Freytags-Frage

Wie sollen wir mit dem Terror in Urlaubshochburgen umgehen?

Leichen am Strand: In Tunesien sind 38 Menschen bei einem Terroranschlag gestorben. Das Land zu meiden, ist keine Lösung. Eine ökonomische Perspektive ist zwingend nötig.

Beamte der Eliteeinheit GSG 9 der Bundespolizei Quelle: dpa

Kurz vor den Sommerferien in den meisten Bundesländern gab es den grausamen Überfall eines jungen Mannes auf ein Ferienhotel in Tunesien, bei dem 38 Menschen ermordet wurden. Trotz des damit verbundenen Schocks ist ein solch barbarischer Akt nicht neu. Immer wieder gibt es solche Anschläge, man denke nur an den Anschlag in Luxor vor knapp 18 Jahren, als mit insgesamt 62 Opfern noch mehr Menschen umkamen.

Was sind die Beweggründe für den Terror. Es mag einzelne Täter geben, die verwirrt sind; so wahrscheinlich auch der Attentäter in Tunesien. Allerdings ist davon auszugehen, dass er ein Instrument einer Gruppe ist, die Terror als ein Instrument – also mit einer Ratio verbunden – einsetzt. Damit wird eine Betrachtung der Motive auch (aber keineswegs ausschließlich) aus ökonomischer Perspektive sinnvoll.

Die zehn reichsten Terrorgruppen der Welt
Platz 10: Boko HaramJahreseinkommen: 25 Millionen US-Dollar Ziele: „Die moderne Erziehung ist Sünde“ – dafür steht Boko Haram. Die islamistische Terrorgruppe, die sich mittlerweile „Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad“ nennt, will westliche Bildung in Nigeria verbieten und die Scharia einführen. Sie machte sich einen Namen, indem sie zahlreiche Christen und moderate Muslime in Nigeria ermordet hat. Im Frühjahr 2014 hatte Boko Haram über 200 Mädchen aus einer Schule entführt (Foto). Quelle: AP
Platz 9: Real IRAJahreseinkommen: 50 Millionen US-Dollar Ziele: Die Real IRA beansprucht der einzige rechtmäßige Nachfolger der „Irish Republican Army“ (IRA) zu sein. Wie ihre von 1919 bis in die 70er Jahre bestehende paramilitärische Organisation, strebt auch die neue IRA die komplette Unabhängigkeit ganz Irlands – also auch Nordirlands – von Großbritannien an. Die 1997 gegründete Gruppe zeigt sich verantwortlich für einen Bombenanschlag 1998 im nordirischen Omagh, der 29 Menschen tötete. Beim Beschuss einer Kaserne tötete die Real IRA 2009 zwei britische Soldaten. Quelle: AP
Platz 8: Al-ShabaabJahreseinkommen: 70 Millionen US-Dollar Ziele: Sie waren sogar Osama bin Laden zu hart: Bis zu dessen Tod bemühte sich die somalische Terrororganisation al-Shabaab ins Netzwerk von al-Qaida aufgenommen zu werden. Bin Laden wehrte sich dagegen, da al-Shabaab auch Muslime ermordet. Das Ziel der Gruppe ist es, einen islamischen Staat am Horn von Afrika zu errichten und sich an einem weltweiten Dschihad zu beteiligen. Sie bekämpft dafür die somalische Regierung und kontrolliert bereits Teile Südsomalias, wo sie streng nach der Scharia regiert. Das Foto zeigt Denis Allex, einer 2013 von den Terroristen getötete französische Geisel. Al-Shabaab hat bin Ladens Nachfolger Aiman az-Zawahiri die Treue geschworen und gilt seitdem als lokaler Ableger von al-Qaida. Quelle: dpa
Platz 7: Laschkar e-TaibaJahreseinkommen: 100 Millionen US-Dollar Ziele: Im Kaschmirkonflikt zwischen Indien und Pakistan mischt auch die Terrororganisation Laschkar e-Taiba mit. Sie wollen die Muslime im indischen Teil Kaschmirs befreien und einen islamischen Staat errichten. Auf ihr Konto gehen Anschläge in Mumbai 2006 und 2008 – unter anderem auf das Luxushotel Taj Mahal Palace (Foto). Quelle: REUTERS
Platz 6: Al-Qaida und seine AblegerJahreseinkommen: 150 Millionen US-Dollar Ziele: Das lose weltweite Netzwerk meist sunnitischer Islamisten will einen weltumspannenden Gottesstaat aller islamischen Länder herbeiführen. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist al-Qaida in aller Munde. Das Foto zeigt die New Yorker Gedenkstätte. Quelle: AP
Platz 5: TalibanJahreseinkommen: 400 Millionen Euro Ziele: Die Taliban wollen ihre Macht in Afghanistan zurückerlangen, die sie nach dem Einmarsch der US-Einheiten ins Land 2003 verloren hatten. Die Islamisten verüben seit dem von Pakistan aus gezielte Anschläge gegen afghanische und internationale Truppen sowie gegen die afghanische Bevölkerung. Letztere leidet am meisten darunter: mehr als doppelt so viele Anschläge treffen die Zivilbevölkerung. Das Bild zeigt einen Anschlag vom Oktober 2014. Quelle: dpa
Platz 4: HisbollahJahreseinkommen: 500 Millionen US-Dollar Ziele: Einerseits Partei, andererseits Miliz – die schiitische Hisbollah stellt mehrere  Parlamentsabgeordnete im Libanon und war schon an mehreren libanesischen Regierungen beteiligt. Die Miliz der Hisbollah sieht sich angesichts der schwachen libanesischen Armee als die Beschützer des Libanons – vor allem vor Israel. Die Hisbollah entstand 1982, nachdem Israel das Land angegriffen hatte. Mit den USA, Kanada und Israel stufen lediglich drei Staaten die gesamte Hisbollah als terroristisch ein; die EU sieht lediglich die Miliz als Terrororganisation. Quelle: dpa
Platz 3: FARCJahreseinkommen: 600 Millionen US-Dollar Ziele: Von der marxistischen Gruppe zum Drogenkartell – die „Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia“ (FARC), zu deutsch Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens, finanzieren ihren Kampf gegen den Staat  durch Drogenhandel, Erpressung, Entführungen und Goldabbau. Quelle: dpa
Platz 2: HamasJahreseinkommen: Eine Milliarde US-Dollar Ziele: Vom Gaza-Streifgen aus arbeitet die Hamas seit 1987 daran, Israel zu zerstören und einen islamischen Staat zu errichten. Sie finanziert sich vor allem dadurch, dass sie internationale Hilfsgelder für den Gaza-Streifen abzwackt. Quelle: REUTERS
Platz 1: Islamischer StaatJahreseinkommen: 2 Milliarden Euro Ziele: Der „Islamische Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) war einmal – die Terrorgruppe will weltweit expandieren und nennt sich nur noch „Islamischer Staat“ (IS). Diese Expansion finanziert der IS aus dem Verkauf von Öl aus den eroberten Gebieten und durch Spenden einflussreicher Personen aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Katar und Kuwait. Außerdem verkaufen IS-Mitglieder Frauen als Bräute und Kunstobjekte aus geplünderten Museen sowie archäologischen Grabungsstätten. Hinzu kommen Lösegelder, erhobene Steuern und Zölle. Quelle: AP

