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Görlachs Gedanken
Automatisierung im ländlichen Raum Quelle: imago images

Die Suche nach der neuen Weltformel

Der Kampf gegen Ungleichheit, der Umweltschutz und die Automatisierung der Wirtschaft bestimmen das Weltgeschehen. Ihre Vereinigung wird unsere Zukunft entscheiden.

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Das Weltgeschehen wird bestimmt von einem neuen Megatrend. Dieser bildet sich gerade und wird sich in den kommenden Monaten ausformen. Er entsteht aus der Verdichtung von drei Trends des letzten Jahres und wird zuerst den Präsidentschaftswahlkampf in den USA bestimmen, darüber hinaus aber bald auch über den Atlantik nach Europa und den Pazifik nach Asien schwappen.

Der erste dieser drei Trends ist der große Kampf gegen die Ungleichheit, der an vielen Orten der Welt, nahezu zeitgleich, im vergangenen Jahr begonnen hat. Die Proteste in Ecuador, dem Iran, dem Libanon, Frankreich oder Hongkong brechen dort hervor, wo Menschen sich vom System ausgebeutet fühlen, sei es durch steigende Benzinpreise oder eine Steuer auf die Nutzung sozialer Medien. Als sich im Jahr 2010 ein tunesischer Händler auf dem Markt mit Benzin übergoss und anzündete, weil es ihm die Behörden unmöglich machten, seinen Stand zu führen, löste das den Arabischen Frühling aus. Die ökonomische Unzufriedenheit, die in diesen Monaten an vielen Orten der Welt wieder messbar ist, wird ebenfalls politische Beben nach sich ziehen. Diese Entwicklungen führen dazu, dass sich Ökonomen, Philosophen und Politiker darüber Gedanken machen müssen, wie ein besserer, fairer Kapitalismus aussehen könnte.

Dieses Nachdenken geschieht unter den Vorzeichen der beiden anderen Trends: der zunehmenden Automatisierung und allem, was unter maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz firmiert einerseits. Sowie dem Umweltschutz und dem Kampf gegen den Klimawandel andererseits.

In den westlichen Industrienationen ist schon seit zwei Jahrzehnten zu beobachten, dass die Wirtschaftsleistung aufgrund größerer Effizienz und Automatisierung steigt, wohingegen die Haushaltseinkommen stagnieren. Menschen können sich also weniger leisten, obwohl das Bruttoinlandsprodukt steigt. Dazu kommt eine Nullzinspolitik, die Ersparnisse auffrisst, sowie der Kollaps der sozialen Sicherungssysteme. Allen voran die Rente, die in Deutschland bereits mit 100 Milliarden Euro aus dem Steuerhaushalt am Leben gehalten wird.

Auch in der Vergangenheit gingen durch Automatisierung und neue Technologien Arbeitsplätze verloren und neue entstanden. Das mag auch dieses Mal wieder so kommen. Gleichzeitig hatten Gesellschaften in der Vergangenheit aber meist eine Generation Zeit, sich anzupassen. Schulen, Universitäten und Ausbildungen konnten umgestellt werden. Es bleibt die große Frage, ob wir dieses mal wieder bis zu einem Vierteljahrhundert Zeit haben, um dem Wandel konstruktiv zu begegnen.

Die Menschen, die weniger haben, fühlen sich von den anderen bereits heute an den Rand gedrängt. Es ist in der Sache richtig, bei der Mobilität neue Wege zu gehen. Wer aber nicht in der Stadt wohnt, weil der Wohnraum dort nicht mehr erschwinglich ist, oder einfach weil es ihm im Grünen besser gefällt, der braucht sein Auto, um zur Arbeit zu fahren und auch sonst sein Leben zu meistern. Nicht umsonst haben Benzinpreiserhöhungen von Frankreich bis Iran die Menschen auf die Straße gebracht. Es wäre fatal anzunehmen, dass sich das Problem verlaufen würde, nur weil die Mehrheit der Menschen in den Städten lebt.

Denn zwei der prominentesten politischen Ereignisse der letzten Jahre waren genau von dieser Frontstellung Stadt-Land geprägt. Sowohl das Brexit-Referendum als auch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten wurden in Gegenden mit niedriger Bevölkerungsdichte entschieden. Stadt gegen Land, verschiedene Lebenswelten, die zu verschiedenen Wertbildern führen. Diese Polarisierung tut den jeweiligen Gesellschaften nicht gut, wie an der aufgeheizten Stimmung in den USA und Großbritannien zu erkennen ist.

Auf dem Land mag man den Klimawandel also vielleicht leugnen, in der Stadt kommen Tausende zu den „Fridays for Future”-Demonstrationen. Es ist nicht zuletzt der Raubbau an der Natur, der deutlich macht, warum eine allein auf Wachstum als Kennziffer basierende Wirtschaft nicht unser Modell für die Zukunft sein kann. Diese Einsicht hat sich in den vergangenen Jahren Bahn gebrochen, was das aber konkret heißt — politisch und ökonomisch —, wie es praktisch umsetzbar ist und unser Leben verändern wird, darüber beginnt die Debatte erst jetzt. Nicht weniger als die Zukunft des Gesellschaftsvertrags wird diskutiert, wenn diese drei Trends — fairer Kapitalismus, neue Technologien und Klimaschutz — zusammengeführt werden, so wie es derzeit in den USA geschieht.

Epizentren dieses neuen Denkens sind das Silicon Valley und New York. Ein Indikator hierfür ist die EU-Datenschutzverordnung (GDPR), die von vielen Start-Ups in Europa zwar inständig gehasst, im Silicon Valley aber — wer hätte das gedacht — gefeiert wird. Als ein neuer Weg, mit dem man Interessen von Unternehmen, ihren Konsumenten und den Bürgern fair miteinander austarieren kann. New York ist der Brückenkopf zwischen den beiden Kontinenten, wo sich Werte-Verantwortungs-Sprech aus Europa und Technik- und Kapitalismus-Sprech aus den USA treffen. Auf einem Terrain, das für beide taugt.

Das Silicon Valley ist reifer geworden, vielleicht auch weil viele seiner Akteure mittlerweile zu so viel Reichtum gekommen sind, dass sie sich auf Sinnsuche begeben und eine bewohnbare Welt hinterlassen wollen.

Welchen Namen wird man diesem neuen Supertrend geben? Tief gestapelt werden muss bei der Suche nicht, denn es geht um nichts weniger als eine Weltformel für unser Zusammenleben. Im Mittelpunkt des Trends steht der geerdete Mensch, der sich nicht rein als ökonomischer oder als rationaler sieht, sondern ein neues Paradigma formt, das ihn einbettet in die Bezüge seiner Umwelt. Vom Nachbarn bis zum fernen Mitmenschen, den er nie kennen lernen wird, dessen Leben aber auch von seinen (Konsum-)Entscheidungen mitgeprägt werden wird. Er muss sich stellen in die Bezüge einer Natur, die er ausgelaugt hat. Sein Überleben wird davon abhängen, ob ihm dieser Wurf gelingt.

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