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Großbritannien May hustet, die Konservativen leiden

Der Husten von Theresa May wird zum Symbol ihrer politischen Verfassung. Belastet durch die Brexit-Gespräche und von den eigenen Leuten angezählt. Die Selbstheilung auf dem Parteitag der Konservativen geht schief.

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Die britische Premierministerin Theresa May musste auf dem Parteitag der Tories mit mehreren Hustenanfällen kämpfen. Quelle: Reuters

Manchester Theresa May redet gerade darüber, wie hell Großbritanniens Zukunft sei, als plötzlich ihre Stimme versagt. Sie hustet einmal, sie hustet zweimal. „Das Haushaltsdefizit schrumpft.“ Mehr Husten. „Lasst uns die Unternehmer feiern.“ Husten. Das Publikum auf dem Tory-Parteitag in Manchester leidet mit der Premierministerin, der ganze Saal erhebt sich zu einer Standing Ovation, um ihr eine Atempause zu verschaffen. Jemand ruft: „Come on, Prime Minister.“

Es ist ein fatales Bild. So menschlich ein Hustenanfall ist, so sehr May die Sympathien in diesem Moment zufliegen, keine Regierungschefin zeigt gerne körperliche Schwäche. Schon gar nicht, wenn sie politisch angezählt ist. Mays brüchige Stimme, die bis zum Ende der Rede immer wieder versagt, wird zum Symbol der verwundeten Premierministerin.

Seit Wochen wird über Mays Eignung für das Amt debattiert: Im Juni hatte sie bei der Neuwahl die absolute Mehrheit der Konservativen verspielt, in Brüssel läuft ihr die Zeit bei den Brexit-Verhandlungen davon, und im Kabinett wird ihr Brexit-Kurs offen infrage gestellt. Auf dem Parteitag wollte sie nun die Zweifler eines Besseren belehren.

In ihrer Rede, traditionell der Schlusspunkt des Parteitags, beschwört May den „britischen Traum“, den es für eine neue Generation zu sichern gelte. Ihre Zielgruppe sind die Jungwähler, die bei der Wahl scharenweise zu Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn übergelaufen sind. Sie erinnert daran, dass die freie Marktwirtschaft für 70 Jahre Wohlstand gesorgt habe. Corbyn hingegen wolle Milliardenschulden machen, um ganze Branchen zu nationalisieren, ohne einen Plan für die Rückzahlung zu haben. „Lasst uns dieses Argument für eine neue Generation gewinnen“, ruft May und erntet Applaus.

Zugleich ist die Angst vor Corbyn so groß, dass May sicherheitshalber mehrere Labour-Forderungen übernimmt. Sie verspricht neue Milliarden-Subventionen für den Wohnungsbau und den Immobilienkauf. Sie verspricht, die Energiepreise gesetzlich zu deckeln. Und sie verspricht eine Reform der Studiengebühren.

Den Brexit streift sie nur kurz, auch wenn sie ihn als ihre „wichtigste und größte Pflicht“ bezeichnet. Sie wiederholt, was sie in ihrer Rede in Florenz vor zwei Wochen gesagt hat: Großbritannien strebe langfristig eine „tiefe und besondere Partnerschaft“ mit der EU an. Ein Deal sei im beiderseitigen Interesse. Ihre Regierung sei aber auch auf ein Scheitern der Gespräche vorbereitet.


Die Partei ist gegen May

Nach dem wochenlangen Brexit-Streit im Kabinett wollte die Premierministerin auf dem Parteitag andere Akzente setzen. Trotzdem dominierte die ungeklärte Frage, wie genau Großbritanniens Verhältnis zur EU künftig aussehen soll. Die Brexit-Wortführer stellten sich zwar demonstrativ hinter May. Auch Außenminister Boris Johnson, der die Premierministerin mit eigenen Brexit-Bedingungen in den vergangenen Wochen mehrfach irritiert hatte, hielt sich zurück. Doch die Mission der May-Kritiker bleibt unverändert: den Einfluss der EU nach dem Brexit-Tag im März 2019 möglichst schnell und möglichst weit zurückzudrängen.

Johnson hatte sich am Dienstag als Cheerleader des Parteitags betätigt. Statt immer nur über die Risiken des EU-Ausstiegs zu klagen, müsse man die Chancen hervorheben, forderte der Außenminister. „Wir müssen endlich aufhören, das Ergebnis des Referendums wie eine Furunkelplage zu behandeln.“ Den Bedenkenträgern hielt er entgegen, die Briten sollten bitte mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben. „Wir sind das einflussreichste Land Europas“, tönte er.

Am Regierungskurs werden Johnsons Muskelspiele nichts ändern. May wird in den Brexit-Gesprächen auch weiter auf Schadensbegrenzung setzen. Das bedeutet: Die Übergangsperiode nach dem formellen EU-Ausstieg wird notfalls auch länger als zwei Jahre dauern, um die Auswirkungen auf die britische Wirtschaft möglichst gering zu halten.

In Manchester wurde erneut deutlich, dass die Partei vorerst keine Alternative zu May sieht. Ein Putsch gilt im Moment als verfrüht. Doch die Zweifel an der Vorsitzenden sind nicht gesunken. Im Gegenteil: Es besteht weitgehend Einigkeit, dass sie die Partei nicht in den nächsten Wahlkampf führen soll.

Auch der Streit mit Johnson holt May am Mittwoch wieder ein. Während ihrer Rede steht ein Mann auf und reicht ihr ein P45-Formular. Mit dem Papier werden Mitarbeiter in Großbritannien gekündigt. „Boris hat mich gebeten, Ihnen das zu überreichen“, sagt der Mann. May lächelt gequält – eine souveräne Premierministerin sieht anders aus.

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