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Gazastreifen Workshops zur Gewaltfreiheit – Bluff oder neue Strategie der Hamas?

Im Gazastreifen lernen junge Palästinenser, wie sie ohne den Einsatz von übermäßiger Gewalt protestieren können. Experten glauben an Kalkül der Hamas.

Junge Palästinenser bereiten sich auf neue Proteste vor. Quelle: AP

Gaza-StadtIn einem der Zeltlager der Palästinenser an der Grenze des Gazastreifens fragen Aktivisten ihren Lektor aus, was denn nun gemeint sei mit gewaltfreiem Protest. Ist es ihnen erlaubt, Steine zu werfen und Kundgebungen abzuhalten? Ja, das schon, sagt ihr Lehrer. Molotowcocktails zu werfen? Da gehen die Meinungen auseinander. Und Messer zu benutzen? Das auf keinen Fall.

Solche Workshops sind während der wöchentlichen Massenproteste an der Grenze das jüngste Zeichen dafür, dass sich die radikalislamische Hamas nach einer neuen Strategie umschaut. Ihr geht es darum, eine lähmende Grenzblockade zu beenden: Israel und Ägypten haben die Grenzen zum Gazastreifen dicht gemacht, nachdem die Hamas den schmalen Küstenstreifen am Mittelmeer 2007 unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Das Regieren fällt der Organisation zunehmend schwerer.

Die Grenzproteste haben sich Aktivisten schon vor mehreren Monaten einfallen lassen. Das als gewaltlos geplante Projekt wurde schnell von der Hamas gutgeheißen, die daraufhin die Organisation übernahm und genau darauf achtete, dass sich ihre bewaffneten Männer von den Protestaktionen fernhalten.

Die Hamas sei eine Unterstützung gewesen, sagt Workshop-Leiter Issam Hammad. Er beschreibt sich selbst als Unabhängiger, der eine Firma betreibt, die sich um medizinische Lieferungen kümmert. „Sie haben junge Leute ermutigt, daran teilzunehmen“, sagt er.

Jegliche Gewaltlosigkeit der Hamas wäre bemerkenswert. Jahrelang hat sie Israelis mit Selbstmordanschlägen, Schießereien und Raketenangriffen attackiert, während sie ihr Territorium und dessen zwei Millionen Einwohner mit harter Hand regiert hat. Die Massenproteste seien nun ihre letzte Karte, sagten hochrangige Hamas-Vertreter der Nachrichtenagentur AP. Andere Möglichkeiten wie eine Abrüstung oder einen weiteren Krieg mit Israel lehnt die Hamas-Führung demnach ab.

Bassem Najim, ein weiterer ranghoher Hamas-Funktionär, glaubt daran, dass die Weltöffentlichkeit ihren Fokus dank der neuen Strategie auf die Misere im Gazastreifen gerichtet hat. „Das Momentum der Märsche ist stark und wird sich fortsetzen“, sagt er. „Die Leute können die Belagerung nicht länger aushalten und werden nicht aufhören, bis die Belagerung gestoppt worden ist.“

Dutzende Tote seit Beginn der Proteste

An den vergangenen Freitagen haben sich jeweils Tausende Palästinenser in fünf Zeltlagern in der Nähe der Grenze versammelt. Kleinere Gruppen haben nahe dem Grenzzaun Steine in Richtung israelischer Soldaten geworfen und Reifen verbrannt. Die Soldaten eröffneten deshalb immer wieder das Feuer. Seit dem Beginn der Proteste Ende März wurden 35 Palästinenser getötet und mehr als 1500 verletzt.

Menschenrechtsorganisationen haben das Vorgehen des israelischen Militärs kritisiert. Israel dagegen erklärt, es verteidige nur seine Grenze, indem es die Anstifter der Gewalt ins Visier nehme. Es wirft der Hamas vor, die Proteste als Deckmantel zu nutzen, um den Grenzzaun zu beschädigen und sich darauf vorzubereiten, Israel zu infiltrieren und letztlich Anschläge zu verüben. Unter Israelis geht die Sorge um, dass Palästinenser in Massen und unter ihnen Extremisten durch den Grenzzaun brechen könnten.

Während die internationale Gemeinschaft Israel um Zurückhaltung gebeten hat, hat die Hamas den Druck auf den Feind hochgehalten. Die Gewaltlosigkeit scheint dabei ein wachsendes Thema zu werden: Als Anführer Ismail Hanije kürzlich eine Rede hielt, waren im Hintergrund Bilder von Ikonen wie Nelson Mandela und Martin Luther King jr. zu sehen. Ein Zufall?

Die Hamas-Vertreter versicherten der AP, dass ihre Bewegung aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt habe. Dazu zählten sie etwa, dass sie das mächtige israelische Militär mit einfachem Raketenfeuer konfrontiert hatte. Die Hamas biete Israel nun eine offene Waffenruhe an – wenn im Gegenzug denn die Blockade aufgehoben werde.

Israel und auch der innerpalästinensische Hamas-Rivale, die im Westjordanland ansässige Fatah des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas, sind skeptisch. Der Grund: die Weigerung der Hamas zur Abrüstung. Der palästinensische Analyst Abdel Madsched Sweilem etwa sagt, die Hamas wechsle zwar ihre Taktik, nicht aber ihre Natur und Strategien.

Einige Hamas-Führer haben die Palästinenser in der Tat aufgerufen, massenhaft durch den Grenzzaun zu brechen. Andere haben sich nur vage geäußert. Hanije sagte vor Demonstranten bloß: „Wir werden nach Palästina zurückkehren.“ Ins Detail ging er dabei nicht.

Bis zum 15. Mai sollen die Protestaktionen an der Grenze fortgesetzt werden. Bis dahin steht die Hamas vor einer schwierigen Entscheidung: Verzichtet sie auf den Massendurchbruch, könnte die Dynamik der Aktionen dahin sein. Auf der anderen Seite warnte Israel davor, dass ein solcher Durchbruch zu vielen Opfern führen könne.

Die Hamas-Führung müsste sich dann erneut Vorwürfe gefallen lassen, sie nutze die Zivilisten im Gazastreifen nur aus – ganz besonders dann, wenn die Spitzenvertreter der Organisation zurückbleiben, während sich verzweifelte junge Männer in Gefahr begeben. Und eine hohe Opferzahl könnte vor allem eines riskieren: einen weiteren Krieg – ein Szenario, das die Palästinenser im Gazastreifen noch weniger gebrauchen könnten als die Grenzblockade.

Junge Palästinenser wachsen im Gazastreifen für gewöhnlich mit der feurigen Rhetorik der Hamas auf. Drei Kriege gab es mit Israel in den vergangenen Jahren. Hammad, der Lehrer der Gewaltlosigkeit, bietet den Menschen nun eine neue Vorgehensweise an.

Jussef al-Kischaui, einer der Schüler Hammads, sagt, er sei mit der Denkweise groß geworden, dass Gewalt die einzige Sprache sei, die Israel verstehe. Er habe aber erkannt, dass sie nur den Palästinensern schade. „Jetzt lernen wir mehr über Wege und friedliche Methoden, die effektiver sind“, sagt der 27-Jährige.

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