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Gesundheitssystem Ebola wird Barack Obama gefährlich

Ebola enthüllt gravierende Schwächen des amerikanischen Gesundheitssystems: Der Mangel an nationaler Koordination und Kontrolle führt zu alarmierenden Missständen. 120 Menschen stehen im Verdacht, sich in Dallas mit Ebola infiziert zu haben.

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Ebola bekommt in den USA politische Dimensionen. Quelle: AP

Geschockt reagierte Amerika auf die Tatsache, dass sich in der Klinik Texas Health Presbyterian in Dallas zwei Krankenschwestern mit Ebola infizierten. Wenn das in den „besten Krankenhäusern der Welt“ passieren kann, so fragten Kommentatoren der US-Medien in der vergangenen Woche, was bedeutet das dann für die Gefährlichkeit des Virus? Heißt das, dass ein großer Ebola-Ausbruch auch in den USA praktisch unvermeidlich ist?


Dann jedoch wagten sich Krankenschwestern an die Öffentlichkeit, die die Versorgung des verstorbenen Ebola-Patienten Eric Duncan im Texas Health Presbyterian miterlebt hatten und beschrieben unfassbare Missstände:

  • Die Krankenschwestern im Texas Health Presbyterian wurden für die besonderen Gefahren praktisch nicht ausgebildet. Es gab eine kurze, freiwillige Fortbildung, aber viele Schwestern gingen nicht hin.
  • Die Schutzkleidung der Krankenschwestern deckte nicht den ganzen Körper ab, so dass hochinfektiöse Körperflüssigkeiten auf die Haut gelangen konnten.
  • Aufseher verzichteten bei ihren Kontrollbesuchen in Duncans Zimmer auf jegliche Schutzkleidung.
  • Probenbehälter mit infektiösen Körperflüssigkeiten wurden mit einem pneumatischen Transportsystem durch die halbe Klinik befördert und könnten dabei überall tödliche Keime hinterlassen haben.
  • Weil es kein Konzept für die Entsorgung der ansteckenden Abfälle gab, wurden Behälter mit Ausscheidungen im Patientenzimmer zwei Tage gestapelt – „bis an die Decke“, wie Krankenschwestern berichteten.
  • Krankenschwestern, die den Ebola-Patienten behandelten, setzten danach wohl ihre Arbeit bei anderen Patienten fort und könnten auch sie mit Ebola infiziert haben.


Die Enthüllung dieser Missstände gab der Diskussion eine neue Richtung. Von den „besten Krankenhäusern der Welt“ ist seither weniger die Rede. Stattdessen fragen US-Medien: Wie intakt ist eigentlich unser Gesundheitssystem? Wie kann es sein, dass Krankenschwestern in Afrika tausende Patienten behandeln, ohne sich selbst zu infizieren, in den USA dagegen ein Patient gleich zwei Krankenschwestern ansteckt?
Amerikas Gesundheitssystem ist nicht das beste der Welt.

Es ist auch nicht auf Dritte-Welt-Niveau. Es ist beides. Ebola führt fast lehrbuchmäßig einen der wichtigsten Wesenszüge des Landes vor: Seine enorme Ungleichheit. Haarsträubende Armut und die astronomischsten Gehälter der Welt. Die besten Elite-Unis und Hochschulabsolventen, denen deutsche Lehrlinge überlegen sind. Kliniken, die sich ein Ebola-Patient nur wünschen kann, und Krankenhäuser, die eher ein Todesurteil sind. Diese Ungleichheiten bei den Lebensverhältnissen sind in keiner anderen westlichen Demokratie so ausgeprägt wie in den USA. Ähnliches findet sich sonst fast nur in Entwicklungsländern oder Diktaturen.


Ein Grund dafür ist die tiefe Abneigung der Amerikaner gegen staatliche Einmischung und Kontrolle. Es war das Aufbegehren gegen die ferne Kolonialmacht Großbritannien im Jahr 1773, die zur Geburt der unabhängigen Vereinigten Staaten von Amerika führte. Dass die britische nicht durch eine Washingtoner Gängelei ersetzt wird, darauf achten die Amerikaner seither penibel – die republikanischen und ihre radikalen Tea-Party-Kollegen freilich noch etwas genauer als die demokratischen.

