Griechenland Das zermürbte Volk

Unermüdlich versucht Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras, den Aufschwung herbeizureden. Tatsächlich wächst die Wirtschaft des Krisenlandes wieder – wenn auch zaghaft. Doch viele Griechen spüren davon nichts.

Die Griechen stellen sich gegen ihren Regierungschef. Quelle: dpa

Wenn er durch Athen geht, sieht Alexis Tsipras „fröhliche Gesichter“. So erzählte er es jedenfalls dieser Tage in einem Interview beim Sender Alpha-TV. Der griechische Regierungschef erntete dafür in den sozialen Netzwerken viel Spott und bissige Kommentare. Wann Tsipras denn überhaupt einmal auf der Straße gesehen worden sei, fragten viele. Andere meinten, vielleicht treffe der Premier einfach nur die falschen Menschen.

Sotiris Georgiou ist er jedenfalls nicht begegnet. Der 32-Jährige macht zwar ein freundliches Gesicht, aber nur, weil das zu seiner Arbeit als Kellner gehört. „Fröhlich bin ich nicht“, sagt Sotiris. Vor sechs Jahren schloss er sein Ingenieurstudium ab, aber gearbeitet hat er bisher nicht in seinem Beruf. „Das Studium war umsonst“, sagt der junge Mann verbittert. Hunderte Bewerbungen hat er geschrieben – trotz guter Examensnoten vergeblich. In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen, zu der Sotiris gehört, beträgt die Arbeitslosenquote in Griechenland 27,6 Prozent.

Auch gut qualifizierte Akademiker haben große Schwierigkeiten, eine angemessene Stelle zu finden. Sie kellnern oder fahren Pizza aus. Der Ingenieur Sotiris schlägt sich mit wechselnden Jobs durch, zurzeit bedient er in einem Athener Café. „650 Euro bekam ich als Kellner vergangenes Jahr, jetzt sind es nur noch 580 Euro“, berichtet der Grieche.

Kein Einzelfall: Vier von zehn Beschäftigten in Griechenland verdienen weniger als 700 Euro brutto im Monat. Nach einer Studie der Zentralbank haben griechische Familien in den Krisenjahren 26 Prozent ihres Einkommens und 40 Prozent ihres Vermögens verloren. In einem Drittel der Haushalte in Griechenland gibt es mindestens einen Arbeitslosen. Seit 2008 hat das Land rund ein Viertel seiner Wirtschaftskraft eingebüßt. Gut 31.000 Firmen mit mehr als zehn Beschäftigten gab es 2008 in Griechenland.

Davon sind heute nicht einmal 22.000 übrig. Zehn Jahre Talfahrt, unterbrochen nur von einer kurzen Rückkehr zu marginalem Wachstum 2014. Mit dem Wahlsieg des Linkssozialisten Tsipras stürzte das Land 2015 aber wieder in die Rezession. Nach der tiefsten und längsten Durststrecke der Nachkriegsgeschichte erholt sich Griechenlands Wirtschaft nun allmählich.

Im ersten Quartal 2017 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,4 Prozent. Ende Juli konnte das Land erstmals seit vier Jahren wieder eine Anleihe am Kapitalmarkt platzieren, wenn auch nur eine Mini-Emission zu hohen Zinsen. Tsipras sieht darin eine Wende. Aber die meisten Menschen spüren noch keinen Aufschwung. Arbeitslosigkeit, Einkommenseinbußen, Rentenkürzungen und ständige Steuererhöhungen haben die Hellenen zermürbt.

Wie katastrophal die Stimmung ist, zeigt das jüngste Eurobarometer, eine Umfrage der EU-Kommission in allen Mitgliedsländern. Die Daten wurden zwischen dem 20. und 30. Mai erhoben. 98 Prozent der befragten Griechen halten die Wirtschaftslage ihres Landes für schlecht.

Die finanzielle Lage ihrer eigenen Familie beschreiben 69 Prozent als schlecht, gegenüber 27 Prozent im EU-Durchschnitt. Auf die Frage, was sie für die größte Herausforderung halten, nennen 51 Prozent der Griechen die Arbeitslosigkeit. Im Interview mit Alpha-TV sagte Tsipras: „Das Schwierigste haben wir überstanden.“ Aber das glauben die meisten Griechen nicht.

70 Prozent fürchten: „Das Schlimmste kommt erst noch.“ Und im Gegensatz zu Tsipras, der seit Monaten einen Wirtschaftsaufschwung verspricht, äußerten in der EU-Umfrage 62 Prozent der Bürger die Befürchtung, dass sich die Wirtschaftslage im nächsten Jahr weiter verschlechtern wird.

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