Ghana Zwischen Kippe und Hölle

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Höllenjob mit Gewerkschaftsanschluss

Man kann auch nicht sagen, es gebe im Lärm, Schmutz und Gewimmel von Agbogbloshie keine Ordnung und innere Struktur. Auch hier versuchen die Menschen, sich zu organisieren. Sie haben mit der „Scrap Dealers Association“ sogar eine Interessenvertretung, eine Art Genossenschaft. Nach deutschem Vereinsrecht wäre die von lokalen „Chiefs“ geführte Organisation womöglich nicht zulassungsfähig, doch hier sorgt sie für Regeln im Chaos – und auch für eine gewisse Risikovorsorge. Wer in die Kasse einzahlt, erhält im Fall von Unfällen eine finanzielle Hilfe.

Neue Händler und Verwerter müssen sich bei der „Association“ registrieren lassen. Wer als Außenstehender unangemeldet erscheint (oder sich bei den falschen Leuten angemeldet hat), bekommt ein Problem in Gestalt von Abdullah Rahman, einem Zwei-Meter-Hünen in leuchtend gelben Umhang. Er ist der König der Schrottverwerter und stellt Besuchern flugs einen persönlichen Aufpasser zur Seite. Die Polizei traut sich hier meist nur in Zivil rein. Als 2015 nach schweren Überschwemmungen ein Teil des Gelände vorübergehend geräumt werden musste, rückte vorsorglich das ghanaische Militär an.

Kreative Ideen fürs alte Smartphone oder Tablet
Alte Handys und Smartphones lassen sich gut als Notfallgeräte im Auto einsetzen. Egal ob zu Dokumentationszwecken, beispielsweise um Fotos von Blechschäden zu machen, oder als immer griffbereites Notruftelefon. Wichtig ist, dass man regelmäßig den Akku überprüft, damit das Gerät im Ernstfall einsatzbereit ist. Quelle: dpa
Wer Kinder hat, der kann ihnen seine ausrangierten Geräte zur Verfügung stellen. Zum Spielen reichen die alten Handys meistens noch aus, ebenso wie für kurze Telefonate. Quelle: dpa
Ein Tipp für alle, die viel mit Zahlen hantieren: Die meisten Handys verfügen über einen integrierten Taschenrechner. Quelle: dpa
Für Seltenreisende: Ausgediente Smartphones lassen sich oft noch sehr gut als stationäre Navigationsgeräte nutzen. Bei den meisten Geräten ist grundlegendes Kartenmaterial verfügbar, sowohl kostenpflichtig als auch gratis, manche setzen allerdings eine vorhandene Datenverbindung voraus. Quelle: REUTERS
Ausgediente Tablets müssen nicht weggeworfen werden, wenn sie technisch noch in Ordnung sind. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Nutzung als digitaler Bilderrahmen? Quelle: AP
Viel unterwegs und keine Lust, Geld in einen WiFi-Hotspot zu investieren? Viele Mobilgeräte bieten die Möglichkeit, sie als einen eben solchen zu benutzen. Es empfiehlt sich bei dieser Nutzung, einen mobilen Datentarif zu haben, der nicht zu teuer ist. Quelle: dpa
Big Brother is watching you: Spezielle Smartphone-Apps ermöglichen es, iPhone und Co. zur Videoüberwachung zu nutzen. Eine sind sogar mit Bewegungs- und Geräuschmelder ausgestattet, um den Akku zu schonen. Ein gutes und solides Beispiel für solche Apps: AirBeam für iOS. Quelle: dpa

„Interventionen müssen behutsam sein. Ohne Einbindung der Sammler und Verwerter wird der Aufbau eines ökologisch verträglichen Recyclingsystems hier nicht funktionieren“, mahnt Entwicklungshelfer Funcke-Bartz. Man könne „die Arbeit in Agbogbloshie nicht verbieten, ohne den Menschen Alternativen anzubieten“. Zum Glück wacht nun langsam auch die Regierung auf. Im Juli, fünf Monate von den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, verabschiedete das ghanaische Parlament ein Recycling-Gesetz, das unter anderem eine Importsteuer auf gebrauchte Elektronikwaren vorsieht. Zudem ist ein Fonds geplant, der den Aufbau von geordneten Recyclingstrukturen mitfinanzieren soll und in den vor allem die Importeure von Elektrogeräten einzahlen sollen.

Die Anschubfinanzierung dazu kommt womöglich aus Deutschland. Die Bundesregierung verhandelt derzeit mit Ghana über eine Kapitalspritze für den Fonds durch die staatliche Förderbank KfW in Höhe von 20 Millionen Euro. Das Thema Agbogbloshie genießt in Berlin einen gewissen Stellenwert, seitdem die Entwicklungshilfeminister Gerd Müller und Gesundheitsminister Hermann Gröhe im vergangenen Jahr die Müllkippe besuchten und erfahren mussten, dass hier auch reichlich deutscher Elektro-Schrott herumliegt.