Gerade die Ratio hinter Terroranschlägen auf Touristenzentren scheint recht klar zu sein. Durch ein Blutbad unter ausländischen Gästen kann eine Terrorgruppe zum einen das eigene Land destabilisieren. Denn die Morde werden sicherlich zu einem Einbruch der Tourismus-Erträge in Tunesien beitragen, zumindest eine Zeitlang. Arbeitsplätze fallen weg, und die Bevölkerung leidet. So kann ein politisches Ziel unter Umständen leichter zu erreichen sein. Zum anderen trifft es mit westlichen Besuchern ja gerade diejenigen, deren Lebensweise von Islamisten regelmäßig verteufelt wird.

Was ist zu tun? Um die richtige Antwort zu finden, ist ein Blick auf die möglichen Ursachen des Terrorismus hilfreich. Es gibt tatsächlich zahlreiche Untersuchungen zu den Ursachen von Terrorismus.

Wesentliche Treiber in nahezu allen Arbeiten sind der Bevölkerungsdruck, vor allem ein hoher Anteil junger Männer in der Bevölkerung, politische Instabilität, hohe (relativ zum BIP) Staatsausgaben, geringe Einkommen, nachdem ein bestimmtes Minimum überschritten wurde (es besteht offenbar ein negativ quadratischer Zusammenhang), religiöse Zersplitterung und religiöse Konflikte. Die Frage, ob Globalisierung als Bedrohung oder als Chance begriffen wird, kann nicht eindeutig beantwortet werden: In einigen Studien ist intensiver Außenhandel ein Treiber, in anderen eine Bremse für terroristische Attacken. Der Kolumnist hält die Aussage, dass Globalisierung Terrorismus beschränkt, für glaubwürdiger. Bildung spielt keine Rolle. Studien zum Effekt einer Spezialisierung auf Tourismus liegen nicht vor. Eindeutig ist, dass hohe Militärausgaben dem Terror abträglich sind.

