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Freytags-Frage

Wie nachhaltig ist Afrikas Aufschwung?

Etliche Länder Afrikas haben die Korruption reduziert, die Ansteckungsraten für Krankheiten verringert und die Einschreibraten in Schulen erhöht. Wandelt sich Afrika vom Hilfeempfänger zum Partner?

Afrika ist im Begriff, den Status des Bedürftigen zu verlassen und ein Partner zu werden. Quelle: Marcel Stahn

Auch wenn es politisch nicht korrekt klingt: Die deutsche Wirtschaft ist vom Außenhandel abhängig wie kaum eine andere. Deshalb ist der Abschluss der Doha-Runde von enormer Bedeutung für die deutsche Wirtschaft. Es ist sehr erfreulich, dass die indische Blockade der Runde beendet werden konnte und dass es einen Verhandlungsdurchbruch gab. Denn die Runde befasst sich mit den Entwicklungsländern, in denen eine in Europa zur Zeit nur schwer vorstellbare Dynamik entfaltet worden zu sein scheint, vor allem in den afrikanischen Ländern. Deshalb sollten die Deutschen ein Interesse am Außenhandel im Allgemeinen und an Afrika im Speziellen haben.

Diese Volkswirtschaften geben 2050 den Ton an
Skyline Berlin schön Quelle: dpa
Eine Frau verkauft Hülsenfrüchte Quelle: REUTERS
Platz 9: Russland und der IranDank erneut hoher Ölpreise und einer stark steigenden Konsumnachfrage ist das russische BIP im Jahr 2011 laut amtlicher Statistik um 4,3 Prozent gewachsen. Für die kommenden drei Jahre sagen die HSBC-Experten Wachstumsraten in ähnlicher Größenordnung voraus. Sie gehen davon aus, dass Russland bis 2050 durchschnittlich um 3,875 Prozent wächst. Damit würde das Riesenreich in der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt von Rang 17 (2010) auf Rang 15 steigen. Ebenfalls eine durchschnittliche Wachstumsrate von 3,875 Prozent bis 2050 prophezeit die britische Großbank dem Iran. Im Jahr 2011/2012 betrug das Bruttoinlandsprodukt Schätzungen zufolge circa 480 Milliarden US-Dollar. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Irans zählen die Öl- und Gasindustrie, petrochemische Industrie, Landwirtschaft, Metallindustrie und Kfz-Industrie. Die Inflationsrate wird von offizieller Seite mit 22,5 Prozent angegeben, tatsächlich liegt sie bei über 30 Prozent. Die Arbeitslosenrate beträgt offiziellen Angaben zufolge 11,8 Prozent. Quelle: dpa-tmn
Ginza-Viertel in Tokio Quelle: dpa
Mexikanische Flagge Quelle: dapd
Copacabana Quelle: AP
Baustelle in Jakarta Quelle: AP

Durchaus passend zu den Entwicklungen in der Doha-Runde geht es in der großen Koalition auch um die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit. Unter der schwarz-gelben Koalition wurde diese tatsächlich zunehmend als wirtschaftliche Zusammenarbeit und weniger als die Verwaltung des Elends und die Ausschüttung von Hilfsmilliarden betrachtet.

Dies war eindeutig ein großer Erfolg der alten Bundesregierung, denn es kann als erwiesen gelten, dass die alten Modelle der Entwicklungshilfe und der etwas herablassenden Haltung den Entwicklungsländern gegenüber ein wenig positive Wirkung haben. Diese neue Form Entwicklungszusammenarbeit hat positive Auswirkungen auf die Entwicklungsländer, aber auch auf die deutsche Wirtschaft, sofern sie die Möglichkeiten wahrnimmt, die sich ihr daraus bieten können. Man kann nur hoffen, dass die große Koalition diesen Weg beibehält.

Wirtschaftsdaten ausgewählter Länder in Afrika

Was heißt dies konkret für Afrika? Moderne Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika nimmt die Ursachen der Probleme in den betroffenen Ländern in den Blick. Dies sind zum ersten institutionelle oder Governance-Probleme im weitesten Sinne, die eine weitere Entwicklung behindern. Darunter stechen Korruption, die Abwesenheit klar definierter privater Eigentumsrechte, fehlende Rechtssicherheit, Schwächen der Verwaltung und Finanzbehörden sowie schlecht organisierte Bildungs- und Gesundheitspolitik deutlich hervor.

