieser Weg der friedvollen Integration aller Gruppen weiter beschritten wird. Nur dann kann es gelingen, die hohe Arbeitslosigkeit zu verringern, die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen zu beseitigen und die Funktion Südafrikas als Tor zu Afrika aufrecht zu erhalten. Die Welt wird genau hinschauen, ob Südafrika als Demokratie Bestand hat.

"Ein Gigant für die Gerechtigkeit"
„Wir haben unseren größten Sohn verloren. Unser Volk hat einen Vater verloren“, sagte Südafrikas Präsident Jacob Zuma in einer TV-Ansprache. „Obwohl wir wussten, dass dieser Tag kommen würde, kann nichts unser Gefühl des tiefen und bleibenden Verlusts lindern“. Quelle: Reuters
„Er gehört nicht uns. Er gehört der Geschichte“, sagte US-Präsident Barack Obama im Weißen Haus. Er selbst seiner von Millionen, die von Nelson Mandela inspiriert worden seien. „Und wie so viele auf der ganzen Welt könnte ich mir mein eigenes Leben ohne das Beispiel Nelson Mandelas nicht vorstellen." Obama war sichtlich ergriffen. Mandelas schwere Erkrankung vereitelte im Sommer ein Treffen mit Obama, der gerade Südafrika besuchte. Quelle: AP
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon würdigte Mandela als „Gigant für die Gerechtigkeit“. Sein „selbstloser Kampf für menschliche Würde, Gleichberechtigung und Freiheit“ habe viele Menschen auf der ganzen Welt inspiriert, sagte Ban vor Reportern. Der UN-Sicherheitsrat unterbrach eine Sitzung, als der Tod Mandelas publik wurde. Mit einer Schweigeminute gedachten die Gremiumsmitglieder des Anti-Apartheid-Kämpfers. Quelle: AP
Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: "Sein Name wird für immer mit dem Kampf gegen die Unterdrückung seines Volkes und der Überwindung des Apartheidregimes verbunden sein. Auch viele Jahre im Gefängnis konnten Nelson Mandela nicht brechen oder bitter machen - aus seiner Botschaft der Versöhnung ist schließlich ein neues, besseres Südafrika entstanden. Nelson Mandelas leuchtendes Beispiel und sein politisches Vermächtnis der Gewaltfreiheit und der Absage an jeglichen Rassismus werden für Menschen auf der ganzen Welt noch lange Zeit eine Inspiration bleiben." Hier sind die beiden bei einem Treffen im Jahr 2007 zu sehen. Quelle: dpa
Bundespräsident Joachim Gauck hat Nelson Mandela gewürdigt als „großen Staatsmann, der wie nur wenige Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit in seiner eigenen Person verkörperte“. In einem Kondolenzschreiben an die Witwe des Friedensnobelpreisträgers, Graça Machel, schrieb Gauck, Mandela habe als Mensch wie Politiker vorgelebt, wie Hass, Gewalt und Rassismus überwunden werden könnten. „Nelson Mandela hat aber nicht nur gezeigt, dass man politische Freiheit auf friedliche Weise erstreiten kann, sondern auch, dass man sie verantwortlich gestalten und bewahren muss. Dies ist das Erbe Nelson Mandelas - und auch sein Auftrag an uns alle“, schrieb Gauck. Quelle: dpa
Großbritanniens Premierminister David Cameron: "Ein großes Licht ist heute ausgegangen. Nelson Mandela war ein Held unserer Zeit." Quelle: AP
In London wohnten Prinz William und seine Frau Kate gerade der Premiere des neuen Films „Mandela: Long Walk to Freedom“ bei (im Bild ist zu sehen, wie sie gerade für die Vorführung ankommen), als der Tod der südafrikanischen Nationalikone bekannt wurde. „Wir wurden gerade daran erinnert, was für ein außerordentlicher und inspirierender Mann Nelson Mandela war“, sagte William. Quelle: AP

Dafür sprechen einige Gründe. Erstens gibt es inzwischen eine schlagkräftige Opposition im Lande. Die Democratic Alliance der Anti-Apartheid-Aktivistin Helen Zille regiert mit großem Erfolg die Provinz Western Cape. Diese ursprünglich weiße Partei hat inzwischen viele schwarze Wähler. Es werden ihr gute Chancen eingeräumt bei den nächsten Provinzwahlen neben dieser Provinz auch Gauteng (mit den Metropolen Johannesburg und Pretoria) zu gewinnen. Außerdem hat sich vor wenigen Monaten unter der Leitung von Mamphele Ramphele, der ehemaligen Weltbank-Direktorin und Witwe Steve Bikos eine weitere Partei mit dem Namen Agang gegründet. Auch Julius Malema, der vom ANC verstoßene ehemalige Kopf der ANC Youth League, hat im Oktober dieses Jahres eine Partei am linken Rand des politischen Spektrum gegründet. Somit scheint sich eine eher normale Parteienlandschaft mit konkurrierenden Politikmodellen herauszubilden; bisher hatte man eher den Eindruck, der ANC verstünde sich immer noch als Bewegung und nicht als Partei. Als Konsequenz schien im ANC nur ein sehr geringer Druck, wohlfahrtsteigernde Politik zu betreiben, verspürt worden zu sein.

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