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Görlachs Gedanken
US-Waffenlobby setzt sich durch: Schusswaffen aus dem 3D-Drucker Quelle: imago images

Schusswaffen aus dem 3D-Drucker: US-Waffenlobby setzt sich durch

Waffen zum Selbermachen aus dem 3D-Drucker? Kein Problem für die amerikanische Waffenlobby. Sie ist auch nach den jüngsten Amokläufen immer noch stärker als die Protestbewegung gegen legale Schusswaffen.

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Wer meint, die vielen tausend Tote, die jedes Jahr in den USA aufgrund von Schusswaffen anfallen, würde ein Umdenken im Land bewirken, der täuscht. Das Aufbegehren der Jugendlichen nach einem Amoklauf in einer Highschool in Parkland, Florida, im Februar dieses Jahres, hatte nur für einen Moment die Hoffnung genährt, nun würde sich etwas ändern. Am Ende hatten die jungen Menschen nur eine begrenzte Wirkung auf ihre Mitmenschen.

Schülerinnen wie Emma Gonzalez schafften es mit ihren Wutreden zwar in die nationalen Medien. Am Ende aber ist ein solches Aufbegehren nur ein Strohfeuer gegen die mächtige Institution der Waffenlobby in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Vertreter der National Rifle Association bringen die politische Klasse des Landes bis hinauf zum Präsidenten dazu, die Bewaffnung der Lehrer oder gar der Schüler selbst zur angebrachten Maßnahme zu erklären. Für Europäer wirkt die ganze Debatte absurd.

Nachdem ich einige Jahre in den USA verbracht habe, erschließen sich manche Aspekte der erregten Diskussion besser: In dem weitläufigen Land, in dem Menschen verstreut leben, empfinden es viele Amerikaner als unentbehrlich, eine Waffe zur Selbstverteidigung im Haus zu haben. Hierüber gibt es einen weitläufigen Konsens, der weit in der Gesellschaft geteilt wird, von Republikanern und Demokraten gleichermaßen. Das erklärt auch, warum in der Debatte über die “gun laws” von keinem Akteur, der noch einmal gewählt werden möchte, ein völliges Einkassieren der Feuerwaffen gefordert wird.

Präsident Obama geriet unter massiven Beschuss, weil er die Möglichkeiten des Waffenerwerbs an einen erweiterten Background-Check knüpfen wollte. Die Waffenlobby ist also in der Lage, die öffentliche Meinung so zu drehen, dass der Verkauf von Waffen in jedem Fall, ausnahmslos, vom Zweiten Amendement der US-Verfassung gedeckt sei. In diese Gemengelage schlägt diese Nachricht wie eine Bombe ein: der 3D-Druck einer Schusswaffe, in einem entsprechenden Drucker, soll demnach ein Grundrecht aller Amerikaner sein! Eine solche Waffe hätte nicht nur keine Seriennummer, aus Kunststoff gedruckt wäre sie von keinem Metalldetektor aufzuspüren. Als die Vorlage für solche Waffen 2013 zum ersten Mal online gestellt wurden, griff das US-Außenministerium ein: Unter Hinweis auf das Gesetz zum Export von Waffen konnte das Außenministerium den Erfinder der 3D-Gun zwingen, seine Vorlagen aus dem Netz zu nehmen. Nunmehr, unter der Ägide von Donald Trump, hat die Regierung ihre Bedenken gegen solche Schusswaffen zurück gezogen. Anhänger der Waffenlobby argumentieren, dass die Qualität der ausgedruckten Waffen und der Anschaffungspreis eines solchen Druckers viele Kriminelle davon abhalten würde, ihre Waffen künftig auszudrucken. In einem Land, dessen größtes Problem die Toten durch Schusswaffen sind, wirkt eine Argumentation wie diese reichlich sarkastisch.

Mancher mag konzedieren, dass eine Schusswaffe zur Selbstverteidigung in einer entlegenen Farm auf dem Land Sinn macht. Die Attentate, von denen auch jenseits des Atlantik zu lesen ist, werden aber häufig mit automatischen Schnellfeuerwaffen begangen, die ebenfalls leicht erhältlich sind. Die Argumentation der Befürworter solcher Todeswerkzeuge in der Hand von Jedermann ist, dass sich die Bürger im Notfall auch gegen ihre eigenen Regierung zur Wehr setzen können müssten. Das bedeutet für sie in Konsequenz, dass dieselben Waffen, wie sie die Armee nutzt, auch in jedem Haushalt zur Hand sein sollten. In einer positiven Interpretation mag dies den unbändigen Drang der US-Amerikaner illustrieren, sich gegen den König und die Tyrannei zu wehren. Gleichzeitig stammt diese Überzeugung aus einer Zeit, in der das Laden einer Flinte schon einmal etwas Zeit in Anspruch nehmen konnte. An Schnellfeuerwaffen, mit denen zig Menschen auf einen Streich getötet werden konnten, konnten die Siedler und Gründerväter des Landes nicht im entferntesten denken.

Aber der Narrativ hält sich fest und auf ihm gründet alle Rhetorik, mit der die Waffenlobby ein Umdenken in der Gesellschaft untergräbt. Und wie bei vielen Themen ist es den Hardlinern gelungen, eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über das Thema zu verhindern. Wenn man im liberalen New York oder Boston lebt, begegnet man kaum jemandem, der die Linie der Trump-Regierung in Sachen Waffen (eigentlich in allen Angelegenheiten) unterstützt. Die Freunde der Gun-Laws wohnen eher in der großen Mitte des Landes. Dass hier von ihnen mit zweierlei Maß gemessen wird, liegt auf der Hand: Das Zweite Amendement wird verteidigt bis aufs Blut, weil Donald Trump es verteidigt. Das Erste Amendement, die Freiheit der Rede, wird hingegen massiv von den Trump-Anhängern in Abrede gestellt. Dieses Ziel der US-Verfassung garantiert Rede- und Pressefreiheit. In dieser angespannten Situation ist keine sachliche Debatte möglich über sinnvolle Gun-Laws in der Zukunft.

Die Welt wird niemals ein waffenfreies Amerika sehen, von dieser Vorstellung muss man sich verabschieden. In einer Zeit, in der Identitätspolitik, Angehörige verschiedener Rassen und Religionen gegeneinander aufrührt (nicht nur in den USA), ist die Vorstellung, dass die Verkäufer todbringender Waffen das letzte Wort haben könnten, allerdings mehr als verstörend. Dass die US-Regierung nunmehr Waffen aus dem 3D-Drucker ihren Segen gibt, wird die ohnehin schon polarisierte US-Gesellschaft weiter spalten.

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