WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Großbritannien Sparen auf die unfeine englische Art

Seite 2/2

Einsparungen der Staatsausgaben

Abgesehen davon haben die Länder im deutschen Föderalstaat eine starke Stellung und sorgen in der zweiten Kammer, dem Bundesrat, häufig genug für die Lähmung von Reformvorhaben.

Solche Sorgen haben britischen Regierungschefs nicht. Das House of Lords hat keinen Einfluss auf die Haushaltspolitik, und da keiner der 734 Lords gewählt wurde, fehlt dem Oberhaus ohnehin die politische Legitimation.

Cameron und Osborne appellieren außerdem sehr geschickt an den tief verwurzelten Pragmatismus der Briten: „Uns treiben keine Theorien oder Ideologien. Wir tun das, weil wir es tun müssen.“ Tatsächlich gehört Jammern, anders als in Deutschland, bei den Briten nicht zum guten Ton. „Wir beschweren uns nie“, konstatiert die Anthropologin Kate Fox in ihrem Buch „Watching the English“. Stattdessen flüchten sich die Engländer lieber in schwarzen Humor und Ironie.

Und sie sind Kummer gewohnt. Das staatliche Gesundheitssystem NHS erlaubt Patienten keine freie Ärztewahl, und noch immer gibt es lange Wartezeiten für Operationen und Behandlungen. Doch die Briten ertragen es mit Fassung.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Soziale Mobilität in Großbritannien geringer als in den Fünfzigerjahren

    Auch im Bildungssystem liegt nach 13 Jahren Labour-Reformen vieles im Argen. Die Denkfabrik Sutton Trust ermittelte, dass die soziale Mobilität in Großbritannien heute geringer ist als in den Fünfzigerjahren. Die Mittelklasse aber muckt nicht auf, sondern schickt ihre Kinder in teure Privatschulen und Internate, um ihnen einen besseren Start ins Berufsleben zu ermöglichen.

    Dafür nehmen viele Familien große Entbehrungen in Kauf. Tief verwurzelt ist die Überzeugung, dass man sich lieber selbst hilft, statt auf den Staat zu setzen. Und weil manche private Gymnasien umgerechnet 17.000 Euro im Jahr an Gebühren verlangen und Internate nicht selten doppelt so viel kosten, werden viele Briten auch die geplante drastische Steigerung der Studiengebühren schlucken, die in zwei Jahren fällig werden soll. Von derzeit umgerechnet 3700 Euro werden sie wohl auf knapp 8000 Euro steigen – an den Eliteunis Oxford und Cambridge möglicherweise sogar auf 13.600 Euro. Viele junge Leute werden sich für ihre Ausbildung hoch verschulden müssen, Schüler aus finanziell schwachen Familien womöglich ganz darauf verzichten.

    Während City und Industrie den Sparkurs der Regierung loben – „die Einschnitte sind schmerzhaft, aber nötig, um das Defizit abzubauen und die Basis für den künftigen Wohlstand zu legen“, so der Industrieverband CBI –, ist die Strategie der Regierung mit vielen Risiken behaftet. Volkswirte fürchten, Großbritannien könne angesichts seines ohnehin schwachen Wachstums durch das Sparpaket erneut in die Rezession trudeln. Schon werden Forderungen laut, die Bank of England solle erneut die Notenpresse anwerfen.

    Gewerkschaften laufen sich warm

    Für Unruhe könnte auch ein weiteres Ansteigen der Arbeitslosigkeit sorgen, die schon jetzt bei 7,7 Prozent liegt. Laut Osborne sollen eine halbe Million Staatsdiener entlassen werden. Aber es ist unwahrscheinlich, dass diese in der Privatwirtschaft eine neue Beschäftigung finden. Das gilt auch für die Briten, denen nun die Aberkennung der Berufsunfähigkeit droht. Viele von ihnen sind Männer von mehr als 50 Jahren, die einst in manuellen Berufen tätig waren und schwer zu vermitteln sind.

    Die Gewerkschaften rüsten sich bereits für Streiks im nächsten Frühjahr. Dann werden die Briten die Auswirkungen des Spar- und Steuerpakets schmerzhaft zu spüren bekommen. „Wir sitzen nämlich nicht im selben Boot wie Mr. Osborne“ erklärte Tony Woodley, Führer der größten britischen Einzelgewerkschaft Unite.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    Zur Startseite
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%