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Griechenland Rückkehr zur Drachme böte mehr Chancen als Risiken

Griechenlands Bankrott rückt näher, selbst ein Austritt aus der Währungsunion erscheint möglich. Welche Folgen hätte eine Rückkehr zur Drachme für die Banken und die Wirtschaft in Griechenland und Europa? Und wäre damit auch das Ende des Euro besiegelt?

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ARCHIV: European Union's flag Quelle: dapd

Eigentlich sollte es ein geruhsames Wochenende werden. Viele Börsianer hatten sich am Tag der Deutschen Einheit, an dem trotz Feiertag gehandelt wird, frei genommen, um ein langes Wochenende zu genießen. Doch dann, mitten beim gemütlichen Sonntagsfrühstück, schlägt die Nachricht wie eine Bombe ein. Im Radio erklärt der Sprecher, Griechenland habe die Währungsunion verlassen, die Drachme werde wieder eingeführt. Regierungschef Giorgos Papandreou hat angeordnet, alle Banken für eine Woche zu schließen, den Börsenhandel auszusetzen und die Konten der Bürger auf Drachmen umzustellen.

Am Abend treten Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und EZB-Chef Jean-Claude Trichet gemeinsam vor die Fernsehkameras, um Bürger und Finanzmärkte zu beruhigen, bevor am frühen Montagmorgen die Börsen in Asien eröffnen. Der Austritt der Griechen bedeute nicht das Ende der Währungsunion, beschwichtigen sie. EZB, EU und Regierungen seien entschlossen, mit allen Mitteln Spekulationen auf den Austritt weiterer Euro-Staaten zu bekämpfen. Der Euro bleibe die gemeinsame Währung Europas.

Erneute Prüfung

Sieht so der 2. Oktober 2011 aus? Ausgeschlossen ist das nicht. Denn in dieser Woche reist eine Expertengruppe der EU-Kommission, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) nach Athen, um erneut zu prüfen, ob die Griechen die Spar- und Reformauflagen erfüllen, die ihnen die Staatengemeinschaft als Gegenleistung für die milliardenschweren Hilfskredite auferlegt hat. Fällt das Urteil negativ aus, könnten Europäische Union und Internationaler Währungsfonds die Auszahlung der nächsten Tranche von acht Milliarden Euro an Athen verweigern. Griechenland wäre pleite, der Austritt aus der Währungsunion die logische Konsequenz.

Den meisten Bankern und Börsianern graut vor diesem Szenario. Die Rückkehr zur Drachme wäre „ein Desaster für Griechenland, eine Krise für die gesamte Welt“, sagt Willem Buiter, Chefökonom der Citigroup. Die Ökonomen der Schweizer Bank UBS malen ein noch dramatischeres Schreckgespenst an die Wand. Sie erinnern daran, dass der Zusammenbruch von Währungsunionen in der Vergangenheit meist in Bürgerkrieg und Militärdiktatur endete. Der Abschied Griechenlands vom Euro – eine Frage also von Krieg und Frieden auf dem alten Kontinent?

Widerstand gegen Euro-Rettungspolitik

Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner ifo Instituts, hält von solchen apokalyptischen Zerrbildern wenig. „Wenn Griechenland fallengelassen wird, verlieren viele reiche Leute einen Teil ihres Vermögens. Das ist genau der Punkt. Es geht nur darum“, sagt Sinn. Und: „Griechenlands Rückkehr zur Drachme ist alternativlos.“

Griechenland ist bankrott, ohne Schuldenschnitt hat das Land keine Chance auf wirtschaftliche Genesung. Angefeuert durch den Rücktritt des EZB-Chefvolkswirts Jürgen Stark aus Protest gegen die Finanzierung der Staatshaushalte der Krisenländer durch die EZB wächst der Widerstand im Deutschen Bundestag und in der Bevölkerung gegen die Euro-Rettungspolitik. Umfragen zufolge lehnt die Mehrheit der Bundesbürger weitere Hilfszahlungen an Griechenland ab.

Kein Wunder, dürfte Griechenland seine Konsolidierungsziele doch auch in diesem Jahr weit verfehlen. Das Loch im Staatshaushalt wird bei zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen, 2,4 Prozentpunkte höher als geplant. Anders, als die griechische Regierung glauben machen will, beruht nur ein Drittel der Zielverfehlung auf der scharfen Rezession.