Die Front gegen den IS
USADie mächtigste Militärmacht der Welt organisiert die internationalen Luftangriffe. Ab August wurden zunächst IS-Stellungen im Irak bombardiert. Dabei kann sich Washington auf einen Hilferuf Bagdads berufen. Seit September kamen völkerrechtlich umstrittene Angriffe in Syrien hinzu. Sie galten neben dem IS auch der Al-Kaida-nahen Chorasan-Gruppe. Dabei werden auch Ölförderanlagen und Raffinerien gezielt zerstört. Nach US-Angaben sollten damit die Finanzquellen des IS ausgetrocknet werden. Seit dem 26. September bombardieren die USA auch IS-Stellungen bei der umkämpften Kurdenstadt Kobane in Nordsyrien (im Bild). Die USA bilden zudem syrische Rebellen für den Kampf gegen den IS und die Regierung in Damaskus aus und liefern Waffen. Quelle: AP
Arabische StaatenSaudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Katar und Jordanien unterstützen die USA bei Luftangriffen in Syrien. Die Golfmonarchien sind vom IS bedroht, dessen „Kalifat“ einen Anspruch auf Herrschaft über alle Muslime erhebt. Zugleich drängen sie die USA auch zum Sturz der syrischen Regierung, die ihrerseits gegen die Islamisten einen Kampf um Leben und Tod führt. Im Bild: Der Außenminister von Saudi Arabien, Saud al-Faisal. Quelle: dpa
TürkeiDie türkische Regierung leistet weiterhin nur humanitäre Hilfe und hat nach eigenen Angaben rund 200.000 Flüchtlinge aus der umkämpften Region Kobane aufgenommen. Im Bild ist ein türkische Helfer zu sehen, der Nahrung an die Flüchtlinge verteilt, Die Regierung in Ankara hat ein Mandat des Parlaments, militärisch in Syrien und dem Irak gegen Terrororganisationen vorzugehen. Sie fordert für ein Eingreifen aber eine umfassende internationale Strategie, die den Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad einschließt. Die Forderung nach einem Korridor für kurdische Volksschutzeinheiten durch die Türkei hat sie abgelehnt. Der Nato-Staat hat auch dem Anti-IS-Bündnis nicht die Nutzung türkischer Stützpunkte erlaubt. Quelle: REUTERS
FrankreichAls erstes EU-Land hat Frankreich im August Waffen geliefert und auch Luftangriffe auf IS-Stellungen im Irak geflogen. Dazu kommt Waffen- und Ausbildungshilfe für die irakischen Kurden. Quelle: REUTERS
GroßbritannienWashingtons engster Verbündeter fliegt ebenfalls Luftangriffe im Irak. Das Mandat des Parlaments schließt den Einsatz von Bodentruppen aus und beschränkt sich auf Einsätze im Irak. London liefert zudem Waffen an die irakischen IS-Gegner und leistet humanitäre Hilfe. Im Bild: Ein Jet der britischen Royal Air Force kehrt von einem Einsatz im Irak zurück. Quelle: AP
DänemarkAls einziges skandinavisches Land beteiligt sich Dänemark mit F16-Kampfflugzeugen am Kampf gegen den IS. Außerdem will Kopenhagen Militärausbilder entsenden. Im Bild: Premierministerin Helle Thorning-Schmidt. Quelle: AP
BelgienFür Luftangriffe gegen IS-Stellungen im Irak stellt Belgien sechs Jagdbomber vom Typ F-16 (im Bild) zur Verfügung. Zusammen mit den Kampfjets wurden rund 120 belgische Soldaten nach Jordanien verlegt. Quelle: REUTERS
NiederlandeDen Haag beteiligt sich mit sechs F-16 an dem Kampf. Zudem wurden rund 250 Soldaten nach Jordanien entsandt. Zusätzlich sollen 130 Militärausbilder irakische und kurdische Truppen ausbilden. Quelle: dpa
Australien Australiens Luftwaffe beteiligt sich im Irak am Kampf gegen den IS. Dafür werden 600 Soldaten abgestellt. Die Basis ist Dubai. Quelle: AP
KanadaKanada will sich an Luftangriffen gegen den IS im Irak beteiligen. Das Parlament erteilte der Regierung dafür ein Mandat. Quelle: AP
DeutschlandDie Regierung schließt eine direkte Kriegsbeteiligung aus und beschränkt sich auf die Unterstützung der irakischen IS-Gegner. Dazu werden Infanteriewaffen wie Gewehre, panzerbrechende Waffen und andere Ausrüstungsgüter geliefert. Zudem werden irakisch-kurdische Kämpfer im Umgang mit Waffen und mit Minenräumgerät ausgebildet. Quelle: REUTERS
Teile von Ost- und SüdeuropaLänder wie Italien, Spanien, Griechenland, Bulgarien, Tschechien, die Slowakei, Portugal, Polen, oder Norwegen liefern Waffen, bilden Kämpfer gegen den IS aus oder leisten humanitäre Hilfe. Zypern stellt eine Basis für Luftangriffe zur Verfügung. Quelle: dpa
IsraelOb sich der jüdische Staat am Kampf gegen den IS beteiligt, ist unklar. Ein hochrangiges Mitglied der Armee sagte, der jüdische Staat leite Geheimdiensterkenntnisse über den IS an die USA weiter. Quelle: AP
IranDer Iran ist zwar nicht Teil der Anti-IS-Koalition, aber eines der ersten Länder, die den Irak und die Kurden mit Waffen beliefert haben. Laut Teheran wäre ohne diese frühe Hilfe schon der ganze Irak von der IS erobert worden. Anders als die Türkei und Saudi Arabien steht der Iran aber hinter Syriens Präsidenten Baschar al-Assad. Quelle: AP