Wo der Müll am meisten kostet
Bis zu 600 Euro Unterschied zwischen StädtenJe nach Wohnort ist die Müllabfuhr günstig oder kostspielig. Hauseigentümer und Mieter können das nicht nachvollziehen. Das Forschungsunternehmen IW Consult hat die 100 größten Städte untersucht und kommt zu dem Ergebnis: „Zwischen der günstigsten und der teuersten Stadt liegen 600 Euro im Jahr“, kritisierte Kai Warnecke, der Präsident des Eigentümerverbands Haus und Grund, der die Studie in Auftrag gegeben hatte. Müllentsorgung kann laut Untersuchung sogar bis zu zehn Prozent der Nebenkosten ausmachen. Verglichen wurden die Entsorgungskosten für Restmüll, Biomüll, Sperrmüll und Altpapier, die bei einem Einfamilienhaus mit einer vierköpfigen Familie anfallen. Die Daten stammen hauptsächlich aus den Satzungen der Städte. Bei einem Großteil der Kommunen legten die Autoren auch Schätzungen zugrunde, um einen Vergleich der unterschiedlichen Tarifgruppen zu ermöglichen. Aus den Kosten für einen jeweils siebentägigen und zweiwöchigen Teil- und Vollservice hat das Forschungsunternehmen einen Index entwickelt, der dem Ranking zugrunde liegt. Quelle: dpa
Fritz-Walter-Stadion Quelle: dpa
Pforzheim Quelle: Fotolia
Mönchengladbach Quelle: Fotolia
Müllabfuhr Quelle: dpa
Industriegebiet in Düren Quelle: Fotolia
Lünen Quelle: AP

Erste Hilfe aus Deutschland

Als erste Hilfsmaßnahme plant die GIZ nun die Einrichtung einer Gesundheitsstation auf dem Gelände, um eine Erstversorgung bei Unfällen und Krankheiten sowie zumindest ein Minimum an Arbeitsschutz zu gewährleisten. Bereits in diesem Jahr soll ferner in Zusammenarbeit mit dem Land Nordrhein-Westfalen, der RWTH Aachen und der University of Ghana ein Labor für Blutuntersuchungen aufgebaut werden. Bisher ist die Arbeitsmedizin in Ghana kaum entwickelt. Um zum Beispiel die Konzentration von Schwermetallen im Blut von Arbeitern und Anwohnern zu messen, gibt es im ganzen Land kein geeignetes Labor. Mit Unterstützung der deutschen Botschaft in Accra wurde im Januar zudem auf dem Gelände eine erste Maschine aufgestellt, die die Ummantelung von Kupferkabeln mechanisch abtrennt und das giftige Abfackeln überflüssig macht.

Schrotthändler Karim wird das nicht bewegen können, in Agbogbloshie zu bleiben. Er will zurück in seine Heimatstadt Tamale im Norden Ghanas, wo sei Vater ein paar Felder bewirtschaftet. Er hat sich fest vorgenommen: „In spätestens sechs Jahren bin ich hier weg – und werde Landwirt“.

Die am meisten verschmutzten Orte weltweit
Agbogbloshie (Ghana)Der Stadtteil der Millionenmetropole Accra ist schon mehrfach zu trauriger Berühmtheit gekommen: Hier leben 40.000 Ghanaer auf einer Fläche von etwa 1.600 Hektar Land und sind dabei den Giften der sie umgebenden Elektromülldeponie ausgesetzt. Handys und Laptops werden hier zerlegt, um noch verwertbare Rohstoffe, wie Eisen und Kuper, zu finden. Quelle: Blacksmith Institute
Tschernobyl (Ukraine)Die Katastrophe von Tschernobyl ist vielen noch im Gedächtnis als dort im April 1986 ein Nuklearunfall ereignete. Damals waren über über 150,000 Quadratkilometer und Millionen von Menschen betroffen. Bis heute besteht eine Sperrzone um den Reaktor. Die Stadt Prypat wurde zur Geisterstadt. Quelle: Blacksmith Institute
Dserschinsk (Russland) Dass die Stadt heute noch zu den am meisten verschmutzten Städten der Welt zählt, hängt vor allem mit seiner Geschichte zusammen. Während des Kalten Krieges wurden hier sowjetische Chemiewaffen wie das Nervengas Sarin und Senfgas hergestellt. Bis heute befindet sich hier eines der Zentren chemischer Industrie. Viele der Chemikalien befinden sich mittlerweile auch im Grundwasser. Quelle: Blacksmith Institute
Citarum River (Indonesien)13.000 Quadratkilometer auf denen insgesamt neun Millionen Menschen leben für die der Fluss der Lebensmittelpunkt ist. Allein 2000 Firmen bedienen sich des Wassers und leiten ihrerseits giftige Chemikalien in das Wasser. Quelle: dpa
Hazaribagh (Indien)270 registrierte Gerbereien gibt es in ganz Bangladesch, allein in der Region gibt es 90-95 Stück mit bis zu 12.000 Angestellten. Jeden Tag erzeugen diese 22.000 Kubikliter giftigen Müller, darunter krebserregendes Chrom. An diesem Giftfluss leben die Arbeiter. Quelle: Blacksmith Institute
Kabwe (Sambia)Wie so oft ist auch in der viertgrößten Stadt der Zentralprovinz der Arbeitsort, gleichzeitig auch der Ort mit den großen Risiken für Gesundheit und das Leben. In der Region wird besonders hochwertiger Blei abgebaut, der zu Boden- und Wasserverseuchung führt. Eine Viertel Million Menschen sind von der Verschmutzung betroffen. Quelle: Blacksmith Institute
Kalimantan (Indonesien)Auch hier sind rund eine Million Menschen durch die Verseuchung von Quecksilber und Cadmium betroffen. Aber Goldminen sorgen dort für das Einkommen von 43.000 Menschen. Quelle: Blacksmith Institute
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