A Bank of Greece employee Quelle: REUTERS

Das Gros ist eine Folge der noch immer grassierenden Steuerhinterziehung, des Schlendrians in den Finanzämtern, der fehlenden Strukturreformen und der im Sande verlaufenden Privatisierungsbemühungen. Bis Ende dieses Jahres werden die Schulden des Staates auf den Rekordstand von 167 Prozent des Bruttoinlandsprodukts klettern, prognostizieren die Ökonomen der Citigroup.

Mindestens ebenso problematisch wie die hohen Staatsschulden ist der Mangel an preislicher Wettbewerbsfähigkeit, den sich das Land in den vergangenen Jahren durch überzogene Lohn- und Preissteigerungen eingehandelt hat. Das hat das Defizit in der Leistungsbilanz im vergangenen Jahr auf mehr als zehn Prozent des BIPs in die Höhe getrieben. Nach Ansicht von ifo-Chef Sinn ist es daher „das kleinere Übel“, wenn Griechenland die Euro-Zone verlässt, die Drachme wieder einführt und durch deren Abwertung seine preisliche Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellt.

Nothilfe als Rechtsbruch

Doch einfach ist das nicht. So gibt es rechtlich keine Handhabe, ein Land, das sich nicht an die Haushaltskriterien des Euro-Clubs hält, aus der Währungsgemeinschaft auszuschließen. Auf diese Weise wollten die Gründerväter keine Spekulationen um den Bestand der Euro-Zone aufkommen lassen. Allerdings kann sich ein Land auf den Artikel 50 des Lissabonner Vertrags berufen und aus der EU austreten. Da ein Nicht-EU-Mitglied schwerlich Mitglied der Euro-Zone sein kann, wäre mit dem Austritt aus der EU auch der Abschied vom Euro vollzogen. Anschließend könnte sich Griechenland erneut um eine EU-Mitgliedschaft bewerben – allerdings ohne Euro.

Doch wenn es der ökonomische und politische Druck erfordern, dürften sich die Regierungen kaum an die bestehenden Rechtsnormen halten. „Die Euro-Länder sind souveräne Staaten und könnten sich über die Verträge hinwegsetzen“, schreiben die Ökonomen von UBS in einer Studie. Ohnehin haben Regierungen und EZB mit ihren Rettungsaktionen allenthalben gegen rechtliche Grundlagen wie das Haftungsverbot für die Schulden anderer Länder und das Verbot der Finanzierung von Staatsschulden durch Geldschöpfung verstoßen. Der kollektive Rechtsbruch ist längst zum neuen Paradigma staatlichen Handelns in Europa geworden. Wer will da noch mit Verweis auf vertragliche Grundlagen ein Land in der Währungsunion halten, wenn dieses hinausstrebt?

Teure Importe

Noch spricht allerdings wenig dafür, dass die Griechen freiwillig gehen. Doch würden EU, EZB und IWF ihr Postulat ernst nehmen und weitere Hilfen nur dann freigeben, wenn die zugesagten Reformversprechen seitens der Griechen auch eingehalten werden, dann müssten sie ihnen jetzt den Geldhahn zudrehen oder als Gegenleistung so harte Spar- und Reformprogramme einfordern, dass die Griechen dankend ablehnen. „Spätestens wenn die EZB keine griechischen Staatsanleihen mehr als Sicherheiten für ihre Refinanzierungsgeschäfte akzeptiert und die griechischen Banken von ihren Nothilfen abklemmt, ist der Punkt gekommen, an dem die Griechen den Euro verlassen“, sagt Citigroup-Chefökonom Buiter.

Die Regierung in Athen muss dann alles tun, um einen Run auf die Banken zu verhindern. Denn sobald die Bürger vom Euro-Austritt erfahren, werden sie die Banken stürmen, um ihre Euro abzuheben, bevor diese zwangsweise in Drachmen umgetauscht werden. Die Regierung müsste daher den Umtausch hinter den Kulissen vorbereiten, die Bürger in einer Nacht-und-Nebel-Aktion überraschen und die Banken für mehrere Tage schließen sowie den Abfluss von Fluchtgeldern durch Kapitalverkehrskontrollen eindämmen.

Weil das Drucken und Prägen eigener Drachme-Münzen und -Scheine Zeit benötigt, könnte die Notenbank übergangsweise alte Euro-Scheine mit einem Drachme-Symbol stempeln und als Zahlungsmittel in Umlauf bringen.

