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Handelsbilanzen Ungleichgewichte bestimmen die Weltwirtschaft

Schon vor der großen Finanzkrise war es ein wichtiges Thema: Das Ungleichgewicht der Weltwirtschaft. Nun befindet sich das Handelsdefizit der USA wieder auf Redkordkurs. Die Schwellenländer kurbeln vergeblich dagegen.

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Containerhafen mit Exportgütern: Das Problem der starken Ungleichgewichte in den Handels- und Leistungsbilanzen besteht weiterhin. Quelle: Reuters

Düsseldorf/São Paulo/Mumbai/Peking Das Handelsbilanzdefizit der USA ist wieder auf Rekordkurs: Wie schon in den Jahren 2005 bis 2007 überschritt es im vergangenen Jahr die Marke von einer halben Billion Euro. Mit 532 Milliarden ist es ziemlich genau doppelt so hoch wie die zusammengerechneten Handelsbilanzüberschüsse der führenden Exportnationen Deutschland und China. Damit steht die Weltwirtschaft wieder vor ähnlich großen Ungleichgewichten in den Handelsbilanzen wie vor der großen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09.

Eine Änderung ist zumindest kurzfristig nicht in Sicht. Das am Jahresende unerwartet stark gestiegene Handelsdefizit der USA sei auf einen Importschub zurückzuführen, sagt Commerzbank-Volkswirt Christoph Balz. „Wir interpretieren das als Hinweis, dass sich die US-Inlandsnachfrage belebt.“ Auf der anderen Seite sank im Januar die Importnachfrage Chinas unerwartet stark, während die Exporte stabil blieben. Die Folge: Der Handelsüberschuss sprang von 13 auf 21 Milliarden Dollar hoch. Dabei war der chinesische Handelsüberschuss im vergangenen Jahr um ein Drittel auf 109 Milliarden Euro gesunken.

Auch innerhalb Europas bestehen unverändert hohe Ungleichgewichte. Einem leicht gestiegenen Handelsüberschuss Deutschlands in Höhe von 158 Milliarden Euro stand ein von 52 auf 70 Milliarden Euro gestiegenes Defizit in Frankreich gegenüber. Immerhin verringerte sich das Defizit Großbritanniens um sechs auf 116 Milliarden Euro, und auch in Spanien und Italien verbesserte sich die Handelsbilanz etwas.

Das Problem der starken Ungleichgewichte in den Handels- und Leistungsbilanzen besteht also fort. Auf dem Höhepunkt der Weltrezession 2009 war es das Thema Nummer eins, zumindest aus US-Sicht. Viele Ökonomen und Politiker sahen in den steigenden Defiziten der USA und mancher europäischer Länder im Außenhandel und den spiegelbildlich steigenden Überschüssen der Exportnationen China, Japan und Deutschland die entscheidende Ursache hinter der schlimmsten Weltwirtschaftskrise seit sieben Jahrzehnten.

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    Inlandsnachfrage wächst schneller als in den USA

    Die US-Regierung scheiterte jedoch mit ihrem Versuch, in der G20-Gruppe führender Wirtschaftsmächte Obergrenzen für Leistungsbilanzungleichgewichte festzulegen. Die Entwicklung der Salden wird seit einem Jahr nur gemeinsam überwacht.

    Von politischer Seite ist also wenig zu erwarten, doch der französische Ökonom Patrick Artus rechnet damit, dass sich mittelfristig die Ungleichgewichte durch eine Reihe von Faktoren automatisch reduzieren werden. Zum einen trage dazu bei, dass die Inlandsnachfrage in den Schwellenländern weit schneller wachse als in den USA, sagt der Chefvolkswirt der Investmentbank Natixis. Außerdem stiegen die Produktionskosten in diesen Ländern, während sich die USA langsam reindustrialisierten. Und schließlich verbesserte sich die Handelsbilanz der Vereinigten Staaten, weil sie weniger Energie importierten.

    Kurzfristig können die Ungleichgewichte jedoch nur dadurch reduziert werden, dass die exportstarken Länder ihre Inlandsnachfrage ankurbeln, wie sie es 2009 getan haben. In Deutschland wächst die Inlandsnachfrage, doch Euro-Krise und Schuldenbremse schränken die Möglichkeiten der Regierung ein.

    In den Schwellenländern gibt es Anzeichen für eine Bereitschaft, das Wachstum zu fördern. Eine Untersuchung der Economist Intelligence Unit ergab, dass unter den Schwellenländern China, Indonesien und Saudi-Arabien den größten geld- und fiskalpolitischen Spielraum für eine Stimulierung der Konjunktur haben. Indien, Brasilien und Polen haben danach kaum noch Luft.


    Die großen Schwellenländer stimulieren vor allem das Heimatwachstum

    In China lockerte die Zentralbank ihre Geldpolitik bereits im vierten Quartal 2011, nachdem sie zuvor aus Angst vor der Blasenbildung im Immobiliensektor die Zügel angezogen hatte. Anders als in den verzagten Volkswirtschaften des Westens und Japans investieren Chinas Firmen kräftig, sobald sie Zugang zu Kapital erhalten. Der Staat muss also bei drohender Wachstumsschwäche nicht unbedingt mit besonderen Programm eingreifen – es reicht, den Banken eine höhere Kreditvergabe zu erlauben. Peking stehe Gewehr bei Fuß, warte aber noch ab, wie sich die Lage in Europa entwickele, sagen Ökonomen.

    In Indien hat die Regierung jüngst einen Umweg gewählt, um die sich abkühlende Wirtschaft anzukurbeln. Sie will ein Investitionsprogramm von rund 27 Milliarden Euro aus dem Cash-Bestand von 17 staatseigenen Konzernen finanzieren. Sie sollen vor allem in Infrastruktur und den Energiesektor fließen. In Indonesien hat der Staat Infrastrukturprojekte für mehr als 40 Milliarden Euro ausgeschrieben und kündigte jetzt an, die Investitionen noch zu steigern, um das Wachstumsziel von 6,7 Prozent zu erreichen.

    Infrastrukturprojekte für rund 140 Milliarden Euro sind auch in Brasilien angelaufen, wo die Wirtschaft gerade wieder Fahrt aufnimmt. Ökonomen erwarten, dass das Land auch seine geldpolitischen Instrumente nutzen wird, um eine Konjunkturabkühlung zu verhindern.

    Die großen Schwellenländer konzentrieren sich also darauf, das heimische Wachstum zu stimulieren. Ob das reicht, um die globalen Ungleichgewichte abzubauen, ist ungewiss.

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