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G8-Gipfel Warum eine neue Weltordnung nötig ist

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Fahnen der G8-Länder auf dem Quelle: REUTERS

Tatsächlich sind die Thesen des Philosophen heute Mainstream in den politischen Denkfabriken – und die Finanzkrise ist der Katalysator eines institutionellen Fortschritts, den selbst die G8-Nationen aus zunehmend innerer Überzeugung tragen. Für Milena Elsinger, die Leiterin des Programms Globalisierung und Weltwirtschaft bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), gibt es längst „keine Rechtfertigung mehr dafür, dass die westlichen Industrienationen unter sich bleiben wollen“. Nicht einmal die wirtschaftlichen Kenndaten sprächen für die Erhaltung des Status quo. „Italien und Kanada wurden ja nur rein zufällig Mitglied“, ergänzt Heribert Dieter von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Ein paar Zahlen sprechen Bände. Während allein Indien seine Stimme für 17 Prozent der Weltbevölkerung erhebt, repräsentiert die Gruppe der Acht gerade mal 13,1 Prozent. Auch die ökonomische Bedeutung des Eliteclubs sinkt rapide. Zwar erwirtschaften die G8-Staaten immer noch 44 Prozent des Weltbruttoinlandsprodukts. Andererseits bringt auch der G5-Verbund der mächtigsten Schwellenländer (China, Indien, Brasilien Mexiko, Südafrika) schon 26 Prozent auf die Waage. Gleichzeitig sind China und Indien als rasch wachsende Wirtschaftsgiganten auch in der Rangliste der größten CO2-Emittenten an die Spitze gerückt: Beide Länder müssen in Absprache mit den Europäern und Nordamerikanern, die pro Kopf 9- bis 17-mal so viel Treibhausgase produzieren wie sie, schleunigst für die gemeinsame Formulierung von Klimazielen gewonnen werden.

Vollends absurde Züge nimmt die Unterrepräsentation der Aufsteigernationen im Internationalen Währungsfonds an: Die USA halten rund 17 Prozent der Stimmanteile inklusive Sperrminorität. Die Benelux-Länder haben größeres Gewicht als China. Italien hat mehr Stimmen als Indien, die Schweiz mehr als Brasilien. „Die internationalen Finanzinstitutionen der Nachkriegsära sind hoffnungslos überholt“, konzedierte der britische Premier Gordon Brown bereits im Oktober 2008. „Die Transformation der G8 zur G13 oder besser: unter Einschluss einer arabischen Nation zur G14, ist das Gebot der Stunde“, schlug Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vor einem Jahr vor. „Wir müssen die G8 erweitern, am besten zu einer G8+8, unter Einschluss der G5-Staaten und drei weiterer Nationen, vor allem aus der muslimischen Welt“, forderte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) Anfang Dezember 2008 im „Handelsblatt“.

Nur ein solches Gremium, so die gemeinsame Hoffnung, könne in Zukunft Ziele formulieren und Richtungen vorgeben, mit denen auch die übrigen 175 Staaten im völkerrechtlich legitimierten Rahmen der UN mehrheitlich konform gehen. In der Sprache der Diplomaten heißt das: Eine global responsibility group soll entstehen, die pre-decision-making zum Wohle der Weltbevölkerung betreibt – und die einerseits das Problem der mangelnden Legitimität der G8 überwindet, andererseits das Problem der mangelnden Effizienz der UN. „Ein Lenkungsausschuss der G14“, schwärmt Weltbank-Präsident Robert Zoellick, „bringt 70 Prozent des Weltbruttoinlandsprodukts zusammen, 60 Prozent der Weltbevölkerung und knapp zwei Drittel der Weltenergieproduktion.“

Der Reformprozess hat längst begonnen und ist unumkehrbar – nun ist das Problem, dass er ins Kraut zu schießen droht. Vor allem Angela Merkel scheint überhaupt nicht zu wissen, was sie will. Erst schloss sie eine Erweiterung der G8 kategorisch aus, dann preschte sie mit dem Vorschlag eines Weltwirtschaftsrats vor, der auf der G192-Ebene der UN anzusiedeln sei. Aktuell hisst sie die G20-Fahne.

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