Krisenteam soll es richten


Während deutsche Struktur- und Regionalpolitik nationale Standards flächendeckend durchsetzt, um gravierende Unterschiede etwa in der medizinischen Versorgung oder der Bildung zu vermeiden, lässt Amerika seine lokalen Akteure oft so werkeln, wie sie das für richtig halten. Diese Laisser-faire-Attitude mag im Vergleich zu den streng regulierten Verhältnissen in Europa mitunter Vorteile bieten, manchmal allerdings – wie im Fall einer drohenden Epidemie – führt sie auch zu dramatischen Fehlentwicklungen. Es fehlt der Staat als Koordinator und Kontrolleur.


Was den USA mit ihrem „fragmentierten, unkoordinierten privaten Gesundheitssystem fehlt“, schreibt die Washington Post, „ist ein nationales integriertes System, das angemessen auf nationale Herausforderungen reagieren kann.“ Ein Vorbild dabei sei das Nachbarland Kanada, das nach der SARS-Epidemie 2003 nationale Stellen ermächtigt habe, im Fall einer drohenden Seuche die nötigen Maßnahmen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene zu korrigieren.
Zudem fehlten schlicht die Mittel für einen angemessenen Umgang mit Ebola: „Ein ohnehin schon schwaches System sieht sich auch noch ständigen Budget-Kürzungen ausgesetzt. Die staatliche Unterstützung für Programme gegen solche Seuchen war 2013 eine Milliarde Dollar zehn Jahre zuvor.“ Das Heimatschutzministerium etwa verfüge wegen Geldmangels „nicht über die Materialien, um auf Epidemien angemessen reagieren zu können.“

Das ist das Ebola-Virus

US-Präsident Barack Obama hat rechtzeitig erkannt – beschleunigt sicherlich durch die anstehenden Midterm-Wahlen –, welche politischen Risiken das Thema birgt. Dass der Mangel an nationaler Koordination und Kontrolle seiner Regierung angelastet werden könnte, war ihm wohl schon in der vergangenen Woche klar, als er bei einer ungewöhnlichen Pressekonferenz im Oval Office den zupackenden Ebola-Koordinator gab. Schon da deutete er an, dass er einen nationalen Hauptverantwortlichen Krisenmanager – einen sogenannten Ebola-Zar – benennen wird, bei dem künftig alle Fäden zusammenlaufen sollen.
Das ist inzwischen geschehen. Der Zar heißt Ron Klain, ist als Ex-Stabschef der beiden Vize-Präsident Joe Biden und Al Gore ein alter Politik-Fuchs und wird noch diese Woche loslegen können. Einen medizinischen Hintergrund hat er zwar nicht. Aber es reicht wohl, das dies die Beamten haben, die ihm künftig zuarbeiten.


Zu den neuen Instrumenten des Ebola-Zars gehört auch ein Krisenteam des US-Militärs, das bei einem neuen Ebola-Fall eingeflogen werden kann und die Mediziner vor Ort unterstützt, damit Zustände wie im Texas Health Presbyterian künftig möglichst vermieden werden.
Obama hat schnell reagiert. Ob der Zar und seine Truppen mehr bewerkstelligen als nur Flickschusterei, ob es weitere Ebola-Fälle geben wird und ob der Umgang mit der Krankheit dann zum dominierenden Thema der Midterm-Wahlen am 4. November wird, all das muss sich zeigen.

Ausland



Fürs erste scheinen die Amerikaner mit dem Krisenmanagement des Präsidenten zufrieden. Die Tatsache, dass über das Wochenende keine neuen Ebola-Fälle bekannt wurden und dass 43 Menschen, die mit Eric Duncan Kontakt hatten, definitiv nicht an Ebola erkrankt sind, taten ihr übriges. Die Ebola-Hysterie weicht zusehends der Kritik an selbiger. Der TV-Nachrichtensender CNN verspottete die „krankhafte Hysterie“ gar als „Fear-Bola“.
Aber noch ist die Kuh nicht vom Eis. 120 Personen stehen in Dallas weiterhin unter behördlicher Überwachung, weil sie sich womöglich mit dem Virus infiziert haben. Und von den gerade einmal neun Betten, die in den USA für Ebola-Patienten in wirklich kompetenten Infektionskliniken zur Verfügung stehen, sind fünf bereits belegt.

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