Zum zweiten sind die Wirtschaftsstrukturen oft einseitig auf wenige landwirtschaftliche Produkte oder Rohstoffe ausgerichtet, sodass drittens die afrikanischen Unternehmen zu selten gut in die sog. globalen Wertschöpfungsketten integriert sind. Konkret heißt dies, dass höhere Wertschöpfung auf Standorte außerhalb Afrikas konzentriert ist.

Neue Märkte

Diese Volkswirtschaften hinken hinterher
Brasilien Quelle: dpa
Slowenien Quelle: dpa
Südafrika Quelle: dpa
Griechenland Quelle: dpa
Rumänien Quelle: dpa
Jordanien Quelle: dpa
Bulgarien Quelle: dpa

Diese Probleme sind seit einigen Jahren auf der Agenda und in einzelnen Ländern bereits adressiert, wenn nicht zum Teil gelöst worden. Etliche Länder Sub-Sahara Afrikas haben die Korruption reduziert, die Ansteckungsraten für epidemische Krankheiten verringert und die Einschreibraten in Schulen deutlich erhöht. Es werden zahlreiche Universitäten gegründet. Es scheint auch so zu sein, dass der Aufschwung langsam auf breitere Beine gestellt wird; es werden also nicht mehr nur Rohstoffe verkauft (obwohl sie immer noch den Grundstock der hohen Wachstumsraten legen). Die deutsche Entwicklungspolitik hat mit einer Konzentration auf Governance-Probleme dazu beigetragen. Durch Unterstützung wirtschaftlicher Kooperationen wird der Prozess beschleunigt, weil eine Mittelschicht entsteht, die in Afrika bereits ca. 30 Prozent der Menschen umfassen soll. Dadurch wächst der Druck auf die Regierungen, die institutionellen Probleme zu lösen. Wenn nun die OECD und die Schwellenländer, z.B. die BRICS, ihre Märkte weiter für afrikanische Produkte auf allen Wertschöpfungsketten öffnen, kann dieser Prozess weitergehen.

Was macht die deutsche Wirtschaft daraus? Offenbar noch zu wenig, wie auf einer Tagung des Afrika-Vereins vor etwa 14 Tagen in Berlin deutlich wurde. Die Teilnehmer aus Politik, vor allem Diplomaten aus Afrika, Wirtschaft, Wissenschaft und Journalismus diskutierten die mittelfristigen Aussichten des Kontinents und machten dabei deutlich, dass Afrika sowohl als Investitionsstandort als auch als Markt interessant sein kann. Dies gilt natürlich von Land zu Land in unterschiedlicher Weise. Und natürlich muss der Investor oder Verkäufer die besonderen Verhältnisse in Wirtschaft und Gesellschaft dort berücksichtigen. Viele Herausforderungen in institutioneller Hinsicht und im Hinblick auf die Infrastruktur sind zu bewältigen.

Insgesamt aber herrschte vorsichtiger Optimismus hinsichtlich Wirtschaftswachstum, demographischer Entwicklung, Bildung und Gesundheit. In einem solchen Umfeld können Unternehmen aus dem Ausland sehr wohl unterstützend tätig werden, ohne als Samariter auftreten zu müssen. Der deutschen Wirtschaft winkten deshalb auch, so der Tenor, gute Gewinne und ein nachhaltiger Markt. Vor allem eines fiel auf: Alle Diskutanten sprachen über partnerschaftliche Beziehungen, niemand erwähnte auch nur im Ansatz entwicklungspolitische Maßnahmen wie die Entwicklungshilfe. Vor allem Afrikaner scheinen es selber leid zu sein, den bei der Entwicklungs-Gemeinde in den OECD-Ländern so beliebten Opferstatus weiter innezuhaben. Sie wollen Partner sein und der anderen Seite gute Geschäftsmöglichkeiten anbieten.

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Wenn Afrikaner und Deutsche miteinander Geschäfte machen, wird Entwicklung in Afrika gefördert, und es entstehen für deutsche Unternehmen neue Märkte, die angesichts der müden europäischen Ökonomien dringend notwendig sind, wenn in Deutschland Beschäftigung und Einkommen auch in Zukunft hoch sein sollen.

Afrika ist im Begriff, den Status des Bedürftigen zu verlassen und ein Partner zu werden. Das macht Mut.

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