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„Für viele Haushalte steht unterm Strich ein Verlust“ Bidens 7-Prozent-Problem

Joe Biden. Quelle: dpa

In den USA ist die Inflation auf den höchsten Stand seit 1982 gestiegen würde. Das trifft alle Amerikaner – jedoch nicht mit gleicher Wucht. Wer besonders leidet und welche Folgen diese Situation für den Präsidenten hat.

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Ganz unvorbereitet traf der Schock die US-Öffentlichkeit nicht. Dass die Inflation in den Vereinigten Staaten im Dezember im Jahresvergleich auf den höchsten Stand seit 1982 steigen würde, hatte sich abgezeichnet. Schließlich war die Teuerungsrate bereits in den vergangenen Monaten immer weiter nach oben geklettert. Angesichts zunehmend leerer Regale in amerikanischen Supermärkten und immer noch außergewöhnlich hohen Kosten für Alltagsprodukte wie Benzin hatte kaum jemand mit einer Entspannung an der Inflationsfront gerechnet.

Trotzdem bedeutet die jährliche Teuerungsrate von stolzen sieben Prozent für US-Präsident Joe Biden ein enormes Problem. Zwar ist die Arbeitslosigkeit im vergangenen Jahr stark gesunken und auch die Aktienkurse bewegen sich auf einem hohen Niveau, doch die Wahrnehmung der Amerikanerinnen und Amerikaner ist eine andere, vor allem wegen der steigenden Preise. Einer aktuellen Umfrage der Quinnipiac University zufolge glauben 54 Prozent der US-Bevölkerung, dass sich die wirtschaftliche Lage im Land verschlechtert. Auch Bidens Umgang mit dem Thema bekommt schlechte Noten. 57 Prozent lehnen seinen wirtschaftspolitischen Kurs ab. Nur 34 Prozent unterstützen den Präsidenten in dieser Frage.

Das hängt auch mit den Auswirkungen der Inflation zusammen. So frisst die Teuerungsrate auch die steigenden Löhne wieder auf, über die sich die US-Bevölkerung im Zuge des Nach-Covid-Booms freuen durfte. Durchschnittlich um 4,7 Prozent seien die Löhne 2021 gestiegen, heißt es in einem Bericht des Bureau of Labor Statistics (BLS). Doch angesichts der Geldentwertung kommt das BLS zu dem Ergebnis, dass das Realeinkommen des Durchschnittsamerikaners im vergangenen Jahr um 2,4 Prozent gesunken ist. „Wir haben im Bereich der Lohnentwicklung das beste Wachstum seit vielen, vielen Jahren gesehen“, so Analyst Greg McBride von Bankrate zu CNBC, „doch für viele Haushalte steht unterm Strich doch ein Verlust.“

Diese Effekte sind nicht gleichmäßig verteilt. Geringverdiener stehen laut einer Analyse des Harvard-Ökonomen Jason Furman heute besser da als vor zwei Jahren. Doch bereits in der Mittelschicht dreht sich der Effekt um. Für Biden ein Problem – schließlich werden im November das Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt. Die Partei des Präsidenten verfügt in beiden Kongresskammern nur über hauchdünne Mehrheiten. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie zumindest die Kontrolle über eins der beiden Häuser verlieren wird.

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    Zumal ein Ende der Preissteigerungen noch nicht abzusehen ist. Die Lieferkettenprobleme, die einen großen Teil der höheren Kosten verursacht haben, sind immer noch nicht gelöst. In zahlreichen Supermärkten stehen Käuferinnen und Käufer vor leeren Regalen, selbst für Alltagsprodukte. Zwar sind die Preise für Lebensmittel und Benzin jüngst wieder leicht gefallen, Zeichen eines „Fortschritts“ bei der Bekämpfung der Inflation, wie Präsident Biden betonte, doch für zahlreiche Produkte ist ein Ende des Anstiegs nicht abzusehen. Gebrauchtwagen etwa kosteten im Dezember im Schnitt rund 37 Prozent mehr als vor einem Jahr. Hier machen die Preise keine Anstalten, wieder zurückzugehen – ein Indikator dafür, dass das Thema Inflation noch lange nicht gelöst ist.

    Getrieben wird sie auch von der Situation am Arbeitsmarkt. Der Bedarf an Arbeitskräften ist angesichts exzellenter Wachstumszahlen weiter hoch – und das Angebot niedrig. Die Pandemie hat Millionen Menschen aus dem Arbeitsmarkt verdrängt. Und die Omikron-Variante sorgt derzeit dafür, dass nur wenige von ihnen zurückkehren.

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    Im Dezember blieb die Zahl der neu besetzten Stellen erneut deutlich unter den Erwartungen von Analysten, auch wenn die Arbeitslosenquote auf 3,9 Prozent sank. Das erhöht den Druck auf die Unternehmen, höhere Löhne anzubieten, was wiederum als Treiber der Inflation gilt. Damit befindet sich die US-Wirtschaft in einer Spirale, die Löhne und Preise immer weiter nach oben treibt.

    Wie lange dieser Umstand noch anhalten wird, lässt sich derzeit kaum absehen. Die meisten Analysten erwarten, dass sich die Situation im Laufe dieses Jahres entspannt. Darauf hofft auch das Weiße Haus. Zumindest der Anstieg der Inflation habe sich auf den niedrigsten Wert seit mehr als einem Jahr verlangsamt, betonte Cecilia Rouse, Vorsitzende des Sachverständigenrats Council of Economic Advisers nach Bekanntgabe der Zahlen. Ob das jedoch ausreichen wird, um Bidens politische Zukunft zu retten, ist eine andere Frage.

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