Handelspolitik Eine Abkoppelung von China schadet den USA wirtschaftlich

Vielen US-Politikern sind die hohen Überschüsse Chinas im Handel mit den USA ein Dorn im Auge. Quelle: imago images

Die USA wollen ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von China verringern. Das mag aus sicherheitspolitischen Gründen sinnvoll sein. Wirtschaftlich aber zahlen die USA dafür einen hohen Preis. Ein Gastbeitrag.

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Unter Amerikas Politikern ist es fast schon eine Tradition, wirtschaftspolitische Debatten zu verdrehen. Die aktuelle Debatte über die amerikanisch-chinesische Entkoppelung ist ein Paradebeispiel dafür. Viele Politiker haben erkannt, dass es keinen Sinn macht, eine komplette wirtschaftliche Entkoppelung von China zu fordern. US-Finanzministerin Janet Yellen hält diese für „katastrophal“. Auch US-Außenminister Antony Blinken und der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan verwerfen die Möglichkeit und verweisen auf die Rekordzahlen im bilateralen Handel als augenscheinlichen Beweis, dass eine Entkoppelung im Falle zweier eng integrierter Volkswirtschaften schlicht nicht funktionieren könne.

Eine sorgfältige Betrachtung der Zahlen führt zu einer nuancierteren Einschätzung. Tatsächlich belief sich der bilaterale Handel zwischen den USA und China insgesamt (die kombinierten Exporte und Importe von Waren und Dienstleistungen) im Jahr 2022 auf den Rekordwert von 760,9 Milliarden Dollar. Misst man den Handel am Bruttoinlandsprodukt (BIP), belief er sich auf 3 Prozent des US-BIP. Der Spitzenwert wurde 2014 mit 3,7 Prozent erreicht. Die Entwicklung markiert zwar noch keine vollständige Entkoppelung, doch deutet sie in diese Richtung. 

Wenig überraschend fallen drei Viertel der Abkoppelung in die Zeit nach 2018, als die Regierung unter Donald Trump hohe Zölle auf chinesische Importe verhängte. Sollte die Biden-Regierung die Trump-Zölle beibehalten und weitere Sanktionen etwa auf Hochtechnologie verhängen, dürfte sich Chinas Anteil am gesamten Handelsungleichgewicht der USA weiter verringern.

Die EU muss sich überlegen, wie sie sich in der Konfrontation zwischen den USA und China positioniert. Derisking ist bisher eine hohle Formel. Ein Kommentar.
von Silke Wettach

Den USA mangelt es an Ersparnissen

Hinter dem hohen Handelsdefizit der USA steckt der außerordentliche Mangel an inländischen Ersparnissen. Die US-Sparquote ist im ersten Quartal 2023 netto auf minus 1,2 Prozent des Bruttosozialprodukts gesunken, das ist der niedrigste Wert seit der globalen Finanzkrise von 2008 und liegt deutlich unter dem Durchschnitt von 7,6 Prozent im Zeitraum von 1960–2000. Weil die heimischen Ersparnisse nicht reichen, den inländischen Bedarf an Investitionen zu finanzieren, müssen sich die USA im Ausland Geld leihen und mit den Krediten die für Investitionen benötigten Güter importieren.

Die für die US-Politik unbequeme Wahrheit ist, dass sich der Ersparnismangel ohne eine Eindämmung des staatlichen Haushaltsdefizits weiter fortsetzen wird. Solange diese makroökonomischen Ungleichgewichte bestehen, lassen sich die Handelsprobleme nicht durch Zölle und Sanktionen gegenüber China lösen.

So zeigt sich, dass Chinas zwar immer noch den größten Anteil am gesamten US-Handelsdefizit hat, auch wenn dieser seit Beginn des Handelskrieges im Jahr 2018 von damals 47 Prozent auf 32 Prozent im Jahr 2022 gesunken ist. Zugleich ist der gemeinsame Anteil von sechs anderen Ländern – Kanada, Mexiko, Indien, Südkorea, Taiwan und Irland – von 24 auf  36 Prozent gestiegen. Diese Umlenkung von Handelsströmen kommt nicht überraschend. Sie ergibt sich aus der Tatsache, dass die USA Zölle und Sanktionen gegen China verhängt haben ohne die makroökonomischen Ursachen ihres Handelsdefizits, nämlich den Mangel an inländischen Ersparnissen, zu beseitigen. 

Problematische Umlenkung der Handelsströme

Die Umlenkung der Handelsströme von China weg ist besonders problematisch, weil sie das Defizit von einem preiswerten Lieferanten von Importwaren auf teurere Produzenten verlagert. Die meisten Ökonomen weisen daher darauf hin, dass Protektionismus letztlich eine Form der Besteuerung der heimischen Unternehmen und Verbraucher darstellt. Diese Warnungen sind in Washington offensichtlich auf taube Ohren gestoßen. 

Yellen ist eine Spitzenökonomen und weiß all dies sehr wohl. Daher hatte sie Recht, als sie jüngst erklärte, es wäre katastrophal, „zu versuchen, sich von China abzukoppeln. Derisking? Ja. Abkopplung? Absolut nein.“ Das Problem dabei ist nur: Die Realität ist selten schwarz oder weiß, sondern meist grau. Dem Beispiel Europas folgend hat die Biden-Regierung versucht, die Debatte über die Entkoppelung unter dem Schlagwort „Derisking“ neu zu fassen. Zur Begründung wird auf die nationale Sicherheit verwiesen. Diese rechtfertige eine Verringerung der übermäßigen Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten, heißt es jetzt.

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Man mag über die Notwendigkeit einer Entkoppelung von China aus sicherheitspolitischen Gründen streiten. Fakt ist jedoch, dass eine Eindämmung der Handelsströme mit China den USA wirtschaftlich schadet – egal ob man dafür den Begriff Abkoppelung oder Derisking verwendet. 

Copyright: Project Syndicate

Lesen Sie hier das Interview mit Mike Pompeo: Der ehemalige US-Außenminister fürchtet, dass China Rohstoffe als Druckmittel einsetzt

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