Wie stark die neue Drachme gegenüber dem Euro abwertet, ist unklar. Citigroup-Chefökonom Buiter rechnet mit einem Wertverlust von etwa 40 Prozent, die UBS-Ökonomen gar mit minus 60 Prozent. Das hätte dramatische Folgen.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine Quelle: dpa

Positiv wäre sicherlich , dass sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft auf einen Schlag deutlich verbesserte. Nicht nur Ziegenkäse und Samos-Wein würden für ausländische Abnehmer billiger. Auch der Urlaub auf den griechischen Inseln, der sich in den vergangenen Jahren deutlich verteuert hatte, würde wieder erschwinglich. Statt an die Türkische Riviera zu fahren, würden die Urlauber wieder Flüge nach Kos, Rhodos und zur Akropolis buchen.

Auf der anderen Seite würde die Talfahrt der Drachme die Importpreise kräftig steigen lassen. Das könnte die Forderungen nach höheren Löhnen befeuern, zumal viele Griechen im Zuge der Wirtschaftskrise hohe Gehaltseinbußen haben hinnehmen müssen. Nach einem Austritt aus der Währungsunion würde der Reformdruck nachlassen, und die Arbeitnehmer sähen wohl keinen Sinn mehr darin, sich bei den Löhnen zurückzuhalten. Die Unternehmen dürften den Kostenschub in ihre Absatzpreise überwälzen. So könnte Griechenland den abwertungsbedingten Gewinn an preislicher Wettbewerbsfähigkeit durch höhere Inflation wieder verspielen.

Banken leiden

Das gilt vor allem dann, wenn die Notenbank – was zu erwarten wäre – das hohe Defizit im Staatshaushalt durch das Anwerfen der Notenpresse finanzierte. Die Inflation und das hohe Ausfallrisiko wirkten auf ausländische Kapitalgeber abschreckend. Ähnlich wie bei anderen Staatsbankrotteuren in der Vergangenheit bestünde auch für Griechenland die Gefahr, dass das Land für längere Zeit vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnitten wäre. Damit fehlten die Mittel, um das Defizit in der Leistungsbilanz zu finanzieren. Die Hellenen müssten ihren Gürtel abrupt mehrere Löcher enger schnallen. Die Ökonomen der japanischen Bank Nomura halten es sogar für möglich, dass es zu Versorgungsengpässen bei wichtigen Importgütern wie Nahrungsmitteln und Benzin käme.

Um soziale Unruhen abzuwenden, müsste Griechenland auf mehrjährige Zahlungsbilanzkredite des Internationalen Währungsfonds zurückgreifen – und bliebe so ein Dauerkunde der Washingtoner Behörde.

Die größten Probleme aber entstünden für die Banken. Denn mit der Abwertung der Drachme würden die in Euro denominierten Schulden des Staates gegenüber dem Ausland massiv aufwerten, Zins- und Tilgungszahlungen verteuerten sich. Der Staatsbankrott wäre nicht mehr zu vermeiden.

Die Gläubiger des griechischen Staates – Banken, private Haushalte und öffentliche Kreditgeber – müssten dann auf einen großen Teil ihrer Forderungen verzichten. Die Ökonomen der japanischen Bank Nomura rechnen mit einem Forderungsausfall von 80 Prozent.

Europäische Forderungen

Für die griechischen Banken wäre das der GAU. Denn sie haben Staatsanleihen des eigenen Landes von etwa 45 Milliarden Euro in ihren Büchern. Das entspricht 160 Prozent ihres Eigenkapitals. Kommt der Schuldenschnitt, wäre das griechische Bankensystem ausgelöscht.

Ohne Banken aber ist keine Volkswirtschaft der Welt überlebensfähig. Die Institute müssten daher gerettet werden. Eigentlich wäre das die Aufgabe der griechischen Regierung. Doch dafür benötigt sie Geld. Geld, das sie nicht besitzt. Experten erwarten deshalb, dass die Europäer den Griechen den Start in das neue Währungszeitalter mit einer kräftigen Kapitalspritze für ihre Banken erleichtern – als goldener Handschlag gewissermaßen.

Auch die Forderungen anderer europäischer Finanzinstitute gegenüber dem griechischen Staat stünden im Feuer. Deren Außenstände belaufen sich auf rund 37 Milliarden Euro. Vor einem Jahr noch hätte sie ein Forderungsverzicht ernsthaft in Bedrängnis gebracht. Doch mittlerweile sind die Institute besser gerüstet, die meisten haben ihre griechischen Anleihen bis zur Hälfte des Nennwerts abgeschrieben.

