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Gartensiedlungen als Rettung Wie Großbritannien gegen die Wohnungsnot kämpft

Funktional, umweltfreundlich, nicht zu teuer: Gartendörfer und Gartenstädte sollen die Wohnungsnot in Großbritannien lindern. Doch es gibt massive Probleme.

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London gehört zu den Städten mit den höchsten Mieten der Welt. Langsam wird die Stadt unbezahlbar für seine Bewohner. Quelle: REUTERS

Theresa May will mehr sein als die Premierministerin, die den Brexit umsetzt. Da sie weiß, dass der Mangel an erschwinglichem Wohnraum zu den Problemen gehört, die ihre Landsleute am meisten bedrückt, hat sie kürzlich eine neue Initiative gestartet: 14 neue Gartendörfer und drei neue Gartenstädte sollen an verschiedenen Stellen im ganzen Land entstehen (siehe Karte).

Die neuen Siedlungen sollen die Großstädte – vor allem aber die Hauptstadt London entlasten. Denn in der Acht-Millionen-Metropole und im Südosten Englands ist das Problem besonders groß.

"Ich möchte keine Regierungschefin für die kleine Gruppe der Privilegierten sein", betont May stets. Die Gartenstädte sind ein Versuch, dieses Versprechen einzulösen und ein altes Problem zu beheben: seit vielen Jahren wird in Großbritannien einfach zu wenig gebaut.



Das Konzept der Gartensiedlungen stammt eigentlich aus dem 19. Jahrhundert und war eine Erfindung des Briten Ebenezer Howard, der der Genossenschaftsbewegung angehörte und damit die Missstände in den Londoner Slums bekämpfen wollte. Er schlug vor, im Umland der Großstädte neue Siedlungen zu gründen, die nach einem festgelegten Bauplan in konzentrischen Kreise angelegt werden sollten, um so das unkontrollierte Wachstum der britischen Großstädte einzudämmen und in geordnete Bahnen zu lenken. Kern seines Konzepts war die räumliche Trennung von Gebieten, wo die Menschen wohnen und arbeiteten. Denn die Gegenden, in denen die Fabriken standen, waren oft laut, verschmutzt und voller Smog.

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    Howards Buch "Garden Cities of Tomorrow" propagierte sozialreformerisches Gedankengut und ein Mitbestimmungsrecht der künftigen Bewohner. Große Gärten und landwirtschaftliche Flächen sollten es den Bürgern ermöglichen, sich zumindest zum Teil selbst zu versorgen.
    Mays Plan knüpft an bereits Bestehendes an: In Großbritannien gibt es bereits sieben solcher Gartensiedlungen. Gemeinsam mit den drei geplanten Gartenstädten in Aylesbury, Taunton und Harlow & Gilston, in denen jeweils bis zu 10.000 Menschen wohnen sollen, und den elf neuen Dörfern mit jeweils 1500 Einwohnern, sollen nach dem Plan der Regierung nun bis 2020 alles in allem 200.000 neue Wohneinheiten entstehen.

    In diesen Städten ist das Leben am teuersten
    Kopenhagen Quelle: dpa
    New York City. Quelle: dpa
    Paris Quelle: dpa
    Genf Quelle: dpa
    Seoul Quelle: REUTERS
    Platz 5Ebenfalls eine asiatische Stadt landet auf Platz fünf: Osaka in Japan. Die drittgrößte Stadt Japans ist auch die drittteuerste Stadt Asiens. Hier kostet eine Flasche Wein im Schnitt 13,33 Dollar. Quelle: REUTERS
    Tokio Quelle: dpa

    Ausreichen wird das freilich nicht – offizielle Statistiken zeigen, dass 275.000 neue Wohnungen gebaut werden müssten, um die Wohnungsnot in Großbritannien zu beheben. Das allerdings wird, schon allein wegen der restriktiven Baugenehmigungen im Umland von Ortschaften nicht gelingen.

    Die Regierung May hat ein Problem: Sind die die geplanten Neubaugebiete in der Nähe von wohlhabenden Pendlerstädten oder idyllischen Dörfern, in denen gutsituierte Rentner wohnen, droht ihr massiver Widerstand von ihrer Stammwählerschaft. Die konservativen Tories mögen keinen sozialen Wohnungsbau in ihrer Nachbarschaft. Und hierin liegt das Problem: Einige der neuen Siedlungen sehen den Ausbau kleiner Dörfer und Weiler vor, andere sollen im Umfeld von Städten entstehen. So gibt es bereits Proteste gegen die Pläne, in der Nähe der Stadt Harlow and Gilston in der Grafschaft Essex Dörfer mit 200 Einwohnern durch zusätzliche 10.000 neue Wohneinheiten künstlich aufzublähen und zu verändern.

