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Hiromasa Yonekura "Wir brauchen eine drastische Deregulierung"

Japans Wirtschaft braucht Öffnung und Innovation, meint Hiromasa Yonekura, Chairman des Chemieriesen Sumitomo Chemical und seit Mai 2010 Vorsitzender des japanischen Wirtschafts-Dachverbands Keidanren, im Interview mit WirtschaftsWoche.

Hiromasa Yonekura, Chairman des Chemieriesen Sumitomo Chemical und seit Mai 2010 Vorsitzender des japanischen Wirtschafts-Dachverbands Keidanren, im Interview mit WirtschaftsWoche Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Yonekura, Japan erlebt die dritte Rezession in vier Jahren. Was sind die Ursachen?

Hiromasa Yonekura: Diese Rezession geht auf das Konto der Schuldenkrise in Europa, die besonders die Wirtschaft in Asien getroffen hat. Außerdem wächst China langsamer, weil dort die Wachstumsrichtung nach innen gedreht wurde.

Liegt es nicht auch an Japans hohen Schulden?

Wir sind darüber besorgt. Aber Japan ist auch die größte Gläubigernation. Der private Sektor hat riesige Ersparnisse. Nur die Regierung ist verschuldet. Ihr fiskalischer Spielraum ist winzig klein.

Wie können diese Schulden reduziert werden?

Wir brauchen eine nachhaltige Sozialversicherung für die alternde Gesellschaft. Diese Zusatzkosten können wir durch die Verdoppelung der Mehrwertsteuer 2014/15 abdecken. Die Haushaltskonsolidierung ist jetzt ein Thema geworden.

Zehn Vorurteile über Japan - und die Wahrheit
Japan ist nicht Asien!Als Inselreich gehört Japan selbst geografisch nicht hundertprozentig zu Asien. Und kulturell auch nur eingeschränkt. Wer Japan kennt, kann also nicht sagen, dass er Asien kennt. Das liegt vor allem daran, dass sich Japan zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und 1854 fast völlig von Asien und dem Rest der Welt abkapselte. Nur über die kleine niederländische Handelsstation Dejima (Bild) im Hafen von Nagasaki wurden Waren und Informationen ausgetauscht. Aber Japan blieb dadurch auch verschont von westlichem Kolonialismus. Nach der Meiji-Restauration 1868 modernisierte sich Japan in atemberaubender Geschwindigkeit und wurde selbst zu einer in Asien expandierenden Großmacht. Quelle: Gemeinfrei
Japaner und Chinesen haben nicht dieselbe SchriftDie japanische Schrift ist eine einzigartige Mischung. Eigennamen werden zum Großteil mit chinesischen Schriftzeichen – Kanji – geschrieben. Die Japaner nutzen etwa 2000 dieser Zeichen.  Einige Wörter und vor allem Endungen und Partikel werden in der Lautschrift Hiragana geschrieben. Für die immer zahlreicher werdenden Fremdwörter nutzen Japaner eine eigene Silbenschrift: Katakana. Quelle: Fotolia
Japaner sprechen nicht von „Samurai“Der Begriff wird eher im Westen verwendet. Japaner sprechen meist von „Bushi“, wenn sie die Krieger des alten Japans meinen. Der Ehrenkodex der Krieger hieß daher „Bushidô“, also „Weg des Kriegers“. Mit einem gewissen Rapper der Gegenwart hat das überhaupt nichts zu tun. Quelle: Fotolia
Geishas sind keine ProstituiertenJapans Kurtisanen sind bewandert in allen schönen Künsten, oft mehrerer Sprachen mächtig und vor allem redegewandt. Sie lachen, scherzen, tanzen, musizieren und bewegen sich äußerst gekonnt, lassen dezent Haut blitzen oder auch nicht und verwöhnen den Gast mit erlesenen Gerichten und Alkoholika. Sie sind ein Stück japanische Tradition aber keinesfalls Prostituierte - das waren sie auch früher nicht. Quelle: dpa
In Japan gibt es ausgezeichnetes BierDas traditionelle japanische alkoholische Nationalgetränk ist "Sake". Ein milder Reiswein, der im Winter heiß, im Sommer kalt genossen wird. Seit der Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert und dank der Unterrichtung durch deutsche Braumeister hat sich aber immer mehr das Bier als eigentliches Nationalgetränk im Alltag durchgesetzt. Vor allem zu Sushi passt Bier am besten. Quelle: AP
Anime und Manga sind kein KinderkramAnimationsfilme und japanische Comics haben sich längst auch bei erwachsenen Japanern durchgesetzt. Viele sind thematisch auch ganz und gar nicht für Kinder gedacht. Sie sind der größte Kultur-Export-Schlager Japans, nicht zuletzt in Deutschland. Die Wurzeln des Manga sind in der alten japanischen Holzschnittkunst zu suchen, den ukio-e. Quelle: dpa
Japaner lächeln nicht immerEs stimmt schon, Japan ist ein Land des Lächelns. In Geschäften, in Restaurants wird man als Kunde wohltuend freundlich behandelt, selbst bei unfreundlichen Anlässen. Aber wer mehr als ein paar Touristentage in Japan verbringt, wird schnell auch japanische Härte und sogar Unfreundlichkeit erleben. Japanische Zollbeamte zum Beispiel kennen kein Lächeln. Einen lächelnden Sumo-Ringer wird man auch nur selten finden – zumindest nicht beim Kampf. Quelle: REUTERS

Der mutmaßliche Wahlsieger Shinzo Abe will die Deflation durch eine lockere Geldpolitik stoppen. Eine gute Idee?

Ich glaube nicht an zwei Prozent Inflation. Wir stecken seit Jahren in einer Liquiditätsfalle, weil das Geld keine Nachfrage erzeugt. Daher verlangen wir eine Beschleunigung von Innovation, damit neue Industrien auf der Basis neuer Technologien entstehen. Außerdem brauchen wir Freihandelsverträge mit unseren Nachbarn und mit Europa.

Diese Forderungen scheinen bisher auf taube Ohren zu stoßen.

Die Politiker hören uns schon zu. Wir brauchen eine drastische Deregulierung, damit Ausländer und Japaner das Gefühl bekommen, dass Japan wiedergeboren ist. Wir müssten noch mal ganz bei null anfangen.

Von Deregulierung ist keine Rede?

Bis jetzt haben wir leider nur einige Sonderzonen wie die Tsunami-Gebiete. Deshalb haben wir als Keidanren das Projekt von elf Zukunftsstädten angestoßen, um die Notwendigkeit einer kompletten Deregulierung zu zeigen.

Japan scheint weniger wettbewerbs- fähig geworden zu sein.

Das liegt am starken Yen. Zur Perfektionierung einer neuen Technologie müssten wir die erste Fabrik in Japan bauen, aber bei diesen Wechselkursen behalten wir nur das Forschungs- und Entwicklungszentrum in Japan und gehen mit der Fabrik ins Ausland.

In Arbeit
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Japans Arbeitsbevölkerung schrumpft. Warum gibt es kaum Immigration?

Japan ist vielleicht das einzige Land ohne Einwanderung. Aber wir lassen nach deutschem Vorbild hoch qualifizierte Fachleute ins Land und holen mehr Frauen und ältere Menschen in die Erwerbsbevölkerung.

Soll Japan aus der Atomkraft aussteigen?

Japan braucht eine Energiemischung einschließlich Atomkraft für eine stabile Versorgung. Erneuerbare Energien sind sehr wichtig, aber die Stromversorger für 20 Jahre zu hohen Abnahmepreisen zu zwingen, wie es seit Juli geschieht, verhindert Innovationen.

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