Abgesehen von einigen Ausnahmen, so das Urteil der Bonitätswächter von Fitch, ist das Engagement der europäischen Banken nicht groß genug, um sich Sorgen um die Zahlungsfähigkeit der Institute im Falle einer Griechenland-Pleite zu machen. Dennoch ginge ein Haircut von 80 Prozent nicht spurlos an ihnen vorüber. Vor allem die französischen Banken würde ein Schuldenschnitt hart treffen. 16 Milliarden Euro müssten sie laut Berechnungen der Nomura-Analysten abschreiben. Deutsche Banken kämen auf Wertberichtigungen von neun Milliarden Euro, das entspräche gerade mal 2,4 Prozent ihres Eigenkapitals.

ARCHIV - ILLUSRTATION - Blick Quelle: dpa

Zypriotische Geldhäuser haben zwar nur fünf Milliarden Griechen-Bonds in ihren Büchern, dennoch würde das Bankensystem der Insel daran laut Einschätzung der Commerzbank zusammenbrechen. Allerdings werde der europäische Rettungsfonds EFSF einspringen und die Institute mit frischem Kapital versorgen, glaubt Commerzbank-Ökonom Christoph Weil.

Teurer für den Steuerzahler wird es bei der EZB: Bankvolkswirte schätzen, dass die Euro-Hüter für rund 50 Milliarden Euro Hellas-Staatsanleihen gekauft haben. Auch wenn die Zentralbank diese vorsorglich mit einem Wertabschlag in ihren Büchern stehen hat, müsste sie nach Schätzung der Nomura-Analysten noch mehr als 20 Milliarden Euro abschreiben.

Hinzu kommt: Die Notenbank hat im Rahmen ihrer Refinanzierungsgeschäfte mehr als 100 Milliarden Euro in das hellenische Bankensystem gepumpt. Dafür bekam sie Sicherheiten in Höhe von 149 Milliarden Euro. Das meiste davon dürften jedoch Schrottpapiere sein. Die Analysten von Nomura schätzen, dass bei der EZB neben den griechischen Staatsanleihen auch Schuldverschreibungen von griechischen Banken in Höhe von 53 Milliarden Euro lagern. Das Übrige sind strukturierte Produkte und andere Wertpapiere, auf die laut Nomura ein Haircut von etwa 50 Prozent fällig würde. Insgesamt würde die EZB 50 Milliarden Euro Verlust mit ihren Verleihgeschäften machen. Unterm Strich ergäbe sich bei der Zentralbank ein Gesamtverlust aus dem Engagement in griechischen Papieren von mindestens 70 Milliarden Euro.

Vorsicht, Ansteckungsgefahr!

Das ist deutlich mehr als ihr Eigenkapital von 10,8 Milliarden Euro. Die EZB müsste deshalb die Mitgliedstaaten zur Kasse bitten. Für Krisenländer wie Italien oder Spanien wäre das ein zusätzliches Risiko. Allerdings wäre ihr Anteil an den Rekapitalisierungskosten der EZB mit neun und sechs Milliarden Euro verhältnismäßig moderat und dürfte ihr Schuldenproblem nicht spürbar vergrößern. Den Löwenanteil würden die Deutschen mit etwa 14 Milliarden Euro schultern.

Gelänge es, Griechenland zu isolieren, wäre der Austritt des Landes aus der Währungsunion für die Bürger des Landes zwar mit großen wirtschaftlichen Härten verbunden. Doch der Schaden für den Rest der Euro-Zone hielte sich in Grenzen. Insbesondere wären die Anreize wieder richtig gesetzt. Denn für die übrigen Krisenländer wäre die Botschaft klar: Wer die Regeln der Währungsunion verletzt und nicht rechtzeitig auf den Pfad der Konsolidierung zurückkehrt, muss den Club verlassen. Das beförderte die Sparanstrengungen der Regierungen.

Aber was passiert, wenn die Märkte durchdrehen und den Ausstieg Griechenlands zum Anlass nehmen, auch auf den Austritt Portugals, Irlands oder gar Spaniens und Italiens zu spekulieren?

Euro-Bond schwache Lösung

Der Euro-Rettungsschirm wäre kaum in der Lage, die Märkte zu beruhigen. So dürfte es noch Wochen, wenn nicht gar Monate dauern, bis die Parlamente aller EU-Länder der Ausweitung seiner Instrumente, darunter dem Ankauf von Staatsanleihen, zustimmen. Zudem reichten seine Mittel nicht aus, um Rettungsprogramme für die wirtschaftlichen Schwergewichte Spanien oder Italien aufzulegen. Dazu müssten die Garantien des Fonds von derzeit 528 Milliarden auf 1,2 Billionen Euro aufgestockt werden, schätzt die Commerzbank. Ein politisch nahezu unmögliches Unterfangen.