Diese Studien sind makroökonomischer Natur, d.h. sie gelten nicht für jeden Einzelfall. Auch sind sie zumeist einige Jahre alt;  der neuartige Terror des IS und der Boko Haram Organisation werden durch sie nicht gedeckt. Deshalb ist eine politische Empfehlung aufgrund der empirischen Studien nur bedingt möglich.

Dennoch legen sie nahe, dass eine Verbesserung der Lebensumstände in den Herkunftsländern der Terroristen, die oft zugleich die Zielländer sind, die Zustimmung zu den Zielen von Terrorgruppen senkt sowie die Widerstandskraft der Wirtschaft ihnen gegenüber steigert. Im Aggregat gilt somit etwas vereinfacht, dass mehr Wohlstand zu einer Abnahme des Terrors beiträgt. Das heißt nicht, dass Einzelne nicht dennoch zu Terroristen werden. Aber wenn die Zustimmung zu Terrorgruppen sinkt, nehmen auch ihre Chancen ab, in der Bevölkerung Fuß zu fassen und Unterschlupf zu finden. In den europäischen Ländern, allen voran Irland, Italien und dem Baskenland, aber auch hierzulande, scheint dieser Zusammenhang eine Bestätigung zu finden.

Vor diesem Hintergrund kann man schlussfolgern, dass der natürliche Impuls, die betroffenen Länder zu isolieren und zu meiden, das Problem nicht löst. Kommen keine Touristen mehr oder werden die Grenzen für Menschen und Waren geschlossen, fällt es Terrorgruppen leichter, ihre Ziele zu erreichen, weil der Widerstand im Inland weiter zu bröckeln droht. Anders gewendet: Die offene Gesellschaft muss ihren Feinden mit offenem Visier entgegentreten; sonst gibt sie sich dauerhaft selber auf.

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Gefragt ist also eine Mischung aus wehrhafter Reaktion der Sicherheitskräfte im betroffenen Land (Stichwort Militärausgaben), ohne deshalb die Anwendung staatlicher Repressionen spürbar zu intensivieren, erhöhten Sicherheitskontrollen an Grenzübergängen sowie weiterhin offenen Märkten sowohl im betroffenen Land als auch in Drittländern. Gerade letzteres kann auch als Signal des Zusammenhalts der friedliebenden Nationen verstanden wissen.

Sicherlich muss Tunesien nun erst einmal eine Reduktion der Touristenströme aus Europa verkraften, denn kollektive Standhaftigkeit schließt natürlich nicht aus, dass viele Reisende das Land zunächst meiden. Die Erfahrung aber lehrt, dass nur wenige Monate nach dem Attentat die Touristen wiederkommen.

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