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Griechenland Das zermürbte Volk

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Hohe Jugendarbeitslosigkeit ist eine soziale Zeitbombe


Daher wundert es nicht, dass die meisten Griechen das Vertrauen in Politiker und in politische Institutionen verloren haben. 86 Prozent, also fast neun von zehn Befragten, haben kein Vertrauen mehr ins Parlament. Nur noch elf Prozent der Befragten trauen ihrer Regierung.

Ein verheerendes Urteil für Tsipras, denn 2014 äußerten immerhin noch 19 Prozent Vertrauen in die damalige konservativ-sozialdemokratische Regierungskoalition. Andere Untersuchungen bestätigen die Eurobarometer-Ergebnisse. In einer Ende Juni von der Universität Thessaloniki erhobenen Umfrage äußerten fast 95 Prozent Unzufriedenheit mit der Arbeit der Regierung. Sogar von den Wählern des Linksbündnisses Syriza waren nur elf Prozent zufrieden. Bei der Sonntagsfrage kommt die Tsipras-Partei nur noch auf 15 Prozent Stimmenanteil. Die konservative Nea Dimokratia liegt mit 33 Prozent deutlich vorne.

Einer Studie der Denkfabrik DiaNeosis zufolge leben in Griechenland 1,5 Millionen Menschen in extremer Armut. Das sind fast 14 Prozent der Gesamtbevölkerung. „Extreme Armut“ bedeutet, dass eine Einzelperson mit weniger als 176 Euro und eine vierköpfige Familie mit weniger als 879 Euro im Monat auskommen müssen. Die Krise trifft vor allem Rentner, die seit 2010 bereits 23 Kürzungen ihrer Bezüge hinnehmen mussten und sich ab 2018 auf weitere Einschnitte einstellen müssen.

Bereits jetzt bekommt jeder zweite Pensionär weniger als 500 Euro im Monat. Zu den Verlierern gehört aber auch die griechische Jugend. Im April – neuere Daten gibt es noch nicht – betrug die Arbeitslosenquote unter den 15- bis 24-Jährigen 45,5 Prozent. Von den 20- bis 34-Jährigen sind 30,5 Prozent weder beschäftigt, noch befinden sie sich in einem Studium oder einer Ausbildung. Nur in Italien ist der Prozentsatz mit 30,7 Prozent noch höher. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist eine soziale Zeitbombe: Viele junge Griechen werden kaum die Chance haben, nennenswerte Rentenansprüche zu erarbeiten. Sie sind schon heute zur Altersarmut verurteilt

Jeder zweite in der Altersgruppe der 18- bis 35-Jährigen, so die DiaNeosis-Studie, ist finanziell von den Eltern abhängig. Zu ihnen gehört auch Sotiris Georgiou. Von seinem Einkommen als Kellner kann er sich keine eigene Wohnung leisten, geschweige denn eine Familie ernähren. „Was mich am meisten bedrückt: dass ich meinen Eltern immer noch auf der Tasche liege“, sagt Sotiris betrübt. „Sie haben mein teures Studium finanziert – jetzt wäre es für mich an der Zeit, etwas zurückzugeben.“

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