Dazu kommt, dass der EFSF so konstruiert ist, dass er selbst einen Dominoeffekt auslöst. Jedes Land, das finanzielle Probleme hat und Unterstützung erhält, fällt als Garantiegeber aus. Das zeichnet sich derzeit für Spanien und Italien ab. Dann konzentrierte sich die Last auf wenige Kernländer wie Deutschland, Finnland und die Niederlande. Das wäre für diese untragbar.

Auch das Lieblingskind vieler Politiker, der Euro-Bond, ist kein geeignetes Mittel gegen drohende Ansteckungseffekte. So müssten vor einer Ausgabe der Gemeinschaftsanleihen nicht nur die europäischen Verträge geändert werden. Auch das Bundesverfassungsgericht hat sich in seinem jüngsten Euro-Urteil gegen die Vergemeinschaftung von Schulden gewandt, zumal dann, wenn die damit verbundenen Belastungen einem Automatismus folgen. Darüber hinaus haben die Ratingagenturen bereits durchblicken lassen, dass sie die Bewertung von Euro-Bonds an der Bonität des schwächsten Emissionslandes ausrichten werden. Statt von den starken zu den schwachen Ländern fände der Bonitätstransfer dann in umgekehrter Richtung statt.

ARCHIV - Eine Installation mit Quelle: dpa

Commerzbank-Ökonom Weil glaubt daher, dass sich bei einer drohenden Ansteckung anderer Länder letztlich die EZB gezwungen sähe einzuspringen. Die Notenbanker würden in diesem Fall massiv in die Märkte eingreifen und die Staatsschuldtitel der Krisenländer kaufen, um deren Kurse zu stützen und die Finanzierungskosten niedrig zu halten. „Für die Deutschen mit ihrer ausgeprägten Stabilitätskultur wäre das eine bittere Pille“, sagt Ansgar Belke, Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die EZB würde dann nicht nur endgültig zum größten Staatsfinanzierer der Euro-Zone und Büttel der Finanzminister. Sie würde durch den Ankauf von Staatsanleihen auch so viel Liquidität in das Bankensystem pumpen, dass sie kaum noch in der Lage wäre, diese später wieder abzusaugen. Inflation und neue Vermögenspreisblasen wären die Folgen.

Lange könnte die EZB diesen Kurs kaum durchhalten. Zumal sich in Deutschland und anderen stabilitätsorientierten Ländern im Norden der Euro-Zone der politische Widerstand gegen eine Weichwährungs- und Schuldenunion immer stärker artikuliert. Stoppte die EZB die Anleihekäufe, müssten wohl auch Portugal und Irland, eventuell sogar Spanien und Italien die Euro-Zone verlassen. Für die betroffenen Länder wäre das sicherlich mit Härten verbunden. Doch die Währungsunion würde auf diese Weise zurückschrumpfen auf das, was sie sein sollte – ein Raum homogener und stabiler Länder.

Handel in Europa

Für den Binnenmarkt und den Handel in Europa muss das kein Nachteil sein. Zwar fielen durch die Aufspaltung der Währungsunion wieder Umtauschkosten im Handel mit den Euro-Renegaten an. Auch müssten sich die Unternehmen gegen Wechselkursschwankungen absichern. Doch das gilt auch für den Handel mit anderen Ländern, die derzeit nicht Mitglied der Euro-Zone sind.

Obwohl die Ausfuhren Deutschlands in Drittländer mit Wechselkursrisiken verbunden sind, haben sie seit der Einführung des Euro im Jahr 1999 im Schnitt um knapp sieben Prozent pro Jahr zugelegt. Die Exporte in die Euro-Zone konnten da nicht mithalten. Sie legten im gleichen Zeitraum nur um 5,2 Prozent pro Jahr zu.

Das hat dazu geführt, dass der Anteil der Euro-Zone an den deutschen Exporten von 46,4 auf 41,3 Prozent gesunken ist.

Auch wenn Bundeskanzlerin Merkels Mantra „Scheitert der Euro, scheitert auch Europa“ dramatisch klingt – die Fakten und die wirtschaftlich erfolgreichen Jahre vor der Einführung des Euro belegen das Gegenteil.

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