    Erbitterter Kampf um verwildertes Brachland

    Auch fehlt es an der ausreichenden Finanzierung. Wie die WirtschaftsWoche auf Anfrage aus dem zuständigen Ministerium für Wohnungsbau erfuhr, werden die neuen Gartensiedelungen in den nächsten zwei Steuerjahren nur sechs Millionen Pfund an öffentlichen Fördermitteln erhalten. Mit diesem Geld sollen allerdings keine Häuser gebaut, sondern lediglich Planungsarbeiten beschleunigt werden.

    Der Rest der Kosten soll von privaten Bauträgern übernommen werden, die dann auch die Kaufpreise für die neuen Wohnungen und Häuser festlegen können. Aus diesem Grund ist es derzeit auch nicht möglich zu beurteilen, ob die neuen Siedlungen tatsächlich Wohnraum für Niedrigverdiener zur Verfügung stellen werden. Zwar heißt es, ein Fünftel der neuen Häuser und Wohnungen sollten um bis zu 20 Prozent unter dem gängigen Marktpreis an Erstkäufer abgegeben werden, die jünger sind als 40 Jahre. Bisher ist aber nicht einmal bekannt, ob es sich bei den Neubauten in erster Linie um Mietobjekte oder um Immobilien handelt, die verkauft werden sollen. Angesichts des massiven Anstiegs der Hauspreise in den letzten Jahren sind vor allem die jüngeren Briten nicht mehr in der Lage, sich eine Immobilie zu kaufen. Doch der Mietmarkt ist dünn und teuer.

    Shopping-Boom und Immobilien-Schock
    Brexit-Demonstranten in Großbritannien Quelle: REUTERS
    Britische Pfundnoten Quelle: dpa
    In Großbritannien beliebt: der Brotaufstrich Marmite. Quelle: dpa
    Großbritannien-Fan Quelle: AP
    Der britische Finanzminister Philip Hammond und die Premierministerin Theresa May Quelle: REUTERS
    British-Airways-Maschine Quelle: AP
    Touristen in London Quelle: dpa

    Ein weiteres Problem für die neuen Gartenstädte und -dörfer: Die Siedlungen sollen oft im Umland von Städten gegründet werden. Dort Baugenehmigungen zu erhalten, ist nicht leicht, da sich am Rande der britischen Städte sogenannte "Grüngürtel" befinden. Wohnungsbauminister Sajid Javid hat sich verpflichtet, diese Schutzregionen, die als grüne Lunge für die Städte fungieren, nicht anzutasten.

    In einem soeben veröffentlichten Weißbuch der Regierung werden landesweit 14 solcher geschützter Zonen ausgewiesen – sie wurden erstmals im Jahr 1938 etabliert und dann 1955 ergänzt. In diesen Gebieten darf bisher nicht gebaut werden, um ihre Nutzung tobt jetzt ein erbitterter Kampf. Denn anders als der Name es suggeriert sind die sogenannten "Grüngürtel" keine idyllischen Parklandschaften sondern oft verwildertes Brachland.

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      "Wir müssen die Teile des Grüngürtels neu bewerten die eigentlich nicht grün sind", fordert Alan Williams, der Entwicklungsdirektor der privaten Baugesellschaft One Housing, die sich dem sozialen Wohnungsbau verschrieben hat. Im Gegensatz dazu kämpft eine Bürgerrechtsbewegung namens "The Campaign to Protect Rural England" (CPRE) um den Erhalt der "Grüngürtel" und warnt davor, diese Stück für Stück zu verkleinern. Kevin FitzGerald, ein ehrenamtlicher Direktor von CPRE, sagt: "Die Pläne (der Regierung) werden der Sargnagel für unser ländliches Hertfordshire sein. Wunderschöne Dörfer die eigentlich durch den Grüngürtel geschützt werden sollten, dürften einfach von den Wucherungen der Nachbarstädte verschluckt werden".

      Die Regierung ruderte angesichts solch lautstarken Widerstands bereits zurück. Es ist kein Zufall, dass in ihrem neuen Vorschlag nur noch von drei Gartenstädten die Rede ist und statt dessen 14 kleinere Einheiten, die sogenannten Gartendörfer, vorgeschlagen werden.

      Wenig Erfolg hatte bisher auch das bereits 2014 begonnene Projekt einer neuen Gartenstadt in Ebbsfleet, obwohl die neue Trabantenstadt mit dem Hochgeschwindigkeitszug nur 17 Minuten von London entfernt ist. Trotz großzügiger öffentlicher Fördermittel von mehreren Millionen Pfund und dem Versprechen in Ebbsfleet 15.000 neue Wohneinheiten zu bauen blieb die Nachfrage so schwach, das bisher lediglich 500 fertiggestellt wurden. Woran das angesichts der Knappheit an erschwinglichem Wohnraum liegt, ist nicht ganz klar.

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